Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Was einmal Schuhe und Stiefel gewesen, das waren nur noch Fetzen an den blutenden, von scharfkantigen Steinen zerschnittenen Füßen.
Durch fünf bis sechs Ellen lange Seile waren die Gefangenen mit den Sattelgurten der trabenden Kamele verbunden. Das Ende dieser Seile schlang sich um ihre Handgelenke und war dort mit so großem Geschick verknotet, daß sich die Fesseln bei jedem Widerstand stets weiter zusammenzogen und immer tiefer in das Fleisch einschnitten.
Zu essen hatten sie wenig bekommen. Sie spürten die wenigen Bissen kaum im Magen, und wenn irgendwo eine Quelle aus den Felsen des Atlasgebirges sprudelte, so war das nur eine vergnügliche Abwechslung für die Wächter, die sich volltranken und ihre Kamele saufen ließen, um sie dann, sobald sich die Gefangenen halb verdurstet am Wasser niedergeworfen hatten, weiter-zujagen — kaum, daß die Gequälten ihre aufgesprungenen Lippen genetzt hatten. Vor zehn Tagen bereits hatten sie das Tell[1] hinter sich gelassen, hatten die Gegend der Schotts und Salzsümpfe durchquert, waren an Hunderten von Duars2 vorbeigekommen, von Arabern beschimpft und bespuckt worden und traten nun in den großen Atlas ein, den Gebirgszug, hinter dem sich die unermeßliche Sahara eröffnete, in der der Mensch verloren war wie ein Salzkorn im Sandhaufen.
La ilaha ila Allahu wa Mohammad rasul al-mahdi! — Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Gottes! —
»Maldito«, fluchte Alfonso Jardin mit schwacher Stimme; es klang mehr wie ein Weinen. Der Kamelreiter, an dessen Tier er hing, hatte den Fluch vernommen. Wenn er auch nicht spanisch verstand, so war ihm zumindest aus der Betonung der Sinn des Wortes klar. Ein Kolbenschlag auf die Schulter des Spaniers war die Antwort, und »Jallah! — Jallah!« trieben die anderen Reiter grinsend ihre Tiere zu noch schnellerer Gangart an.
Es ist erstaunlich, was der Mensch ertragen kann, dachte Michel Baum. Beinahe waren sie frei gewesen. Die Segel der »Medina« waren schon vom Wind gebläht, als plötzlich die Kanonen des Hafenforts donnerten und ihre Kugeln auf das Schiff schickten. Der Kapitän, Abu Hanufa al Dinaweri, hatte unter seiner braunen Haut die Farbe verloren. Der gelehrte Steuermann, Ihn Kuteiba, war auf die Knie gesunken und hatte zum Propheten und allen Kalifen um Rettung gefleht. Und der schurkische Abdallah war nirgends auf dem Schiff zu sehen gewesen. Michel Baum, der Pfeifer, stand am Heck und legte das Gewehr an. Aber die Wirkung der Kanonenschüsse auf die Mannschaften war frappierend. In diesem Augenblick erst hatten sie begriffen, daß ihr Kapitän eigenmächtig, ohne Befehl des Daj, in See gehen wollte. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen, doch die Kanonen redeten eine deutliche Sprache. Es war gegen den Willen des Herrschers, daß die »Medina« den Hafen verließ; um das zu merken, brauchte man weder lesen noch schreiben zu können.
Und die wilden Burschen reagierten dementsprechend. Im Nu hatten sie die Flüchtlinge niedergerissen und gebunden.
Als ein Boot, mit Janitscharen bemannt, herankam, brauchten sie die wieder Eingefangenen nur noch einzuladen und an Land zu rudern, wo sie der Wesir des Daj, Hussejn, bereits erwartete. Die erste Tat des algerischen Paladins war, daß er die Nilpferdpeitsche schwang und sie den Flüchtigen ein paarmal über das Gesicht zog. Allerdings verschonte er die noch immer mit der Offiziersuniform bekleidete Isolde Hawbury. Zwei Haremswächter packten das sich verzweifelt sträubende Mädchen, um es in den Palast zurückzuschleppen. Seitdem hatten sie nichts mehr von ihr gesehen.
