Das Haus der verlorenen Herzen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
Er sah, wie Achmed ibn Thaleb, schon vornarkotisiert, mit dem Tubus in der Luftröhre, in OP I gerollt wurde. Durch die automatische Tür von OP II schob man jetzt den Herzspender. Dr. Nardo hatte den jungen Fischer extra für Dr. Volkmar zurechtgemacht.
Der Kopf war dick umwickelt, vier Tropfflaschen waren mit den Venen verbunden, ein fahrbarer Impulsgeber rollte neben dem Bett und zwang das angeblich einzige in diesem toten Körper noch funktionsfähige Organ, das Herz, normal zu schlagen. Daß dort ein völlig gesunder Mann lag, war nicht mehr zu sehen. Wer käme auch auf einen solch fürchterlichen Gedanken!
Volkmar erhob sich, stellte die Fernsehschirme aus und ging hinüber in den Waschraum. Ibn Thaleb lag auf dem OP-Tisch, ein knochiger, schmaler, nackter Körper, mit grünen Tüchern abgedeckt bis auf das Operationsfeld.
Dr. Nardo blickte durch die Glaswand hinüber zu Volkmar. Können wir anfangen, fragte sein Blick. Einen Brustkorb eröffnen — das haben wir lange geübt.
Volkmar nickte. Er atmete tief auf. Die entscheidende Sekunde. Das größte medizinische Abenteuer hatte begonnen.
Im OP II saßen die vier Ärzte um den narkotisierten jungen Fischer und warteten. Die Eröffnung dieses Brustkorbes würde schnell gehen. Hier brauchte man kein Leben zu erhalten; hier brauchte man nur den gesunden, bis zuletzt pulsierenden Muskel herauszutrennen: das Herz.
Das Los hatte die vier Ärzte zu dieser Aufgabe bestimmt. Sorianos lebende >Herzbank< lieferte den ersten Menschen für die grauenvollste Operation unserer Zeit.
Dr. Volkmar aber ahnte nichts, als er in den OP kam und unter das gleißende Licht der Operationsscheinwerfer trat.
Dr. Nardo hatte bereits mit der Thorakotomie begonnen.
Er hielt sich dabei streng an die Weisungen, die ihm Volkmar gegeben hatte, und an die Methode, die sie gemeinsam an Schweinen, Affen, Lämmern und zuletzt an zwei Kälbern geübt hatten. Entgegen allen Modifikationen in der Schnittführung und Eröffnung eines Brustkorbs blieb Dr. Volkmar bei der alten, bewährten Technik nach Professor von Mikulicz, dem Lehrer des großen Sauerbruch: Eingang in die Brusthöhle mit Rippendurchtrennung. Die interkostale Thorakotomie, bei der man den Schnitt genau in der Mitte zwi-schen zwei Rippen setzt und dann die Rippen auseinanderzieht, ergab für Volkmar nicht genügend Raum, um ein ganzes Herz auszutauschen.
Die Arbeit geschah in der ersten halben Stunde fast wortlos. Man hörte nur das Schlurfen der Sauger, das rhythmische Klatschen des Atemsackes, das elektronische Knistern des Oszillographen und das leise, schlürfende Pumpen der Herz-Lungen-Maschine, als Dr. Nar-dos Team den Blutkreislauf außerhalb von Thalebs Körper verlegte. Ab und zu fielen ein paar Worte: Die Meldungen des Anästhesisten über Blutdruck, Puls, Atmung, Herzfrequenz, das Okay des Internisten am Bildschirm des Rheogramms, die leisen Anweisungen an die Instrumententische und das beruhigende» Alles in Ordnung «von der Herz-Lungen-Maschine.
Achmed ibn Thalebs Herz befand sich in einem katastrophalen Zustand. Nach der Eröffnung des Thorax und des breiten Zugangs lag der Muskel wie ein roter Klumpen vor Dr. Volkmar. Deutlich erkannte man die starken Schädigungen, die durch einen partiellen Verschluß der Herzkranzarterien eingetreten waren: Ein Motor, der nur noch mit einem Drittel seiner Kraft lief.
Dr. Nardo starrte über den Mundschutz zu Volkmar hinüber. Er schwitzte stark; ein junger Assistent tupfte ihm die Schweißperlen von der Stirn und aus den Augenhöhlen.
