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Das Haus der verlorenen Herzen

Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:

In Sonne, Wind und Wellen will der deutsche Herzchirurg Dr. Heinz Volkmar einen erholsamen Urlaub am Mittelmeer verbringen. Doch alles kommt anders: Von Sardinien nach Sizilien entführt, muß der Arzt erkennen, daß er einem jener berüchtigten Mafia-Bosse in die Hände gefallen ist, die dort ihr geheimes Schreckensregiment ausüben.
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
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«Draußen!«Soriano machte eine ausholende Armbewegung.»Nicht bei mir, Enrico. Wir können in der Stille schneller arbeiten. Wir alle wissen, daß Sie an einem Kunstherzen arbeiten aus der einfachen Überlegung heraus, daß das Herz nur eine motorisch betriebene Pumpe ist. Wenn Ihnen diese Konstruktion gelingt, und sie muß gelingen, wenn man alle anatomischen Gegebenheiten des echten Herzens in Kunststoff nachbaut und durch einen eingesetzten Motor in Bewegung hält, können Sie tausendfach Leben retten. «Soriano lächelte seine Tochter an. Sie blickte verschlossen, fast feindselig.»Wundern Sie sich nicht über meine Kenntnisse?«

«Auch mit einem Kunstherzen ist der Mensch kein vollwertiges Geschöpf mehr. Sein Leben wird ein einziger Kampf gegen die Im-munreaktion sein, und das heißt — da er Mittel schluckt, die alles abblocken, aber die Infektionsgefahr erhöhen, da dem Körper die Abwehr entzogen wird —: ein ständiger Kampf gegen Bakterien und Viren. Und mit ihnen ist unsere Umwelt bekanntlich verseucht!«

«Aber er lebt! Aber er lebt! Zwei, drei oder vier Jahre Lebensverlängerung — das bezahlen viele mit einer Million Dollar! Und wenn es zehn Jahre mehr Leben sind, stehen Sie in Gottes Nähe, Enrico! Für einen Arzt muß diese Zukunftsvision doch ungeheuerlich sein! Ein Traumziel. Ich biete es Ihnen!«

«Mich schaudert bei dem Gedanken, daß hier bald Patienten liegen, die ein Vermögen für ein Experiment bezahlen! Don Eugenio, ich werde es jedem ins Gesicht sagen!«

«Das können Sie! Patienten in dieser tödlichen Lage leben in einem unerschütterlichen Vertrauen zu ihrem Arzt.«

Dr. Volkmar schwieg. Er hat recht, dachte er. Wir haben es immer gesehen, vor allem bei den desolaten Krebspatienten: Ihr Glaube an die Wunder der Medizin ist manchmal unbegreiflich. Erschütternd, ihre glänzenden Augen zu sehen, wenn irgend jemand zu ihnen sagt:»Du siehst aber schon viel besser aus. Paß auf, in ein paar Wochen läufst du wieder herum!«Und wir wissen genau, daß sie in ein paar Wochen unter der Erde liegen.

Aus diesem Glauben will Dr. Soriano jetzt Millionen ziehen.

«Ich werde nur operieren bei strengster Indikationsstellung!«

«Selbstverständlich. «Dr. Soriano hob prostend sein Champagnerglas.»Sie werden nur hoffnungsvollen Fällen begegnen!«

Die Entwicklung überholte Dr. Volkmar und alle Pläne Sorianos.

Am 4. Dezember 1967 sprach die ganze Welt nur über ein Ereignis, das alles überdeckte: Weltpolitik, Wirtschaftskrise, Aktienkurse, Sportleistungen oder Krisenherde irgendwo auf dem Erdball. Für einen Tag trat alles in den Hintergrund. Auf der ersten Seite der Zeitungen riefen es Riesenlettern aus, Rundfunk und Fernsehen überboten sich mit Originalberichten und Interviews. Ein bis zu diesem

Tag der Welt unbekannter und selbst in Kollegenkreisen nicht auffallender Mann, ein Arzt aus Südafrika, Chirurg am Groote-Schu-ur-Hospital in Kapstadt, tat einen großen Schritt in die Zukunft.

Dr. Soriano stürmte mit einem Packen Zeitungen am frühen Morgen in Volkmars Wohnung. Er warf die Zeitungen auf den Tisch und klopfte an die Schlafzimmertür.

«Trennen Sie sich von meiner Tochter!«rief er erregt.»Himmel, wie können Sie schlafen, während sich die Welt verändert?! Kommen Sie heraus!«

Dr. Volkmar öffnete die Tür. Er ließ sie provozierend weit offen, um Soriano einen Blick auf sein französisches Bett zu gönnen. Es war leer. Loretta hatte in dieser Nacht nicht bei ihm geschlafen.

«Die Zeitungen!«sagte Soriano heiser.»Da!«Er zeigte auf die Titelseiten.»Die Welt steht kopf!«

Dr. Volkmar griff nach einer Zeitung und faltete sie auf. Die dicke, rot unterstrichene Balkenschrift schrie ihm entgegen: Die erste Herzverpflanzung ist gelungen!

Professor Dr. Christaan Barnard aus Kapstadt setzte dem 55 Jahre alten Lebensmittelhändler Louis Waskansky ein neues Herz ein.