Hussejn machte nicht viel Federlesens. Er berief nicht erst den Diwan[2] ein, sondern befahl einer Kamelreiterpatrouille, die Gefangenen in die Steinbrüche am Rand der Wüste zu bringen. Er gewährte ihnen nicht einmal mehr eine Nacht Aufenthalt in Algier, obwohl Michel energisch verlangt hatte, vom Daj persönlich abgeurteilt zu werden. Hussejn hatte nur die Peitsche erhoben und abermals zugeschlagen. Er haßte die Fremden; denn er hatte Angst, daß sich sein Herr zu tief in das europäische Wesen verstricken könnte, wenn man die Fremden hier in Algier bis zu seiner Rückkunft ließ. Baba Ali hatte ihm bereits Andeutungen gemacht, daß man den pfeifenden Teufel vielleicht zum Janitscharenhekim2 ernennen könne, um ihn zu veranlassen, nicht nur die Behandlung der Verwundeten auf den europäischen Stand zu bringen, sondern um ihm auch nach und nach die Rearmierung des ganzen Heeres zu übertragen. Hussejn aber hatte Sorge, daß europäische Einflüsse die Truppen verweichlichen würden. Die Janitscharenrepublik Al-Dschesair brauchte harte Soldaten, wenn sie sich erfolgreich gegen die überlegen ausgerüsteten Europäer zur Wehr setzen wollte. —
Michel stieß einen Pfiff aus, wie um seine Gedankengänge damit zu unterstreichen. Jetzt war man nun hier, hatte schon die Vorläufer des Atlas überwunden, würde auch das Gebirge bald hinter sich lassen und dann — — — dann gab es so gut wie keine Rettung mehr. Die algerischen Steinbrüche am Rand der Wüste hatten noch keinen Menschen wieder hergegeben. Die Wächter erzählten in ihrem Kauderwelsch oft, daß selbst Eingeborene es höchstens zwei bis drei Jahre aushielten, bis sie den fürchterlichen Anstrengungen erlagen. Wie lange würde da wohl ein Ausländer — — —?
Weiter, immer weiter ging der Zug. Es war ein Glück, daß die Kamele hier auf dem steinigen Boden langsam gehen mußten, obgleich die Reiter am liebsten nur Trab geritten wären. Doch da sie es nicht ändern konnten, begannen sie von Sattel zu Sattel laut schreiend eine Unterhaltung zu führen. Wild mit den Händen gestikulierend, schienen sie sich immer mehr in die abgründigsten Themen zu verstricken; denn es hagelte nur so Allahs und Mohammeds.
Deste, der neben Michel einherwankte, hatte plötzlich ein Grinsen auf dem Gesicht.
»Wozu die Burschen dauernd Allah und ihre siebenhimmlige Ewigkeit anrufen, ist unglaublich.«
»Worum geht's?« fragte Michel, dem die Ablenkung willkommen war.
»Sie wetten bei allen Marabuts, daß der Daj mit riesiger Beute von seinem Feldzug gegen die Spanier heimkehren wird, und daß sie von da an mehr Sold erhalten werden. Sie rechnen sich aus, daß sie zu dritt jeweils eine Frau kaufen könnten, alles im Namen Allahs und mit Hilfe des Propheten.«
Michel blickte sich um und betrachtete die Unglücksgefährten.
Bisher hatten sie alles leidlich überstanden. Selbst der alte Kapitän Porquez taumelte noch immer hinter seinem Kamel her. Er war ein zäher Bursche. Am meisten mitgenommen schienen Ibn Kuteiba, der gelehrte Steuermann, und der kleine Jardin. Abu Hanufa trug sein würdigstes Gesicht zur Schau. Über seine Lippen war noch nicht ein Klagelaut gekommen. Und Ojo war, was das Laufen anbelangte, einfach nicht zu übertreffen. Seine Zähigkeit schien keine Grenzen zu kennen. Er hatte es schon mehrmals fertigbekommen, in der Nähe von Brunnen einfach seinen Schritt dorthin zu lenken, wobei ihm das Kamel folgen mußte; denn seine Bärenkräfte waren so ungeheuerlich, daß selbst der Reiter nicht imstande war, das Tier in eine andere Richtung zu zwingen.
1
Der kleine Atlas
2
Staatsrat