Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Mr. Forrest setzte sich und schwenkte einmal kurz mit lockerem Handgelenk seine Papiere. Der letzte Wille Mr. Guy Brouards, be- gann er, sei am zweiten Oktober dieses Jahres verfasst, unterzeichnet und bezeugt worden. Es sei ein einfaches Dokument.
Margaret war nicht sonderlich glücklich mit der Entwicklung der Dinge. Sie machte sich auf unangenehme Enthüllungen gefasst. Und das war klug von ihr, wie sich zeigte. Kurz und bündig unterrichtete Mr. Forrest die Versammelten, dass Guy Brouards gesamter Nachlass sich aus einem einzigen Bankkonto und einem Wertpapierportefeuille zusammensetzte. Der Kontobestand und der Wertpapierbestand sollten gemäß dem geltenden Erbrecht in zwei gleiche Teile geteilt werden. Die eine Hälfte sollte, wiederum nach geltendem Erbrecht, unter den drei Kindern des Erblassers gedrittelt werden. Die zweite Hälfte fiel zu gleichen Teilen an Paul Fielder und Cynthia Moullin.
Ruth, geliebte Schwester und lebenslange Gefährtin des Verstorbenen, wurde mit keinem Wort erwähnt. Aber wenn man das ungeheure Vermögen Guys bedachte — die Immobilien in England, Frankreich, Spanien und auf den Seychellen, seine internationalen Unternehmensbeteiligungen, sein Wertpapiervermögen, seine Kunstsammlung und Le Reposoir — , dieses Vermögen, das in seinem Testament nicht einmal angesprochen wurde, so brauchte man nicht viel zu überlegen, um zu begreifen, was Guy getan hatte: Er hatte seinen Kindern unmissverständlich klar gemacht, was er von ihnen hielt, und gleichzeitig bestens für das Wohl seiner Schwester vorgesorgt. Mein Gott, dachte Margaret, er muss ihr noch zu seinen Lebzeiten alles überschrieben haben.
Als Mr. Forrest zum Schluss seiner Ausführungen kam, herrschte fassungsloses Schweigen, und nur langsam wurde zumindest bei Margaret die Fassungslosigkeit von Empörung verdrängt. Sie war sofort überzeugt, dass Ruth diese ganze Veranstaltung nur inszeniert hatte, um sie zu demütigen. Ruth hatte sie nie gemocht. Von Anfang an nicht. Und in den Jahren, in denen sie — Margaret — Guy seinen Sohn vorenthalten hatte, war bei Ruth zweifellos ein abgrundtiefer Hass gegen sie gewachsen. Welch eine Genugtuung ihr dieser Augenblick bereiten musste, in dem sie miterleben konnte, wie Margaret Chamberlain ihre gerechte Strafe bekam: in Form der bitteren
Erkenntnis, dass Guys Nachlass bei weitem nicht ihren Erwartungen entsprach, und ihr Sohn obendrein aus diesem Nachlass weniger erhielt als zwei wildfremde Personen namens Fielder und Moullin.
Zum Kampf bereit wandte Margaret sich ihrer ehemaligen Schwägerin zu. Doch in Ruths Gesicht erblickte sie eine Wahrheit, die sie nicht glauben mochte. Ruth war so bleich geworden, dass ihre Lippen kreidig wirkten, und ihr Gesichtsausdruck sagte deutlicher als alle Worte, dass das Testament ihres Bruders allem widersprach, was sie erwartet hatte. Sah man diese Reaktion in Zusammenhang mit ihrer Einladung an die anderen, der Testamentsverlesung beizuwohnen, so verriet sie allerdings noch weit mehr. Für Margaret stand fest: Ruth hatte nicht nur von der Existenz eines früheren Testaments gewusst, sie hatte auch den Inhalt dieses Testaments gekannt.
Warum sonst hätte sie Guys letzte Geliebte zu diesem Termin gebeten? Warum Frank Ouseley? Die Duffys? Es konnte dafür nur einen Grund geben: Ruth hatte sie alle in gutem Glauben eingeladen, weil Guy in einem früheren Testament jedem von ihnen etwas hinterlassen hatte.
Und was ist mit Adrian? dachte Margaret. Was ist mit meinem Sohn? Ein dünner roter Schleier schien sich vor ihren Blick zu ziehen, als sie begriff, was geschehen war: Ihrem Sohn Adrian sollte verweigert werden, was ihm von Rechts wegen zustand. Er war von seinem Vater praktisch enterbt worden. Er sollte es sich gefallen lassen, weniger zu erhalten als zwei Wildfremde — Fielder und Moullin, wer auch immer das sein mochte!. Sein Vater hatte offensichtlich über den Großteil seines Vermögens bereits anderweitig verfügt. Adrian sollte buchstäblich mit nichts abgefertigt werden, und das von dem Mann, der ihn in die Welt gesetzt und ihn dann kampflos aufgegeben hatte, dem es offensichtlich überhaupt nichts ausgemacht hatte, seinen Sohn aufzugeben und die darin enthaltene Zurückweisung noch dadurch zu zementieren, dass er mit der Geliebten seines Sohnes ein Verhältnis anfing, gerade als diese zu einer dauerhaften Bindung bereit war, die Adrians Leben für immer verändern und ihn endlich hätte heilen können. Es war unvorstellbar! Eine einzige Gewissenlosigkeit. Aber dafür würde jemand bezahlen!
