Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
23
Die Fußbrenner
Erklären wir unseren Lesern das unbegreifliche Verschwinden des Verlobten von Mademoiselle de Sourdis im Augenblick der Vertragsunterzeichnung – ein Verschwinden, das die Gäste in Erstaunen, die Gräfin in Mutmaßungen unausdenklichster Art und ihre Tochter in tränenreiche Verzweiflung gestürzt hatte.
Wie erinnerlich, hatte Fouché am Tag vor der Bekanntgabe seiner Entlassung den Chevalier de Mahalin empfangen und ihn beauftragt, im Westen Banden von Fußbrennern zu gründen, damit Fouché in sein Ministerium zurückgeholt würde.
Diese Banden machten sich bald bemerkbar, und keine vierzehn Tage nach dem Aufbruch des Chevaliers aus Paris sprach sich herum, dass zwei Landgüter in Buré und in Saulnaye von den Fußbrennern verwüstet worden waren.
Furcht und Schrecken verbreiteten sich im ganzen Morbihan.
Fünf Jahre lang hatte der Bürgerkrieg in diesem bejammernswerten Land getobt, doch unter den unmenschlichsten Taten, die begangen wurden, fand sich das schändliche Treiben des Fußbrennens nicht. Um dieser Form des Folterns zu begegnen, musste man bis zu den bösen Tagen unter Ludwig XV. und den religiösen Verfolgungen unter Ludwig XIV. zurückgehen.
Banden von zehn, fünfzehn, zwanzig Männern erschienen wie der Erde entsprossen, bewegten sich wie Schatten, folgten dem Verlauf von Schluchten, stiegen über Reisigzäune, so dass der Bauer, der sich verspätet hatte und sie in der Dunkelheit vorbeiziehen sah, sich voller Schrecken hinter Bäumen versteckte oder am Fuß einer Hecke zu Boden warf; dann drangen sie unvermutet durch ein offen stehendes Fenster, eine nachlässig geschlossene Tür in einen Bauernhof oder ein Schloss ein, überraschten und würgten die Bediensteten, entfachten mitten in der Küche ein großes Feuer und zerrten den Hausherrn oder die Hausherrin zu diesem Feuer, legten ihr Opfer auf den Fußboden, führten seine Fußsohlen an das Feuer und hielten sie hinein, bis das Opfer die Schmerzen nicht mehr ertrug und verriet, wo es sein Geld versteckt hatte; manchmal ließen die Banditen dann Gnade walten, doch andere Male, wenn sie nach erfolgtem Geständnis fürchteten, man könne sie wiedererkennen, erstachen, erhängten oder erschlugen sie die von ihnen Bestohlenen.
Nach dem dritten oder vierten Überfall dieser Art, von den Behörden als Brandstiftung und Mord klassifiziert, wurde gemunkelt – erst leise, dann immer lauter, Cadoudal persönlich führe diese Banden an. Anführer und Banditen waren maskiert, doch jene, welche die stärkste dieser nächtlichen Einheiten gesehen hatten, beteuerten, in dem Kommandanten an seiner Größe, seiner Haltung und vor allem an seinem großen runden Kopf Georges Cadoudal erkannt zu haben.
Zuerst wollte niemand so etwas glauben; jeder wusste, wie ritterlich Georges war, und niemand konnte sich vorstellen, dass er sich unversehens in einen elenden, schamlosen und erbarmungslosen Anführer von Fußbrennern verwandelt haben sollte.
Dennoch verbreitete sich das Gerücht wie von allein; immer wieder wurde behauptet, man habe Georges gesehen, und schon bald verkündete Le Journal de Paris, Georges Cadoudal habe unter Missachtung seines Ehrenworts, nicht als Erster wieder zu den Waffen zu greifen, verlassen von seinen Männern, an die fünfzig Banditen zusammengetrommelt, mit denen er nun raubend und plündernd durch die Lande zog.
Le Journal de Paris wurde auch in London ausgeliefert; vielleicht wäre die Zeitung Cadoudal nie zu Augen gekommen, doch ein Freund wies ihn darauf hin. Er las darin die Anschuldigung, die gegen ihn erhoben wurde und die eine unüberbietbare Schmähung seiner Ehre und seiner Loyalität darstellte.
»Wohlan«, sagte er, »indem sie mir das vorwerfen, brechen sie das Bündnis, das wir geschlossen hatten: Mit Schwert und Gewehr konnten sie mir nichts anhaben, deshalb haben sie zur Verleumdung gegriffen. Sie wollen den Krieg? Den können sie haben.«
Und am selben Abend bestieg Georges ein Fischerboot, das ihn fünf Tage später an der Küste Frankreichs zwischen Port-Louis und der Halbinsel Quiberon absetzte.
