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Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
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Nein, Nat, flehte sie, das darf nicht sein. Er ist fast noch ein Kind, er hat nach uns zu gehen. Wie viel Raum will sich der Tod auf unserem Schiff denn noch verschaffen?

Die Traube der Männer öffnete sich, und eine Gasse entstand. Zuerst konnte sie Sohnrey erkennen, der die Knöchel des Jungen umfasst hatte. Mit den nackten Füßen voraus wurde der Leichnam über Deck getragen. Henry hatte ihn unter den Achseln gepackt, sodass der Leib zwischen den Männern bei jedem Schritt hin- und herschaukelte. Die Prozession verließ die Gasse, und die Männer drängten wieder zusammen, enger als zuvor standen sie beieinander. Und über ihnen, auf dem Mast, hockte Lukas, dessen Schultern vom lautlosen Weinen bebten.

Magensäure schoss Marys Hals hinauf und verätzte den Kehlkopf, als sie die Reflexe des blakenden Lichtes über Nats weizenblondes Haar tanzen sah. Sie wankte zur Reling, spie in hohem Bogen und wischte sich mit dem Arm über das Gesicht. Schwerfällig hob sie den Kopf, um sich zu vergewissern, ob all das hier gerade tatsächlich geschah.

Ja, es geschah.

Toni schob sich durch die Männer, Seth auf den Armen.

Mary zuckte zusammen. Der Junge hatte gesehen, wie Nat am Mast baumelte, das verzerrte Gesicht war das letzte Bild des Bruders, das sich in ihn eingebrannt hatte.

Sie spürte den Impuls hinüberzustürzen, Seth die Stirn zu streicheln und ihn mit sanftem Flüstern zu besänftigen. Ihn in einen traumlosen Schlaf der Erschöpfung zu wiegen, der ein paar Stunden Erlösung versprach. Doch sie blieb stehen und verhielt sich wie jeder an Bord: Sie schwieg. Schwieg hilflos.

Leise öffnete Mary die Tür.

Nat lag auf dem Behandlungstisch.

Bald habe ich mehr Tote auf diesem Tisch gesehen als lebendige Patienten, dachte sie und zog die Tür hinter sich zu.

Kapitän Taylor und Sohnrey standen am Kopf des Tisches, während Carl sich vorbeugte und das Seil, das um den Hals des Jungen geschlungen lag, genauer ansah. Kurz blickte er auf und nickte ihr zu, sie solle hinüberkommen.

»Nathaniel Bennetter hat also mit Sicherheit selbst Hand angelegt?«, fragte Kapitän Taylor.

Carl beugte sich noch weiter vor und nickte.

Mary folgte seinem Blick. Getrocknete Spuren weißen Salzes zogen sich über Nats Wangen. »Er hat geweint«, entfuhr es ihr. Erschrocken schaute sie auf, nichts lag ihr ferner, als das Gespräch der Männer zu unterbrechen.

»Das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen.« Carls Stimme war brüchig. »Wenn der Tod eintritt, erschlaffen die Muskeln. Die Blase verliert ihr Wasser, der Darm entleert sich, und häufig tritt letzte Tränenflüssigkeit aus den Augen. Vielleicht hat er geweint, vielleicht auch nicht.«

Wieder blickten sie auf den Jungen.

»Hat der …«, Sohnrey zögerte, bevor er weitersprach, »hat es lange gedauert?«

Carl zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Wenn sein Genick gleich gebrochen ist, ging es schnell. Ist es nicht gebrochen, ist er erstickt. Wir könnten das prüfen, aber ich denke, das ist nicht vonnöten.« Er nahm eine Schere, schob die Finger an Nats Kehlkopf entlang unter das Seil und schnitt es auf. Unter dem Knoten zeigte sich eine bläulich rote Verfärbung und aufgeschürfte Haut. »Sein Bruder hat ihn gefunden«, fuhr er dabei fort, »wer weiß, ob er den Todeskampf hat miterleben müssen. Grausam. Erst den Vater sterben sehen und jetzt auch noch das. Wo ist er?«

»Sie haben ihn ins Mannschaftsdeck getragen und kümmern sich um ihn.« Mary schluckte, doch ihre Kehle blieb staubtrocken.

»Lasst uns nach Segelmacher-John schicken, er soll die Hängematte des Jungen mitbringen«, sagte Taylor. »Und wer schaut nach dem kleinen Bennetter?«

»Das übernehme ich.«

Dankbar nickte der Kapitän Mary zu und verließ die Kajüte.

Da an Schlaf nicht zu denken war, hatten die Männer die Back heruntergelassen. In ihrer Mitte, nicht mehr als ein winziges, in sich zusammengesacktes Häufchen Mensch, hing Seth.

