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Das Haus der verlorenen Herzen

Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:

In Sonne, Wind und Wellen will der deutsche Herzchirurg Dr. Heinz Volkmar einen erholsamen Urlaub am Mittelmeer verbringen. Doch alles kommt anders: Von Sardinien nach Sizilien entführt, muß der Arzt erkennen, daß er einem jener berüchtigten Mafia-Bosse in die Hände gefallen ist, die dort ihr geheimes Schreckensregiment ausüben.
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
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«Barnards revolutionäre Tat ist unsere Reklame!«sagte Dr. Soriano tief atmend.»Wir werden jeden sich jetzt bei Barnard meldenden Patienten, den er abweisen muß, unter die Lupe nehmen und ihm, wenn er kapitalkräftig genug ist, unser Angebot unterbreiten. Ich rechne mit dem ersten Patienten in spätestens einer Woche.«

«Und wo nehmen wir das passende Spenderherz her?«

Soriano winkte großzügig ab.»Das ist meine Aufgabe, Enrico! Ich habe Ihnen versprochen, alles zu beschaffen, was Sie brauchen! Ein Herz gehört auch dazu. Um so etwas brauchen Sie sich nicht zu sorgen!«

Und wieder spürte Dr. Volkmar, wie es ihm trotz der warmen Morgensonne eiskalt über den Rücken lief. Er war wie gelähmt, als Worth-low mit dem Frühstück kam.

Der erste Patient traf sechs Tage nach Barnards Herztransplantation ein. Mit einem eigenen Flugzeug landete er in Palermo. Ein Großkaufmann aus Beirut, der erst in Kapstadt gewesen und dort von Professor Barnard abgewiesen worden war, weil die Liste der Herzanwärter bereits jetzt schon so lang war, daß auch ein Millionenscheck nichts mehr bewirkte. Sorianos Kontaktmann in Kapstadt hatte den Schwerkranken in seinem Hotel aufgesucht und ihm das Angebot unterbreitet, nachdem man einig geworden war, völliges Stillschweigen über dieses Gespräch zu bewahren.

Das Befinden Louis Waskanskys trug sehr zu dem Entschluß bei, sich der Klinik in Camporeale anzuvertrauen. Waskansky, das brachten alle Zeitungen und Fernsehstationen, saß bereits in seinem Bett, aß mit gutem Appetit, hatte die ersten Schritte in seinem Zimmer gemacht, gab Interviews und erzählte der staunenden Welt, daß er sich mit dem neuen Herzen fabelhaft fühle, wie neugeboren, geradezu verjüngt, und hob, breit lächelnd, Zeige- und Mittelfinger hoch in Churchill-Manier: Victory! Sieg über den Tod! Ein Bild, das Geschichte machte.

Professor Barnard verbreitete nur gedämpften Optimismus. Er kannte die Laborwerte, die ihm viermal täglich vorgelegt wurden und die bisher nur schwache Abwehrreaktionen signalisierten. Er wartete. Er war, wie jeder Arzt, vor allem der Chirurg, auf die Natur des Kranken angewiesen. Die Medikamente, mit denen man Was-kansky vollpumpte, stoppten die Immunreaktionen bis auf ein Minimum, aber gerade dieses Minimum konnte auf die Dauer gefährlich werden. Ob der Körper nun ein fremdes Organ sofort massiv oder langsam, schleichend abstößt — der Endeffekt ist der gleiche.

Die Welt erfuhr von diesem stillen Kampf nichts. Sie sah nur die gelungene Operation. Der Anbruch eines neuen Zeitalters der Medizin! Ohne es gewollt zu haben, wurde Barnard zu einem Idol, zu einem Vorbild, das sofort von cleveren Managern vermarktet wurde. Barnard — das war die neue Zeit! Der erste gelungene Vorstoß in die phantastische Zukunft.

Dr. Soriano war selbst auf dem Flugplatz, als Achmed ibn Tha-leb, der Großkaufmann aus Beirut, Mekkapilger und daher berechtigt, sich >Hadschi< zu nennen, mit seinem Privatflugzeug landete. Auf zwei Leibwächter gestützt, verließ er langsam, Schritt um Schritt, die Maschine, mühsam Stufe um Stufe der kleinen Gangway nehmend.

Dr. Soriano erschrak. Was ihm da entgegenwankte, war ein menschliches Wrack. Ein schmaler Körper in einem viel zu weit gewordenen Anzug. Nur keuchend konnte er sich noch vorwärts bewegen. Wieso dieses kaputte Herz überhaupt noch schlug, war Soriano ein Rätsel. Den bekommt auch Dr. Volkmar nicht mehr hin, dachte er, als er Achmed ibn Thaleb so herzlich begrüßte, als sei er sein Bruder. Da nützen auch alle Millionen nichts mehr. Wenn man den ansieht, weiß man, daß er nicht einmal die Narkose überleben wird, geschweige denn den Eingriff. Aber weshalb daran denken? Thaleb hatte zwei Millionen Dollar für ein gesundes Herz geboten. Er sollte es bekommen, auch wenn er es nicht überlebte.