«Wie konnte der Mann mit so einem Herzen überhaupt noch leben?«fragte er und zeigte mit einer langen Pinzette auf die geschädigten Partien.»Verstehen Sie das?«
«Man wundert sich immer wieder, was ein menschlicher Körper aushalten kann. Ob Herz, Lunge, Leber, Galle oder Niere — es gibt da Kraftreserven, für die wir keine Erklärung wissen. Ich habe schon oft nach einer Operation gesagt: >Das ist uns zwar gelungen — aber überleben wird er es nicht!< Und dann sahen wir, wie das geschädigte Organ sich langsam regenerierte. So schnell kapituliert die Natur nicht, auch wenn man täglich die Sterbequote registriert. Die meisten vergessen, daß auf einen Toten mehr als hundert Geheilte kommen. «Dr. Volkmar blickte über sich in den Bildschirm, der neben der OP-Lampe von der Decke hing und das Geschehen im OP II wiedergab. Der Bildausschnitt zeigte den Brustkorb des Spenders und die Hände der Ärzte in den Gummihandschuhen: abwartend, bereit, sofort das gesunde Herz herauszuholen. Aus dem Lautsprecher ertönte eine nüchterne Stimme:»Keinerlei Hirnfanktion mehr.«
«Danke. «Dr. Volkmar war zufrieden. Für einen Mediziner war der junge Mann nebenan gestorben. Er sah nicht Dr. Nardos lauernden Blick, spürte nicht die hochgradige Spannung: Durchschaut er den Trick? Kommt er dahinter, daß da drüben ein völlig gesunder Mensch liegt, dem wir gleich das Herz herausnehmen und ihn dadurch erst töten?
Volkmar überblickte noch einmal den Instrumententisch und die in Sterilkästen bereitliegenden Teflonprothesen für die großen Gefäße.»Ich beginne mit der Exzision!«sagte er laut.»Beginnen Sie mit der Thorakotomie. Ist das Bild bei Ihnen klar?«
Volkmar sah, wie zwei Hände sich hoben und ein Zeichen gaben. Dann wieder die Stimme im Lautsprecher:»Fernsehbild von Ihnen ganz klar, Chef.«
Chef! Dr. Volkmar beugte sich über den geöffneten Brustkasten ibn Thalebs. Zum erstenmal war im Operationssaal dieses Wort gefallen. Zwar hatte er es oft genug von Dr. Soriano gehört, aber es hatte nie eine solche Wirkung erzeugt wie in diesem Augenblick.
Chef der Mafia-Klinik. Mit dem nächsten Handgriff dokumentierte er sein Ja-Wort.
Die Aderklemmen saßen gut, der Blutkreislauf funktionierte mittels der Herz-Lungen-Maschine einwandfrei. Wenn er jetzt das Herz heraustrennte und die großen Gefäße zunächst einseitig mit den Tef lonzwischenstücken vernähte, war das nicht mehr als die Arbeit an einem Präparat. Thalebs altes, zerstörtes Herz war tot, sein Leben durchpulste ihn nur noch maschinell, eine raffinierte Pumpe, die sein Blut nicht nur transportierte, sondern gleichzeitig aufbereitete mit Sauerstoff, reinigte und durch zwischengeschaltete Konserven mengenmäßig ausglich.
Im Bildschirm über sich sah Volkmar, wie das Team im OP II die
Brust des >Verunglückten< öffnete. Die Schnittführung war grob; man brauchte ja den Körper nicht mehr.
Mit einem schnellen Scherenschlag durchtrennte Volkmar die große Lungenvene und den Aortabogen unterhalb der Verzweigungen. Dr. Nardo schnaufte durch die Nase. Man hatte das so oft geübt, aber jetzt, wo Volkmars Herzaustausch zum erstenmal an einem Menschen praktiziert wurde, überfiel ihn doch eine kaum beherrschbare innere Erregung. Eine Sternstunde der Medizin zu erleben, war auch für eine abgebrühte Natur wie Nardo etwas Erhebendes.
Dr. Volkmar sah ihn kurz an.»Was ist, Pietro?«fragte er.
«Nichts, Chef. «Dr. Nardo schob beide Hände unter das tote Herz.»Nur ein Stoßgebet für die neue Zeit der Chirurgie.«
Nach wenigen Minuten war Thaleb ohne Herz. Dr. Nardo gab den Muskelklumpen weiter, man legte ihn in eine Glasschale und trug ihn vom Tisch weg. Ein Dokument: Das erste vollständig entfernte Herz! Das Vernähen der Teflonverbindungen konnte beginnen: die Grundlage für die später stattfindende Anastomose der großen Hohlorgane.
Dr. Volkmar blickte wieder auf den Bildschirm über sich. Das Herz des Spenders lag frei, der Brustkorb war weit geöffnet. Man hatte sich nicht damit aufgehalten, die durchtrennten Adern abzuklammern; mit einem Elektrodraht hatte man sie einfach verschmort. Es gab kein Blut, das die Übersicht behinderte und das man absaugen mußte. Die Elektrokoagulation schuf einen sauberen Operationsraum.
Das Herz des jungen Mannes klopfte kräftig, mit einem herrlich gesunden Rhythmus. Volkmar beobachtete ihn auf dem Bildschirm: Eine Pulsation, die Freude machte.