Vom anderen Ende der Welt
- Автор: Winterberg Liv
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: DTV Deutscher Taschenbuch
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
»Ich habe eben mit dem Kapitän gesprochen«, sagte Carl und reichte ihr saubere Scharpie, »wir werden jetzt in Kürze Kap Hoorn erreichen und eine der Inseln anlaufen.«
Mit der Pinzette entfernte Mary die durch Blut, Wundwasser und Eiter verklebte Scharpie von Bartholomäus’ Stumpf. Wie lange warten wir schon darauf, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, fragte sie sich und seufzte. So lange ist der letzte Landgang nicht her, mir scheint er jedoch inzwischen zu einem anderen Leben zu gehören.
Es mochte zwei Wochen her sein, dass sie Kapitän Taylor an Deck getroffen hatte, der konzentriert die Gezeitenströme beobachtet hatte, die an Feuerlands Spitze aufeinandertrafen. Tagelang bezog er, sobald der Morgen graute, seine Position. Die See war weiterhin unruhig, der Wind böig, sein Schiff nicht viel mehr als ein schwimmendes Lazarett. Nur für einen Moment hob er den Blick, dann vertiefte er sich wieder in seine Aufzeichnungen.
Zügigen Schrittes war Mary gegen das Frösteln angelaufen, um in der Kälte der Dämmerung dem stickigen Dunst unter Deck zu entkommen.
Kurz sah sie auf, und Carl beugte sich über Bartholomäus’ Armstumpf. Die Wunde verheilte gut. Aus medizinischer Sicht ein Erfolg, ein wirklich beeindruckender Erfolg. Doch wie würde dieser Mann, den die Natur reich beschenkt hatte und dem zu Hause sicher alle Frauen nachsahen, wie würde er, der seine Arbeit liebte, darauf reagieren, dass er zum Krüppel geworden war? Noch lag er in einem Dämmerzustand, der ihn schützte, doch wer würde ihm Halt geben, wenn er erwachte?
Gern wäre sie wieder an Deck geflohen, um Trost zu finden. Trost für die Augen, die mit ansehen mussten, wie die Verletzten litten. Trost für die Nase, die den Gestank der ungewaschenen Männer, die mit eiternden Wunden nebeneinanderlagen, riechen musste. Trost für die Ohren, die das endlose Stöhnen vernahmen.
Carl und sie schliefen, um Wege zu vermeiden, bei der Mannschaft. Mal war es ein Husten, dann wieder ein Wimmern oder der Wachwechsel, der sie beide nachts aufschrecken, sich wortlos erheben und erneut ihre Runden drehen ließ, um Verbände zu wechseln, frische Lappen zum Kühlen zu verteilen und Medikamente zu verabreichen.
»Es ist der Tidenstand«, hatte der Kapitän an jenem Morgen gesagt, ohne sich umzuwenden. »Die von mir erstellte Tidenkurve«, er hatte auf sein Büchlein getippt, »gibt Aufschluss über die Phase des Niedrigwassers und die des Hochwassers.«
Mary lehnte sich neben Kapitän Taylor an die Reling und nickte. Mehr wusste sie nicht zu erwidern.
»Wir müssten es schaffen, die Meeresenge zu passieren, wenn wir die Windverhältnisse und den Tidenstand berücksichtigen.« Erleichterung breitete sich in ihr aus. »Das wäre gut. Wir brauchen milderes Klima, die Männer müssen sich erholen.«
Plötzlich sah Taylor sie an, konzentriert und eindringlich.
»Es tut mir leid, Mr. Middleton, aber es wird nur andersherum funktionieren: Bringt mir die Mannschaft schnellstmöglich wieder auf die Beine, nur dann können wir dieser Hölle hier entkommen.« Er schlug seine Notizen zusammen und verschwand.
Noch am selben Tag meldeten Carl und Mary dem Kapitän, welche Mitglieder der Mannschaft den Sturm unverletzt überstanden hatten, wen weder die katastrophale Ernährung geschwächt noch die Melancholie gepackt hatte.
Die Folgen waren drastisch: Die Freiwachen wurden verkürzt und die Besetzung in den Segeln auf das Nötigste reduziert. Doch niemand murrte. Wortlos arbeitete jeder Mann an Bord noch härter.
Die Berechnungen des Kapitäns erwiesen sich als richtig. Mit dem zweiten Versuch passierte das Schiff die Meeresenge und ließ die Le-Maire-Straße hinter sich. Reichlich Felsen ragten aus dem Wasser und mahnten scharfkantig, während das Schiff sich langsam durch die Wellen schob, dass die Mannschaft die Konzentration halten musste. Und so hatte jeder auf den letzten Meilen seine verbliebenen Reserven verbrannt.