Ibn Thaleb bekam das beste Zimmer: Einen großen Raum, zu dem man erst durch eine Sterilschleuse und dann noch durch ein anderes steriles Zimmer gelangen konnte. Es war die totalste Isolierung, die im medizinischen Sinne möglich ist. Wer zu Thaleb wollte, später, nach der Operation, war wirklich keimfrei. Um alle Bakterien abzutöten, mußte jeder Besucher auch noch durch einen stählernen Bogengang gehen, in dem er von allen Seiten bestrahlt wurde.

«Das hat Barnard nicht!«sagte Soriano, als er die Berichte aus Kapstadt studiert hatte.»Ein gewöhnlicher OP, ohne technische Sensation! Für unsere Begriffe sogar primitiv eingerichtet. Im Vergleich zu diesem OP, lieber Enrico, arbeiten Sie hier bereits im 21. Jahrhundert!«

Achmed ibn Thaleb betrachtete Dr. Volkmar sehr genau, als er ihm zur ersten Untersuchung gegenüberstand. Man sprach französisch miteinander. Dr. Volkmar war, im Gegensatz zu Soriano, über Tha-lebs Zustand nicht entsetzt. Die Untersuchung war Routine: Röntgenaufnahmen, Laborwerte, genetische Tests, Eiweißbestimmungen, Blutanalysen, Funktionsprüfangen. Das dauerte drei Tage, die Soriano voller Ungeduld verbrachte.

«Was ist?«fragte er am dritten Tag.»Gibt es da überhaupt noch Hoffnung? Wie der aussieht!«

«Die Indikation für eine Herztransplantation ist gegeben«, sagte Dr. Volkmar.»Nur habe ich kein Spenderherz.«

«Wann wollen Sie operieren?«fragte Soriano ruhig.

«In vier Tagen. So lange brauche ich, um Thaleb auf den Eingriff vorzubereiten. Er ist sehr klapprig.«

«Und wie! Enrico, Sie müssen es schaffen, daß er wenigstens noch drei Tage nach der Operation lebt.«

«Verdammt, ich will, daß er ein paar Jahre lebt!«sagte Volkmar laut.»Glauben Sie, ich würde sonst das Messer anrühren?! Was hat er Ihnen geboten?«

«Zwei Millionen Dollar!«antwortete Soriano ehrlich.

«Dafür können Sie beten, Don Eugenio. Welche Voraussetzungen der Herzspender haben muß, kann Ihnen Dr. Nardo sagen. Er hat die Checkliste. Ich glaube kaum, daß wir in vier Tagen das richtige Herz bekommen. Gesund und kräftig. So viele Unglücksfälle gibt's in Palermo nicht.«

Er sollte sich irren.

In den nächsten drei Tagen geschah Merkwürdiges auf Sizilien.

Im Hochland bei Mussomeli und Casteltermini, bei Leonforte und Sperlinga, aber auch an der Küste bei Pizzolato und Bonagia verschwanden ohne jeden Grund kräftige Bauernburschen und windgegerbte Küstenfischer. Keiner war über fünfundzwanzig Jahre alt, und keiner von ihnen hatte jemals den Wunsch geäußert, Sizilien zu verlassen und auszuwandern in ein Land, wo man mehr verdienen konnte. Zum Beispiel Deutschland.

Sie waren morgens zu ihrer Arbeit gegangen — die einen auf die Felder, die anderen mit dem nächtlichen Fang zum Fischmarkt. Keiner aber erreichte sein Ziel — sie alle schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Da war Domenico Barnazzi, vierundzwanzig Jahre, kerngesund, ein Brocken von einem Mann, immer fröhlich, ein Mensch, der gern sang und liebte, was einige Mädchen aus Leonforte bestätigen konnten. Im Sommer, in der Reisezeit, fuhr er mit seinem alten Fiat oft an den Badestrand von Cefalo, nicht nur, um im Meer zu schwimmen, sondern wegen der Touristinnen, die beim Anblick seines Lok-kenkopfes und seines durchtrainierten Körpers runde Augen bekamen. Meistens waren es Deutsche, Schwedinnen oder Engländerinnen, mit denen er später auf einer Decke hinter Büschen und Dünenhügeln lag, manchmal auch in Hotelzimmern, Zelten oder Wohnwagen. Er war in dieser Beziehung unermüdlich, erfüllte stets, was sein Körper versprach, und wunderte sich nur über die Frauen, die wie ausgehungert schienen. Waren die deutschen Männer solche Schlafmützen?! Domenico genoß es jedenfalls, drei Monate lang, in der Hochsaison, bald jeden Tag eine ausländische Frau mit südlichem Temperament zu beglücken.

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