Darunter das erste undeutliche Funkbild von Louis Waskansky, wie er auf einem Rollbett zum OP gefahren wird. Er lächelte breit und hoffnungsvoll.

Dr. Volkmar las den Artikel aufmerksam durch, blickte dann auf die anderen Zeitungen und warf sie beiseite. Dr. Soriano, der auf eine Reaktion wartete, wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht.

«Das ist alles, was Sie dazu sagen?«rief er.»Nichts?!«

«Ich habe von Barnards Forschungen gehört«, sagte Volkmar.»Die kleine Gruppe der Mediziner, die an diesem Problem arbeitet, kennt sich untereinander mehr oder weniger. Ich wußte allerdings nicht, daß Barnard schon so weit ist. Ich freue mich für ihn. Endlich hat es einer gewagt! Und das am südlichsten Ende Afrikas! Gratulation, Christaan Barnard.«

Soriano lief hinaus auf den Dachgarten und warf sich in die Schaukel. Volkmar, der ihm gefolgt war, hockte sich auf einen Stuhl an der Gartenbar.

«Wissen Sie, was das für uns bedeutet?«fragte Soriano.

«Ich ahne es.«

«Die ganze Welt ist voller Begeisterung. Zum ersten Mal wird allen bewußt, daß es möglich ist, ein Herz zu verpflanzen! Ich weiß, ich weiß, ihr Mediziner wißt das schon lange. Aber gewagt hat es noch keiner! Nur an Tieren. Aber jetzt endlich läuft ein Mensch mit einem fremden Herzen herum.«

«Noch läuft Mr. Waskansky nicht wieder.«

«Er wird!«

«Abwarten!«

«Und wenn er nur eine Woche lebt — die Welt, jeder Mensch lebt ab heute in der Gewißheit, daß auch ein Herz austauschbar ist. Barnard wird überlaufen werden von herzkranken Patienten. Andere Chirurgen werden es ihm nachtun. Wenn einmal die Schranke durchbrochen ist, strömen alle in das Neuland! Das bedeutet für uns: In kürzester Zeit haben wir die Klinik voll, denn Professor Barnard wird jetzt bestimmt nicht am laufenden Band Herzen verpflanzen.«

«Das wird er nie tun!«

«Sehen Sie! Aber wir werden es!«Soriano begann, nervös zu schaukeln. Er faltete die Hände, löste sie wieder und trommelte mit den Fingerspitzen gegeneinander.»Ich habe schon Auftrag gegeben, alles, was mit dem Groote-Schuur-Hospital zusammenhängt, zu sammeln und herüberzufunken. Barnard gibt ausführliche Interviews, natürlich genießt er seinen Erfolg! Wir werden spätestens morgen wissen, wie Barnard operiert hat, wie seine Chirurgie eingerichtet ist, was man zur Überwindung der Immunschranke getan hat. Ich garantiere: Wir sind besser, moderner und vollkommener eingerichtet! Und wir haben einen Dr. Volkmar!«

«Barnard hat nur einen Teil des Herzens verpflanzt«, sagte Volkmar ruhig.»In seinem ersten Interview steht, daß er ein Stück Restherz belassen hat und das neue Herz, auch nur ein Teil, aufgenäht hat. Aus zwei mach eins. das ist die Methode, an der wir alle ex-perimentierten. Barnard hat es technisch brillant gelöst. Aber die Gefahr der Immunreaktion ist dadurch ungeheuer groß geworden. Das will ich vermeiden, indem ich ein ganzes Herz transplantiere und in alle zum Herzen führenden Hohlgefäße Zwischenstücke aus Teflon einsetze, Verbindungen aus Kunststoffschläuchen, die wie eine Bremse, eine Schleuse wirken. Ich weiß: das Blut. Die Eiweißreaktion. Aber die Gefahr der schnellen Abstoßung ist nicht mehr so groß, wenn wir nicht mehr fremde Muskel aufeinander nähen, sondern ein ganzes Organ ohne unmittelbare Verbindung zu anderen abwehrbereiten Körperteilen transplantieren.«

«Und das werden Sie in Kürze tun, Enrico. «Sorianos Gesicht hatte sich vor Erregung gerötet.»Mein Gott, wenn das gelingt.«

«Lassen Sie Gott weg!«

«Wie Sie wünschen! Professor Barnard hat — ohne es zu wissen — den Startschuß zu unserer Klinik gegeben! Solange die Euphorie über dieses medizinische Wunder anhält.«

«Sie wird nicht lange dauern. Auf nichts reagieren Mediziner allergischer als auf den spektakulären Erfolg eines Kollegen. Warten Sie die Kommentare der nächsten Tage ab. Es wird für Barnard mehr Minus- als Pluspunkte geben! Man wird die Notwendigkeit solcher Eingriffe in Zweifel ziehen, von Verfrühung sprechen, von Operationswut, von Geltungsbedürfnis, von persönlicher Eitelkeit, von Mißachtung des ärztlichen Ethos. Die Palette der Beschimpfungen mit akademischer Verkleidung ist gerade bei uns Medizinern unerschöpflich. Und wenn Waskansky stirbt. oje!«

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