Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Claude-Antoine Régnier, der später zum Herzog von Massa erhoben werden sollte, war bei Fouchés Entlassung zum Oberrichter ernannt und zum Leiter der Polizei befördert worden. Zweimal wöchentlich arbeitete er mit Bonaparte, dem diese Art Arbeit zusagte: Er hatte Zugriff auf die Polizei über Junot, den Gouverneur von Paris, über Duroc, seinen Adjutanten, und über Régnier, den Polizeipräfekten.
An dem Tag, an dem der Erste Konsul den Ehevertrag der Mademoiselle de Sourdis unterzeichnen wollte, hatte er eine Stunde mit Régnier verbracht. Die Nachrichten klangen beunruhigend. Vendée und Bretagne waren wieder einmal Unruheherde, und diesmal nicht eines Bürgerkriegs bei Tageslicht, sondern lichtscheuer Taten von Fußbrennerbanden, die Bauernhöfe und Schlösser heimsuchten und Bauern und Landbesitzer mit den abscheulichsten Foltern dazu brachten, ihr Geld herauszurücken. In den Zeitungen war inzwischen die Rede von den Unglücklichen, denen Füße und Hände bis auf die Knochen verbrannt worden waren.
Bonaparte hatte Régnier ausrichten lassen, er solle ihm alle Unterlagen über diese Vorgänge mitbringen.
Fünf solcher Vorfälle waren in den letzten acht Tagen bekannt geworden: Der Erste hatte sich in Berric an den Quellen des Flüsschens Sulé zugetragen, der Zweite in Plescop, der Dritte in Muzillac, der Vierte in Saint-Nolff und der Fünfte in Saint-Jean-de-Brébelay.
Angeführt wurden die Banden offenbar von drei Häuptlingen, doch über diesen schien es einen Oberkommandanten zu geben. Und wenn man den Polizeispitzeln glauben wollte, handelte es sich dabei um Cadoudal, der das Bonaparte gegebene Wort nicht gehalten hatte, sich nicht nach England zurückgezogen hatte, sondern in die Bretagne zurückgekehrt war, um dort einen neuen Aufstand anzuzetteln.
Bonaparte, der sich zu Recht etwas auf seine Menschenkenntnis zugutehielt, schüttelte den Kopf, als der Oberrichter Cadoudal so niedrige Untaten zuschreiben wollte. Wie denn! Dieser Mann von überragender Intelligenz, der mit ihm die Interessen von Völkern und von Königen diskutiert hatte, ohne einen Deut von seinen Überzeugungen abzuweichen, dieser Mann so reinen Gewissens, dass er sich damit begnügte, in London von seinem Erbe zu leben, so ehrgeizlosen Herzens, dass er sich dem Rang eines Adjutanten des bedeutendsten Generals ganz Europas verweigerte, und so selbstlosen Seelenadels, dass er auf hunderttausend Francs im Jahr verzichtete, um nicht mit ansehen zu müssen, wie andere sich gegenseitig zerfleischten – dieser Mann sollte sich zu dem schändlichen Gewerbe des Fußbrenners herabgelassen haben, dem verworfensten Brigantentum, das sich denken ließ!
Unmöglich.
Dies hatte Bonaparte seinem neuen Präfekten mit größter Entschiedenheit ins Gesicht gesagt. Dann hatte er angeordnet, die gewandtesten Polizisten mit weitestreichenden Vollmachten in die Bretagne zu schicken, wo sie diese elenden Räuberbanden Tag und Nacht verfolgen sollten.
Régnier hatte versprochen, noch am selben Tag seine fähigsten Leute auf den Weg zu schicken.
Da es inzwischen schon fast zehn Uhr abends war, hatte Bonaparte Joséphine mitteilen lassen, sie solle sich bereithalten, mit ihm und dem jungen Ehepaar Madame de Sourdis zu besuchen.
Das prachtvolle Stadtpalais, das die Gräfin bewohnte, funkelte in seiner Beleuchtung; es war ein milder, sonniger Tag gewesen, und erste Blüten und Blätter schickten sich an, ihr wattiges Gefängnis zu verlassen. Sanfte Frühlingslüfte kosten die blühenden Fliederbüsche, die von den Fenstern des Hauses bis zur Terrasse reichten; in den geheimnisvollen und duftenden Laubengewölben brannten farbige Ampeln, und aus den geöffneten Fenstern drangen harmonische Klänge und süße Düfte, während sich hinter den zugezogenen Vorhängen die Schatten der Gäste bewegten.
