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Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
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Sie näherten sich dem Niedergang und hörten Schritte auf den Stufen. Segelmacher-John kam ins Mannschaftsdeck herunter.

Dann hat er Nat in seine Hängematte eingenäht, dachte Mary und sah den schmalen Segeltuch-Kokon vor sich, der nun in Doc Havenports Kajüte lag. Es dunkelte bereits. Sicher würde Kapitän Taylor im ersten Morgengrauen die Seebestattung vollziehen.

Segelmacher-John passierte Mary. Obwohl sein sehendes Auge auch Toni streifte, schien er den Jungen, der schlaff in den Armen des Zimmermanns hing, nicht wahrzunehmen.

Seth jedoch reagierte auf den Segelmacher und stemmte sich abrupt in die Höhe. »Nein, nein! Du darfst ihn nicht einnähen! Nat darf nicht ins Wasser geschmissen werden!«, schrie er ihm entgegen.

Toni zuckte derart zusammen, dass ihm der Junge aus den Armen glitt. Die dünnen Beine knickten um, auf einer Stufe blieb er hocken und schlug mit den Fäusten auf das splitterige Holz. »Er hasst Wasser. Das Scheißwasser hat unseren Vater verschlungen. Es darf nicht auch noch Nat bekommen.«

Segelmacher-John presste die Hand auf seine Brust, dass Mary fürchtete, er könne einen Herzschlag erleiden. Sie beugte sich vor und hörte, dass er flüsterte: »Der Junge, der arme Junge, möge Gott ihn schützen!«

»Er muss in die Erde. Er muss ein Kreuz bekommen, und ich will beten. Gott soll ihn holen. Wenn ihn die Haie fressen, wie soll ihn dann Gott holen?« Seths Gesicht war rot angelaufen, feine Schweißperlen sammelten sich über seiner Lippe.

Mary schaute zu Toni hinüber. Er verstand und packte den Jungen, schlaff und widerstandslos ließ er sich aufheben. Sein Geschrei war in ein langgezogenes Wimmern übergegangen.

Wenn wir jetzt das Deck überqueren, weiß jeder, dass der Junge dabei ist, den Verstand zu verlieren. Was sollen wir nur machen? Carl, flehte Mary innerlich, hilf mir.

»Was ist hier los? Man hört den Jungen über das gesamte Schiff hinweg.«

Mary wirbelte um ihre eigene Achse. Hinter ihr stand Carl. Ernst blickte er den Niedergang herab.

Mary lief ihm einige Stufen entgegen. »Er hat Angst, dass wir seinen Bruder im Meer beisetzen«, flüsterte sie.

»Und was hast du mit ihm vor?«

»Ich wollte ihn in Franklins Koje legen, um ihn über Nacht unter Beobachtung zu haben.« Sie zögerte. »Können wir die Beisetzung nicht um ein paar Meilen verschieben?«

»Gut, ich kläre das mit Kapitän Taylor.«

Marys Herz wurde warm, so warm, dass sie fürchtete, es sei selbst hier im Dämmerlicht noch als Leuchten in ihren Augen erkennbar. Sie blinzelte. »Meinst du, Taylor wird sich darauf einlassen? Du weißt, die Mannschaft fürchtet, Tote könnten den Kompass durcheinanderbringen.«

»Er wird sich darauf einlassen, denn auf Seemannsgarn gibt er gar nichts. Morgen gegen Mittag passieren wir eine kleine Inselgruppe. Die paar Stunden können wir tatsächlich abwarten, schließlich ist der Junge nicht an einer ansteckenden Seuche gestorben. Bring Seth jetzt in die Koje und sage ihm, dass wir seinen Bruder morgen in Mutter Erde begraben werden. Und organisiere eine Nachtwache, damit die Ratten nicht …« Er brach ab und lief den Niedergang hinauf.

Nat’s Island, 2. März 1786

Nat, mein lieber Nat. Habe keine Angst, dass Segelmacher-John dich in deine Hängematte eingenäht hat. Du wirst nicht ins Wasser geworfen und von Haien gefressen werden. Wir bringen dich gerade in unserem Beiboot an Land. Zu einer Insel, die vor uns liegt. Sie ist sehr klein, aber sie wird dir allein gehören. Ich habe sie Nat’s Island getauft. Wir werden ein Loch ausheben, und dort, in der Erde, wirst du ruhen. Die Engel werden dich holen und zu Gott bringen. Gott wird dein Grab sehen können, denn Toni, der Zimmermann – du weißt schon, der Mann, dem die Schneidezähne fehlen – hat heute Nacht ein kleines Holzkreuz für dich gebaut. Und Marc hat in der Früh mit seinen Farben deinen Namen daraufgeschrieben. Damit Gott weiß, dass du hier liegst.