Zur gleichen Zeit wie er machten sich zwei Männer namens Saint-Régeant und Limoëlan auf den Weg von London nach Paris, doch durch die Schlucht von Biville und durch die Normandie. Sie hatten am Tag ihrer Abreise eine Stunde mit Georges verbracht und ihre Anweisungen von ihm erhalten.
Limoëlan war mit allen Wassern des Bürgerkriegs gewaschen, und Saint-Régeant war ein ehemaliger Marineoffizier, der vor nichts zurückschreckte und Pirat zu Lande geworden war, nachdem er Pirat zur See gewesen war. Auf solche ehrlosen Gesellen anstelle eines Guillemot oder Sol de Grisolles musste Cadoudal sich bei seinen neuen Vorhaben stützen.
Zweifellos würden sie sich irgendwo vereinen, und sicherlich konnten sie unterwegs miteinander Kontakt halten; es stand außer Frage, dass sie zu ein und demselben Ziel aufgebrochen waren. Doch überstürzen wir nichts.
Im späten April 1804 ritt gegen fünf Uhr abends ein in einen Mantel eingemummter Mann in den Hof des Bauernhofs von Plescop ein, der dem reichen Bauern Jacques Doley gehörte.
Außer Jacques Doley wohnten auf dem Hof seine sechzigjährige Schwiegermutter, seine dreißigjährige Frau und ihre Kinder, ein Knabe von zehn Jahren und ein siebenjähriges Mädchen.
Ein Dutzend Landarbeiter kam hinzu, Männer und Frauen.
Der Vermummte verlangte, den Hausherrn zu sprechen, schloss sich mit ihm für eine halbe Stunde ein und ward nicht mehr gesehen. Jacques Doley kehrte allein zu seiner Familie zurück.
Während des Abendessens fielen Doleys Schweigsamkeit und Geistesabwesenheit auf. Mehrmals richtete seine Frau das Wort an ihn, ohne dass er antwortete. Nach der Mahlzeit wollten die Kinder wie gewohnt mit ihm spielen, doch er wies sie sanft ab.
Wie man weiß, speisen die Dienstboten in der Bretagne mit ihrer Herrschaft am selben Tisch; auch sie bemerkten an diesem Tag die Geistesabwesenheit und Bekümmertheit Jacques Doleys, umso mehr, als er an und für sich ein fröhlicher Mensch war.
Da wenige Tage zuvor das Schloss von Buré überfallen worden war, hatten die Tagelöhner das ganze Essen über leise von diesem Geschehen gesprochen. Doley hatte zugehört, mehrmals den Kopf erhoben, als wolle er etwas fragen, ohne den Mund aufzumachen, und weiter zugehört. Nur die alte Frau hatte sich ab und zu bekreuzigt, und gegen Ende des Berichts hatte sich Madame Doley, die sich vor Furcht nicht mehr zu helfen wusste, neben ihren Mann gesetzt.
Es war acht Uhr abends, und die Dunkelheit war hereingebrochen; zu dieser Stunde pflegten sich alle Landarbeiter zurückzuziehen, die einen in ihre Scheunen, die anderen in ihre Ställe. Doley machte den Eindruck, als wolle er sie nicht gehen lassen, denn er gab ihnen immer wieder etwas zu tun auf, was sie in seiner Nähe hielt, und immer wieder betrachtete er die zwei, drei zweiläufigen Gewehre, die neben dem Kamin hingen, als gelüste es ihn, sie im Zweifelsfall zu benutzen und nicht dort hängen zu lassen.
Nach und nach gingen alle zu Bett.
Zuletzt brachte die alte Mutter die Kinder in ihre Bettchen zwischen dem Elternbett und der Wand, kam, um Schwiegersohn und Tochter einen Gutenachtkuss zu geben, und begab sich ebenfalls zur Ruhe in eine Kammer neben der Küche.
Daraufhin verließen Doley und seine Frau die Küche und zogen sich in ihr Schlafzimmer zurück, das mit der Küche durch eine Glastür verbunden war und zwei Fenster zum Garten hatte, verschlossen mit soliden eichenen Fensterläden, an deren oberem Ende sich zwei kleine rautenförmige Öffnungen befanden, die bei geschlossenen Läden gerade genug Licht einfallen ließen, dass man sich im Zimmer zurechtfand.
Es war die Stunde, zu der sich Madame Doley für gewöhnlich auskleidete und zu Bett begab. Auf dem Bauernhof steht man früh auf und geht früh zu Bett; doch an diesem Abend, an dem Madame Doley sich von unbenennbaren Ängsten heimgesucht sah, konnte sie sich nicht dazu durchringen, sich zu entkleiden; zu guter Letzt entschied sie sich dazu, doch sie verlangte von ihrem Mann, vorher mit ihr alle Türen zu kontrollieren und sich zu vergewissern, dass sie auch abgeschlossen waren.