Diese Gäste waren die eleganteste Gesellschaft von ganz Paris: Regierungsbeamte in Form des prächtigen Generalstabs aus Offizieren, deren ältester fünfunddreißig Jahre zählte: Murat, Marmont, Junot, Duroc, Lannes, Moncey, Davout – Helden in einem Alter, in dem ein gewöhnlicher Sterblicher es mit Mühe und Not zum Hauptmann gebracht hat; Dichter: Lemercier, noch berauscht vom Erfolg seines Agamemnon; Legouvé, der gerade Eteokles zur Aufführung gebracht und Le Mérite des Femmes veröffentlicht hatte, Chénier, der seit seinem Timoléon keine Theaterstücke mehr schrieb und sich wieder der Politik zugewendet hatte; Chateaubriand, der vor den Niagarafällen und unter den Kuppeln der amerikanischen Urwälder zu Gott zurückgefunden hatte; die eleganten Tänzer, ohne die kein großer Ball vorstellbar gewesen wäre: Trénis, Laffitte, Dupaty, Garat, Vestris; die glänzenden Sterne, die in der Morgenröte des Jahrhunderts aufgetaucht waren: Madame Récamier, Madame Méchin, Madame de Contades, Madame Regnault de Saint-Jean-d’Angély; und nicht zuletzt die vornehme Jugend jener Zeit: Caulaincourt, Narbonne, Longchamp, Matthieu de Montmorency, Eugène de Beauharnais, Philippe de Ségur und viele andere.
Denn sobald sich herumgesprochen hatte, dass der Erste Konsul und Madame Bonaparte nicht nur kommen würden, sondern sogar den Ehevertrag unterzeichnen wollten, hatte sich jedermann um eine Einladung bemüht. Das große Stadtpalais der Madame de Sourdis, dessen Parterre und erster Stock geöffnet waren, quoll über vor Gästen, die auf der Terrasse nach Luft schnappten und sich von der Gluthitze erholten, die in den Salons herrschte.
Um Viertel vor elf Uhr verließ die Reitereskorte mit Fackeln in den Händen die Tuilerien; sie musste nur die Brücke überqueren. Der Dreispänner mit den galoppierenden Pferden, eingerahmt von Fackellicht, sauste wie ein Wirbelwind aus Lärm und Blitzen dahin und in den Hof des Stadtpalais.
Auf der Stelle bildete sich in der dichtgedrängten Menge eine Gasse, die sich in das Haus hinein fortsetzte und im Salon zum Kreis weitete, der es Madame de Sourdis und Claire erlaubte, dem Ersten Konsul und Joséphine entgegenzugehen.
Hector de Sainte-Hermine folgte den Damen. Beim Anblick Bonapartes erbleichte er sichtlich, ging aber weiter.
Madame Bonaparte umarmte Mademoiselle de Sourdis und legte ihr ein Perlencollier um den Arm, das fünfzigtausend Francs wert war.
Bonaparte begrüßte die Damen und trat auf Hector zu.
Hector, der sich nicht vorstellen konnte, dass Bonaparte mit ihm sprechen wollte, trat beiseite, um dem Ersten Konsul den Weg freizumachen, doch dieser blieb vor ihm stehen.
»Monsieur«, sagte Bonaparte, »wenn ich nicht befürchten müsste, abgewiesen zu werden, hätte auch ich ein Geschenk für Sie mitgebracht, ein Patent für die konsularische Garde, doch ich weiß, dass es Wunden gibt, denen man Zeit lassen muss, damit sie sich schließen.«
»Niemand hat eine glücklichere Hand, solche Wunden zu heilen, als Sie, General, aber dennoch...« Hector seufzte und führte sich das Taschentuch vor die Augen. Nach einigen Sekunden hatte er seine Fassung wiedererlangt. »Verzeihen Sie, General«, sagte der junge Mann, »ich wünschte, ich wäre Ihrer Güte würdiger.«