Vor Bartholomäus stand ein Holznapf, aus dem er mit einem Löffel Wasser schöpfte. Die Bewegungen seines linken Armes waren ruhig und gleichmäßig, als hätte er nie den anderen genutzt. »Kleiner, du musst was trinken«, sagte er sanft und strich dem Jungen eine Strähne aus der Stirn.

Seth schien den Löffel, der seine halbgeöffneten Lippen berührte, nicht zu spüren. Vorsichtig flößte ihm die Pranke des Matrosen einen Schluck Wasser ein, das aus den schlaff herabhängenden Mundwinkeln wieder herauslief.

»Das ist mein Löffel«, knurrte Edison, »her damit. Ich habe meinen Löffel noch nicht abgegeben.«

Mary stockte der Atem, und auch Lukas und die anderen Männer, die am Tisch saßen, hielten für einen Augenblick inne. Sie verharrten in ihren Bewegungen und starrten zu Edison hinüber.

Nur Bartholomäus schien den Satz nicht vernommen zu haben. Er legte den Löffel behutsam auf den Tisch, dann holte er aus und ließ seinen Handrücken auf Edisons Nase krachen. Durch die abrupte Bewegung schoss sein Stumpf in die Höhe und fiel gegen den Oberkörper zurück. Kurz verzog Bartholomäus das Gesicht und presste die Hand auf den Stumpf. Ruhig blickte er Edison an. »Wenn du jetzt nicht endlich mal dein Schandmaul hältst, sorge ich persönlich dafür, dass du deinen Löffel nie wieder brauchst. Das sage ich das allerletzte Mal. Krüppel bin ich eh schon, und für dich werde ich auch noch zum Mörder, wenn es sein muss.«

Edison wich zurück.

Bartholomäus zog seinen Hemdsärmel in die Länge, wischte Seth die Mundwinkel trocken und hob den Holznapf, um ihn dem Jungen an die Lippen zu führen. Dabei stieß er mit dem Ellenbogen den Löffel vom Tisch. »Komm, Kleiner, nun mach schon. Trink«, sagte er mit unbewegter Stimme und stellte den Fuß auf den Löffel.

Edison ballte die Fäuste, blieb aber auf seinem Platz und rührte sich nicht.

Wir fallen hier alle noch dem Wahnsinn anheim, fuhr es Mary durch den Kopf. Hastig trat sie vor in den Lichtkegel der Lampe, deren verbrennendes Öl tranig roch. »Wie geht es ihm?«, fragte sie leise.

Lukas schaute auf. »Gut, dass Ihr kommt, Mr. Middleton. Er hat kein Wort mehr gesprochen. Seht selbst …«

Mit der Hand fuhr er vor den Augen des Jungen auf und ab, ohne dass der mit der Wimper zuckte. Leer hing der Blick im Raum, als wäre er über das Gesehene erblindet.

»Er fiebert, glaube ich.« Bartholomäus’ Stimme ließ Mary aufschrecken. Er tunkte den Rand seines Ärmels in den Wassernapf und zog den tropfenden Stoff über Seths Nacken. »Er schwitzt, und seine Stirn glüht.«

Mary ging in die Knie und schob die rechte Hand unter ihr Hemd, um die Wärme des Streifens Haut, den der Brustwickel freiließ, zu spüren. Mit der Linken fasste sie nach Seths Leib, der keine Reaktion zeigte, sein Rücken blieb gekrümmt, die Haut seines Bauches in Falten gelegt. Als würde sie ihn nicht berühren, als wäre er nicht anwesend. Bartholomäus hatte recht. Der Junge glühte.

»Wir sollten ihn ins Behandlungszimmer schicken«, schlug Lukas vor, während seine Finger auf die Holzplatte der Back trommelten.

Mary schüttelte den Kopf. »Da ist gerade Segelmacher-John«, flüsterte sie, »dort kann er nicht hin.«

Lukas ächzte auf, und das Trommeln seiner Finger wurde schneller.

Vorsichtig nahm Mary die Hand von Seths Bauch, zog sein Hemd glatt und strich über sein Haar.

Der letzte weizenblonde Schopf an Bord.

»Bringt ihn bitte in meine Kajüte«, sagte sie und wandte sich Toni zu. »Er kann in die Koje von Franklin Myers gelegt werden.«

Der Zimmermann, der schweigend im Hintergrund gestanden hatte, trat vor. Mit einer Leichtigkeit, als würde er ein Häufchen Federn ergreifen, nahm er den Jungen auf die Arme. Der rührte sich nicht. Sein Blick glitt durch jeden von ihnen hindurch.

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