Seth strich über das Segeltuch. Er glaubte, einen Arm zu ertasten, und fuhr fort, bis er die Finger spürte. Dort ließ er seine Hand liegen.

Es sind nicht viele, die dich zur Insel bringen können, in der Jolle ist nicht viel Platz. Doch die wichtigsten Menschen sind hier. Sir Belham, Marc Middleton, Zimmermann Toni und Smutje Henry. Der Kapitän ist an Bord geblieben, er will das Zeichen für die Salutschüsse geben. Der Astronom, der kleine Mann, der immer alles sucht, du weißt schon, wer, hat ein Gebet für dich gesprochen. Alle haben die Hände gefaltet und mitgebetet.

Die Mannschaft steht an Deck, und alle schauen herüber. Alle sind in Gedanken bei dir.

Nat, ich werde jetzt aus dem Boot aussteigen. Die Männer werden dich tragen. Sie werden dich an die Stelle tragen, die ich für dich aussuche.

Seth sprang aus dem Boot und eilte einige Schritte den Strand hinauf. Bei einem Felsen blieb er stehen, zeigte auf den Boden und sah den Zimmermann an. Und der begann, mit dem Spaten das Loch auszuheben.

Ein kleines Loch.

Seth sah sich um. Er lief weiter, den Strand hinab und musterte die Steine, die im Sand und Wasser lagen. Die Runden und Grauen hob er auf. Je flacher sie waren, desto besser. Das sind genug, dachte er, als seine Hosentasche sich beulte, und lief zurück. Neben dem Grab schichtete er die Steine auf.

Nat, mein Möwenbezwinger. Für den Fall, dass dir beim Warten auf die Engel langweilig wird, lege ich dir ein paar Steine hin. Er hob den Kopf und suchte den Himmel ab. Ich sehe gerade nicht einen einzigen Vogel, aber vielleicht lässt du sie einfach nur über das Wasser springen. Das kannst du doch auch so gut.

Toni ließ das weiße Paket in die Erde hinab.

Und jetzt, Nat, schließe deine Augen, damit du keinen Sand hineinbekommst.

Während das Loch zugeschaufelt wurde, erklangen die Salutschüsse.

Mit jedem Donnerschlag, so schien es Seth, wurde das Licht heller.

Mit jedem Donnerschlag fühlte er sich leichter.

So leicht, dass Sir Belham und Marc nach seinen Armen greifen mussten.

Plymouth, 7. März 1786

Zur Bekämpfung eines Fiebers empfiehlt es sich, zwei Lot Enzianwurzel, ein Lot Kalmus sowie ein Lot Pomeranzenschalen nebst drei Händen voll Kamillenblumen und einer Hand voll Koriandersamen in einem Mörser zu zerstoßen. Hiervon gieße man eine halbe Hand voll mit siedendem Wasser auf und gebe dem Fiebernden täglich drei bis vier Tassen davon zu trinken.

Landon biss auf den Griff der Feder, die er zwischen den Fingern hin- und herdrehte. Verärgert legte er die Feder beiseite und packte das Sandwich, das ihm das Mädchen bereitgestellt hatte. Knuspriges Weißbrot und Rindfleisch. Er biss hinein, wischte sich die Finger an der Serviette sauber und blätterte noch einmal zurück.

Konzentration, ermahnte er sich. Hier ist Konzentration vonnöten.

Diese Medikation wurde im Abschnitt des viertägigen Fiebers empfohlen. Sollte in diesem Fall die Chinarinde keine Anwendung finden? Oder war die Chinarinde nur im Hinblick auf das Wechsel- und das Quartanfieber zu verabreichen? In Gedanken ging er die Namen nochmals durch: Kaltweh, Scharlachfieber, Febris simplex, Wechsel- und Quartanfieber. Er stockte, weiter kam er nicht. Er fluchte. Vierunddreißig. Es waren vierunddreißig verschiedene Arten Fieber in diesem Buch aufgelistet, und er hatte gerade mal fünf davon in Erinnerung behalten. Wie sollte man hier auch einen Überblick bewahren?

Bisher hatte er eine erhöhte Temperatur des Körpers für ein lästiges Übel gehalten, doch nun warf das Wissen über die Fieberarten eine gänzlich andere Frage auf: Wenn Mary Linley schon so viel über das Fieber wusste, was wusste sie dann noch alles? Mit welcher Genauigkeit sie die Verläufe der Temperaturkurven mit einhergehendem Schüttelfrost voneinander unterschieden hatte, um ein Fieber vom anderen zu trennen, beeindruckte ihn.

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