Margaret wusste noch nicht, wer und wie. Aber sie war entschlossen, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Das hieß, dass man zuerst diesen beiden Fremden das Geld entreißen musste, das Guy ihnen vermacht hatte. Was waren das überhaupt für Leute? Wo lebten sie? Was hatten sie mit Guy zu tun gehabt?
Es gab zwei Personen, die diese Fragen beantworten konnten. Die eine war Dominic Forrest, der seine Papiere wieder einpackte und dabei etwas von amtlichen Wirtschaftsprüfern, Bankauskünften und Anlageberatern erzählte. Die andere war Ruth, die nun zu Anai's Abbott eilte — ausgerechnet zu dieser Person! — und ihr murmelnd Trost zusprach.
Forrest, vermutete Margaret, würde wahrscheinlich nicht bereit sein, zusätzliche Informationen herauszurücken. Aber Ruth, in ihrer Eigenschaft als ihre ehemalige Schwägerin und als Tante von Adrian, der von seinem Vater so schlecht behandelt worden war. Ja, von Ruth würde schon etwas zu erfahren sein, wenn man es richtig anfing.
Margaret, die plötzlich bemerkte, dass Adrian, der neben ihr saß, heftig zitterte, riss sich von ihren Spekulationen los. Sie war von ihren Überlegungen, was jetzt zu tun war, so absorbiert gewesen, dass sie überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, was dieser Moment für Adrian bedeutete. Natürlich war Adrians Beziehung zu seinem Vater immer schwierig gewesen, da diesem ja seine sexuellen Abenteuer stets wichtiger gewesen waren als eine enge Verbindung zu seinem eigen Fleisch und Blut. Aber vom eigenen Vater so behandelt zu werden, das war grausam, weit grausamer, als ein Leben ohne Vater hätte sein können. Und Adrian litt darunter.
Sie wandte sich ihm zu. Sie wollte ihm sagen, dass dies noch lange nicht das Ende sei, dass es immer noch den Rechtsweg gebe, Möglichkeiten der Regelung durch Manipulation oder Druck, Mittel und Wege jedenfalls, um zu erreichen, was man wollte. Er solle sich deshalb keine Sorgen machen und nicht glauben, dass die testamentarischen Verfügungen seines Vaters etwas anderes seien als der Ausdruck einer momentanen Geistesgestörtheit, hervorgerufen durch weiß der Himmel was. Das alles wollte sie ihm sagen, wollte ihn in den Arm nehmen, ihn aufmuntern und mit ihrem eisernen Willen stärken. Aber sie sah, dass das alles gar nicht nötig war.
Denn Adrian weinte nicht. Er lachte. Lautlos.
Valerie Duffy war, von verschiedenen Sorgen geplagt, zu der Testamentsverlesung gegangen, und nur eine dieser Sorgen war am Ende beschwichtigt. Sie brauchte nicht länger zu fürchten, dass sie mit Guy Brouards Tod Heim und Lebensunterhalt verlieren würde. Die Tatsache, dass Le Reposoir im Testament mit keinem Wort erwähnt worden war, legte nahe, dass über den Besitz bereits an anderer Stelle verfügt worden war, und Valerie glaubte zu wissen, wem er jetzt gehörte. Das bedeutete, das sie und Kevin keine Angst zu haben brauchten, gleich morgen an die Luft gesetzt zu werden.
Valeries übrige Sorgen jedoch blieben. Sie hatten mit Kevins Verschlossenheit zu tun, die sie im Allgemeinen nicht störte, jetzt aber nervös machte.
Sie war mit ihrem Mann auf dem Heimweg. Das Herrenhaus im Rücken, schritten sie über das Grundstück zu ihrem Häuschen. Valerie hatte die Reaktionen der im Wohnzimmer Anwesenden gesehen und in jedem der Gesichter die enttäuschten Hoffnungen erkannt. Anai's Abbott hatte auf finanzielle Befreiung aus der Grube gehofft, die sie sich mit ihren kostspieligen Bemühungen, Guy Brouard bei der Stange zu halten, selbst gegraben hatte. Frank Ouseley hatte mit einer Geldzuwendung gerechnet, die ausreichen würde, seinem Vater ein Denkmal zu errichten. Margaret Chamberlain hatte ein Vermögen erwartet und gehofft, damit ihren Sohn, der immer noch unter ihrem Dach lebte, endlich in die Welt hinausschicken zu können. Und Kevin.? Nun, Kevin hatte natürlich eine Menge Dinge im Kopf, die mit Testamenten und Vermächtnissen überhaupt nichts zu tun hatten, folglich hatte er der Einladung zu dieser Testamentseröffnung auch ganz ohne Erwartungen Folge geleistet.