Carl warf einen Blick auf die Wunde. »Das sieht erfreulich aus«, murmelte er und begann, die Ränder vorsichtig zu säubern. Bartholomäus wimmerte.
»Wenn wir bald Land erreichen«, fuhr Carl fort, »können wir die Sturmschäden reparieren, das Schiff reinigen und Wasser nachfüllen. Der Kapitän will die Geschütze unter Deck verstauen. Hoffentlich haben wir genug kräftige Männer zur Hand.«
»Ist das nicht gefährlich, wenn die Geschütze anderweitig gelagert werden?«
»Sie müssen gut vertäut sein, aber über das Gewicht im Ladedeck können wir mehr Tiefgang erreichen«, sagte Carl und trat einen Schritt beiseite.
Mary bedeckte den Stumpf mit Scharpie.
Für eine Exkursion werden wir wohl kaum Zeit finden, dachte sie, als die Luke des Niedergangs aufgerissen wurde.
»Land in Sicht«, rief Dan und ließ die Luke scheppernd zufallen.
Über Bartholomäus’ Hängematte hinweg starrten sich Carl und Mary an.
Es war kalt an Deck. Klar und wunderschön. Vor dem Schiff waren mehrere Inseln auszumachen, und die Männer stritten, welche von ihnen die südlichste sei.
»Hier«, sagte Carl und zeigte über das Wasser, »hier berühren sich Pazifik und Atlantik. Ein erhebender Anblick.«
Mary blieb einen Schritt hinter ihm.
Das ist Kap Hoorn?, fragte sie sich und sah sich zweifelnd um. Das sagenhafte Kap Hoorn? Nichts als ein grauer Felsen? Vater, was habe ich mir immer vorgestellt? In den Himmel ragende Felswände. Tiefschwarzes Gestein, aus dem Felsbrocken stürzen, die Schiffe erschlagen.
Und nun ist Kap Hoorn ein Hügel.
Rund, fast lieblich, von dunklen, leicht gekräuselten Wellen umspielt.
Ich bin bei dir angekommen und kann dir endlich Lebewohl sagen.
Pazifischer Ozean, 2. Februar 17
86
Das Wetter hatte sich gebessert. Carl steuerte auf den Niedergang zu und sah sich zufrieden um. Die Anzahl der Patienten hatte sich deutlich verringert. Die sonnenverbrannten Wangen und die leuchtenden Augen der Männer, die von ihren Wachschichten zurückkehrten, hatten Wunder bewirkt. Was keine Pille und keine Tinktur erreicht hatte, hatte die Hoffnung übernommen. Der Gedanke, blauen Himmel sehen und die Wärme der Sonne spüren zu können, hatte die Kranken auf die Beine gebracht.
Selbst Nat hatte, auch wenn er nicht arbeitsfähig war, inzwischen wieder das Deck betreten. Er sprach kaum und duldete ausschließlich Seths Nähe. Der kleine Bruder war es, der ihn zum Essen holte, der darauf achtete, dass er die Nachtruhe einhielt, der ihm morgens das Haar kämmte und seine Hängematte verstaute.
Carl fröstelte. Die Luke stand zum Lüften des Decks offen. Sonnenlicht fiel herein. Kurz blieb er stehen und genoss die Wärme.
Vögel, dachte er, als er das Deck betrat und sein Blick über den Himmel fuhr. Und was für welche. Er beugte sich vor und kniff die Augen zusammen. Er erkannte einen Albatros. Ein zweiter Albatros folgte. Dann der dritte. Vorboten des Schwarmes, der kurz darauf das Schiff umkreiste. Beeindruckt hielten die Männer mit der Arbeit inne, denn einige der Vögel hatten eine Flügelspannweite von bis zu zehn Fuß.
»Schnell«, rief Carl einem Matrosen zu. »Lasst die Jolle zu Wasser. Ich hole mein Jagdgewehr. Heute gibt es wieder mal einen deftigen Braten.«
Lukas griff nach seiner Muskete und legte sie an.
»Schieß sie nicht, Junge«, rief Segelmacher-John. »Das sind heilige Vögel.«
Carl blieb stehen. »Warum sollen wir das nicht tun? Das sind großgewachsene Vögel mit viel Fleisch.«
»Sie verkörpern den Geist der toten Kameraden.«
Kapitän Taylor und Astronom Peacock, die dabei waren, die Küste einer Insel zu bestimmen, schauten herüber.