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Die Dämonen
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Sie hatte zugehört und ließ nun, wie nachdenkend, den Kopf sinken.

»Wir wollen gehen,« sagte sie seufzend und nahm seinen Arm.

Aber nun begegnete ihr ein kleines Unglück. Wahrscheinlich hatte sie eine unvorsichtige Wendung gemacht und war dabei auf ihr krankes, zu kurzes Bein getreten; kurz, sie fiel mit der ganzen Seite auf den Lehnstuhl und wäre, wenn dieser nicht dagestanden hätte, auf den Fußboden gefallen. Im selben Augenblick ergriff Nikolai Wsewolodowitsch sie, richtete sie auf, faßte sie kräftig unter den Arm und führte sie teilnahmsvoll und behutsam zur Tür. Sie war offenbar betrübt über ihren Fall, wurde verlegen, errötete und schämte sich schrecklich. Schweigend, zur Erde blickend und stark hinkend wankte sie neben ihm her; sie hing beinah an seinem Arme. So verließen sie das Zimmer. Lisa sprang, wie ich sah, während die beiden hinausgingen, aus irgendwelchem Grunde von ihrem Sessel auf und verfolgte sie mit einem starren Blicke bis zur Tür. Dann setzte sie sich schweigend wieder hin; aber über ihr Gesicht lief ein krampfhaftes Zucken hin, als ob sie ein Reptil berührt hätte.

Während diese ganze Szene zwischen Nikolai Wsewolodowitsch und Marja Timofejewna vorging, hatten alle erstaunt geschwiegen; man hätte eine Fliege hören können; aber kaum waren die beiden hinausgegangen, als plötzlich alle zu reden anfingen.

VI.

Geredet wurde übrigens nur wenig; größtenteils wurde geschrien. Ich habe jetzt nicht mehr genau im Kopfe, in welcher Reihenfolge dies alles damals vorging; denn es herrschte ein gewaltiger Wirrwarr. Stepan Trofimowitsch rief etwas auf französisch und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen; aber Warwara Petrowna hatte keine Lust, sich mit ihm abzugeben. Sogar Mawriki Nikolajewitsch brummte ein paar abgebrochene Bemerkungen schnell vor sich hin. Aber den größten Eifer von allen entwickelte Peter Stepanowitsch; er gab sich unter vielen Gestikulationen die denkbar größte Mühe, Warwara Petrowna von etwas zu überzeugen; aber ich konnte lange Zeit nichts davon verstehen. Auch an Praskowja Iwanowna wandte er sich und an Lisaweta Nikolajewna; er schrie in seinem Eifer sogar seinem Vater etwas zu; kurz, er bewegte sich geschäftig im ganzen Zimmer umher. Warwara Petrowna, die ganz rot im Gesicht geworden war, sprang von ihrem Platze auf und schrie Praskowja Iwanowna zu: »Hast du gehört, hast du gehört, was er hier eben zu ihr gesagt hat?« Aber diese war nicht mehr imstande zu antworten und murmelte nur mit abwehrenden Handbewegungen etwas vor sich hin. Die Ärmste hatte ihre eigene Sorge: sie drehte alle Augenblicke den Kopf nach Lisa hin und blickte sie in grenzenloser Angst an; aber aufzustehen und fortzufahren, bevor sich ihre Tochter erhob, das wagte sie nicht. Inzwischen ließ der Hauptmann deutlich den Wunsch erkennen, sich fortzuschleichen. Dies bemerkte ich. Er befand sich von dem Augenblicke an, wo Nikolai Wsewolodowitsch erschienen war, zweifellos in starker Angst; aber Peter Stepanowitsch ergriff ihn am Arme und ließ ihn nicht weggehen.

»Das ist unbedingt notwendig, unbedingt notwendig,« redete er in seiner gewandten Weise auf Warwara Petrowna ein, immer noch bemüht, sie zu überzeugen.

Er stand vor ihr; sie hatte sich bereits wieder auf den Lehnstuhl gesetzt, und ich erinnere mich, daß sie ihm eifrig zuhörte; er hatte dies erreicht und ihre Aufmerksamkeit gefesselt.

»Das ist unbedingt notwendig. Sie sehen selbst, Warwara Petrowna, daß hier ein Mißverständnis vorliegt; dem Anscheine nach ist hier vieles wunderbar, in Wirklichkeit aber ist die Sache sonnenklar und außerordentlich einfach. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß mich niemand ermächtigt hat, die Sache zu erzählen, und daß ich mich vielleicht lächerlich mache, wenn ich mich selbst dazu aufdränge. Aber erstens legt Nikolai Wsewolodowitsch selbst dieser Sache keine Bedeutung bei, und dann gibt es Fälle, in denen es dem Betreffenden schwer wird, sich zu einer persönlichen Darlegung zu entschließen, und dies notwendigerweise ein dritter übernehmen muß, dem es leichter wird, gewisse delikate Dinge auszusprechen. Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, Nikolai Wsewolodowitsch hat ganz recht gehandelt, wenn er Ihnen soeben auf Ihre Frage keine erschöpfende Erklärung gab, trotzdem die Sache eine Lappalie ist; ich kenne sie schon von Petersburg her. Außerdem macht die ganze Geschichte ihm nur Ehre, wenn man dieses unbestimmte Wort ›Ehre‹ einmal gebrauchen soll ...«

»Wollen Sie sagen, daß Sie Zeuge eines Ereignisses gewesen sind, aus dem diese unverständliche Situation hervorgegangen ist?« fragte Warwara Petrowna.

»Zeuge und Teilnehmer,« versicherte Peter Stepanowitsch eilig.

»Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben können, daß Nikolai Wsewolodowitsch, der mir nichts zu verbergen pflegt, dadurch nicht in seinem Zartgefühl verletzt wird, und wenn Sie außerdem davon überzeugt sind, daß Sie ihm damit sogar einen Gefallen erweisen ...«

»Ganz bestimmt erweise ich ihm damit einen Gefallen, und eben deswegen wird es mir ein besonderes Vergnügen sein. Ich bin überzeugt, daß er selbst mich darum bitten würde.«

Das aufdringliche Verlangen dieses plötzlich vom Himmel herabgefallenen Herrn, fremde Erlebnisse zu erzählen, war allerdings recht sonderbar und verstieß gegen die üblichen Formen des Verkehrs. Aber er hatte nun einmal Warwara Petrowna an seiner Angel gefangen, indem er ihren wundesten Punkt berührt hatte. Ich kannte damals den Charakter dieses Menschen noch nicht völlig und noch weniger seine Absichten.

»Nun, dann werde ich zuhören,« sagte Warwara Petrowna zurückhaltend und vorsichtig; ihre Nachgiebigkeit kam ihr offenbar schwer an.

»Die Geschichte ist nur kurz; man kann sogar sagen, daß es eigentlich gar keine Geschichte ist,« begann das Wortgeriesel. »Übrigens könnte ein Romanschriftsteller, wenn er Langeweile hat, daraus einen Roman zurechtkneten. Es ist eine ganz interessante kleine Affäre, Praskowja Iwanowna, und ich bin überzeugt, daß Lisaweta Nikolajewna sie mit lebhafter Teilnahme anhören wird, weil darin viele wenn auch nicht wunderbare, so doch wunderliche Dinge vorkommen. Vor fünf Jahren lernte Nikolai Wsewolodowitsch in Petersburg diesen Herrn kennen, ebendiesen Herrn Lebjadkin hier, der mit offenem Munde dasteht und anscheinend soeben große Lust hatte zu verschwinden. Entschuldigen Sie, Warwara Petrowna! Ich rate Ihnen übrigens nicht, sich davonzumachen, Herr Proviantbeamter a.D. (Sie sehen, ich erinnere mich Ihrer ganz genau). Sowohl mir als auch Nikolai Wsewolodowitsch sind Ihre hiesigen Streiche sehr gut bekannt, und Sie werden, vergessen Sie das nicht, Rechenschaft davon ablegen müssen. Ich bitte noch einmal um Entschuldigung, Warwara Petrowna. Nikolai Wsewolodowitsch nannte diesen Herrn damals seinen Falstaff; das muß wohl«, fügte er zur Erklärung hinzu, »früher einmal ein burlesker Charakter gewesen sein, über den alle sich lustig machten, und der selbst nichts dagegen hatte, daß alle über ihn lachten, wenn sie ihm nur Geld gaben. Nikolai Wsewolodowitsch führte damals in Petersburg ein sozusagen spöttisches Leben; mit einem andern Ausdruck kann ich es nicht bezeichnen: Blasiertheit liegt ihm fern, eine ernste Beschäftigung aber verschmähte er damals. Ich rede nur von der damaligen Zeit, Warwara Petrowna. Dieser Lebjadkin hatte eine Schwester, ebendieselbe, die soeben hier gesessen hat. Bruder und Schwester hatten keine eigene Wohnung und nomadisierten bei anderen Leuten. Er trieb sich in den Bogengängen des Kaufhofes umher, wobei er stets seine frühere Uniform trug, und hielt anständig aussehende Passanten an, und was er bekam, vertrank er. Seine Schwester nährte sich wie die Vögel unter dem Himmel. Sie half in fremden Wohnungen und verrichtete Magddienste für den notwendigsten Unterhalt. Es war ein wüstes, unordentliches Leben, von dem ich keine genauere Schilderung geben will; aber an diesem Leben beteiligte sich damals infolge einer wunderlichen Laune auch Nikolai Wsewolodowitsch. Ich rede nur von der damaligen Zeit, Warwara Petrowna, und was die wunderliche Laune anlangt, so ist das sein eigener Ausdruck. Er ist gegen mich sehr offenherzig. Auf Mademoiselle Lebjadkina, mit der Nikolai Wsewolodowitsch eine Zeitlang häufig zusammentraf, machte sein Äußeres großen Eindruck. Er war sozusagen ein Brillant auf dem schmutzigen Hintergrunde ihres Lebens. Ich verstehe mich schlecht auf die Schilderung von Gefühlen und gehe deshalb darüber hinweg; aber elende Gesellen machten das Mädchen sofort zur Zielscheibe ihres Spottes, und da versank sie in Traurigkeit. Man hatte sich dort überhaupt von jeher über sie lustig gemacht; aber früher hatte sie das gar nicht bemerkt. Ihr Kopf war schon damals in Unordnung, wenn auch nicht so wie jetzt. Es ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie in ihrer Kindheit durch eine Wohltäterin eine leidliche Erziehung und Bildung erhalten hat. Nikolai Wsewolodowitsch wandte ihr nie die geringste Aufmerksamkeit zu und spielte lieber mit alten schmutzigen Karten um eine Viertelkopeke Preference mit kleinen Beamten. Aber einmal, als sie von einem solchen Beamten beleidigt wurde, da faßte er, ohne viel zu fragen, diesen am Rockkragen und warf ihn aus dem zweiten Stockwerk durchs Fenster. Von ritterlicher Entrüstung zugunsten der beleidigten Unschuld war dabei nicht die Rede; der ganze Vorgang spielte sich unter allgemeinem Gelächter ab, und am meisten von allen lachte Nikolai Wsewolodowitsch selbst; und als alles glücklich abgelaufen war, versöhnten sie sich und fingen an, Punsch zu trinken. Aber die verfolgte Unschuld selbst vergaß diese Begebenheit nicht. Natürlich endete die Sache mit einer vollständigen Zerrüttung ihrer geistigen Fähigkeiten. Ich wiederhole, ich verstehe mich schlecht auf die Schilderung von Gefühlen; aber hier war die Hauptsache ein Hang zu phantastischer Träumerei. Und Nikolai Wsewolodowitsch nährte wie mit Absicht diesen Hang bei ihr noch mehr: statt über sie zu lachen, begann er auf einmal ihr mit überraschender Hochachtung zu begegnen. Kirillow, der dort lebte (er ist ein außerordentliches Original, Warwara Petrowna, und ein äußerst wortkarger Mensch; Sie werden ihn vielleicht einmal zu sehen bekommen; denn er wohnt jetzt hier), na also dieser Kirillow, der gewöhnlich immer schweigt, der wurde da auf einmal hitzig und sagte, wie ich mich erinnere, zu Nikolai Wsewolodowitsch, dieser behandle das Fräulein wie eine Marquise und richte sie damit vollständig zugrunde. Ich füge hinzu, daß Nikolai Wsewolodowitsch vor diesem Kirillow eine gewisse Achtung empfand. Und was meinen Sie, daß er ihm antwortete? ›Sie glauben, Herr Kirillow,‹ sagte er, ›daß ich mich über sie lustig mache; aber seien Sie versichert, ich schätze sie wirklich hoch; denn sie ist besser als wir alle.‹ Und wissen Sie, das sagte er in durchaus ernstem Tone. Dabei hatte er in diesen zwei, drei Monaten außer ›Guten Tag‹ und ›Adieu‹ in Wirklichkeit zu ihr kein Wort gesprochen. Ich, der ich damals dort lebte, erinnere mich zuverlässig, daß sie schließlich dahin gelangte, ihn für ihren Liebhaber zu halten, der einzig deswegen nicht wage, sie zu entführen, weil er viele Feinde habe oder in seiner Familie auf Hindernisse stoße oder aus ähnlichen Gründen. Es wurde dort viel darüber gelacht. Die Sache endete damit, daß Nikolai Wsewolodowitsch, als er damals hierher reisen mußte, vorher für ihren Unterhalt sorgte, und zwar in der Weise, daß er ihr eine ziemlich beträchtliche jährliche Pension aussetzte, mindestens dreihundert Rubel, wenn nicht mehr. Kurz, wir können annehmen, daß das alles von seiner Seite ein mutwilliges Spiel war, die Laune eines vor der Zeit müde Gewordenen, oder auch schließlich, wie Kirillow sagte, eine neue psychologische Studie eines Übersättigten, um zu sehen, wie weit man einen geistesgestörten Krüppel treiben kann. ›Sie haben sich‹, sagte Kirillow, ›absichtlich das elendeste Wesen ausgesucht, ein verkrüppeltes Wesen, das lebenslänglich nur Schande und Schläge kennen gelernt hat, und von dem Sie obendrein wissen, daß es in komischer Weise in Sie verliebt ist; und nun machen Sie sich absichtlich daran, dieses Mädchen zu betrügen, lediglich um zu sehen, was dabei herauskommt!‹ Schließlich: trifft denn einen Mann wirklich ein so besonderer Vorwurf, wenn eine geistesgestörte Frauensperson, mit der er, wohlgemerkt, die ganze Zeit über kaum ein paar Worte gewechselt hatte, auf phantastische Ideen gerät? Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, über die man nicht verständig sprechen kann, ja, über die überhaupt zu reden unverständig ist. Nun, mag es schließlich auch eine wunderliche Laune gewesen sein; aber einen stärkeren Ausdruck kann man jedenfalls nicht dafür anwenden; und trotzdem hat man jetzt eine Skandalgeschichte daraus gemacht ... Es ist mir zum Teil bekannt, Warwara Petrowna, was hier vorgeht.«

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