Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Die Untersuchung bereitete ihm wenig Freude. Die Frau gab von Zeit zu Zeit gnatzige Laute von sich, auf die ihre Tochter mit gurrenden Beschwichtigungen reagierte. Nichts an ihrem Leiden weckte sein Mitgefühl. Der Arzt wollte die Enttäuschung so rasch wie möglich hinter sich bringen, zumal er sich nicht sicher war, wie er der Patientin Erleichterung verschaffen, geschweige denn sie heilen konnte. Er begann über eine Diät zu referieren, und er erklärte, er werde ein Rezept schreiben und dem Hausherrn übergeben. Er wollte sich verabschieden, als die dritte Frau, die sich bislang in Schweigen gehüllt hatte, ihn bat, er möge noch ein wenig länger bleiben, da er schon im Haus sei, sie habe auch eine Beschwerde, eine kleinere. Zuerst aber müßten sie ihre Mutter in ihr Bett zurückbringen. Der Arzt erklärte sich einverstanden. Er blieb sitzen und kostete den Nachgeschmack der Stimme aus, die zuletzt gesprochen hatte. Die dritte Frau war älter als ihre Schwester, erwachsen, schlank, würdevoll, eine selbstbewußte Frau. Die zwei jüngeren Frauen kehrten zurück. Ich bin verheiratet, sagte die Ältere. Bitte setzen Sie das Teil wieder auf, sagte die Jüngere. Mein Mann erwartet von mir Kinder — jedes Wort schien sie viel Überwindung zu kosten —, und Geduld gehörte nicht zu seinen Stärken. Sie zog ihren Schleier weg und entledigte sich ihres Überwurfes. Alles liegt in Gottes Hand, murmelte der Arzt. Gewiß, Sheikh, sagte sie, aber vielleicht ist etwas an mir nicht in Ordnung, etwas, das in Ihrer Hand liegt? Sie trug dunkles Rot. Wenn ein so berühmter Arzt wie Sie mir versichern könnte, daß ich gebären kann. Der Arzt konnte sein Kaleidoskop nicht von ihrem Gesicht abwenden. Gewiß, murmelte er und verlor sich in ihren Zügen, die von Trauer geprägt waren. Wenn ich in Ihre Augen sehen dürfte? Er näherte sich ihrem Gesicht, bis auf die halbe Elle, die das Okular maß. Ihre tiefdunklen Augen waren zwei Fische, die in einem unergründlichen Geist schwammen. Weit oben auf ihrer Wange, unter dem rechten Auge, war ein Muttermal, als hätte sie vergessen, eine schwarze Träne wegzuwischen. Aus der Nähe wirkte es überflüssig, doch in ihrem Gesicht war es ein Bestandteil ihrer Vollkommenheit. Sie legte sich hin. Beginnen Sie, Sheikh. Er zögerte. Wie sollte er die Gebärfähigkeit einer Frau prüfen? Er maß zuerst den Puls, um Zeit zu gewinnen, aber die Zeit lieferte nur Bedenken. Er konnte ihr kein Kind versprechen. Einige harmlose Fragen nach Appetit und Verdauung bescherten ihm weiteren Aufschub. Die Schuldzuweisungen einer fremden Ehe gingen ihn nichts an, nicht einmal als Arzt. Wie sollte er eine Zusicherung von solcher Tragweite abgeben? Sie sind gehemmt, Sheikh, unterbrach sie seine Gedanken, in greifbarer Ferne. Sie müssen mich richtig untersuchen, es geht um mehr als nur um mein Leben. Ich weiß, Ihnen ist unwohl dabei, aber ich bitte Sie, überwinden Sie sich, untersuchen Sie mich. Ihre Schwester kniete sich neben ihr nieder und begann sie auszuziehen. Und wenn es Sie zu sehr behindert, legen Sie das Gerät ab. In Notfällen dürfen wir die Regeln mißachten, nicht wahr? Und sie sah ihn mit einem Blick an, in dem er gerne stundenlang gelesen hätte. Er sah ihren Bauch, hell und leicht gerundet. Die Schwester ergriff seine Hand und legte sie auf den Nabel. Er sah seine Hand durch das Okular, als würde sie zu einem anatomischen Stilleben gehören. Er traute sich nicht, sie zu bewegen. Die Haut war kühl und samten. Wie erwartet. Mit Erschrecken nahm er seine Erregung wahr. Ob etwas unter seiner Gellabiya zu erkennen war? Er konnte nicht mit dem Kaleidoskop in der Hand an sich selbst hinabblicken. Die Peinlichkeit. Sie würde sich noch weiter ausziehen, und er, er würde auf ihr Leid nur mit triebhafter Lust reagieren können. Er mußte verschwinden. Er zog seine Hand zurück. Verzeihen Sie mir, ich muß gehen. Beide Schwestern blickten ihn erstaunt an. Er stand schon, ließ das Kaleidoskop fallen, blickte zur Tür. Es hat nichts mit Ihnen zu tun, verzeihen Sie mir. Schon war er an der Tür. Ich habe keine Entschuldigung. Warten Sie, rief die ältere Schwester. Wenn es so nicht geht, Sie können auch die Augenbinde abnehmen. Der Arzt riß die Tür auf und eilte hinaus. Er entfernte sich mit dem Geschmack der eigenen Unzulänglichkeit auf der Zunge.
Im Monat von Muharram des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
SHARIF: Wir danken dem Gouverneur für seine Einladung. Wahrlich, diese Angelegenheit, wir können es nicht anders ausdrücken, als daß sie von einer Bedeutung ist, die unser Augenmerk, unser aller Augenmerk in allerhöchstem Maße erfordern dürfte.
GOUVERNEUR: Bevor wir uns mit ihr befassen, vielleicht sollten wir zuerst, solange wir noch bei wachem Verstand sind, die Abrechnung der Naib al-Haram vornehmen.
KADI: Selbstverständlich, selbstverständlich. Das Geläufige vor dem Ungewissen. Heute morgen haben der Sharif und ich alle Rechnungen der Wächter der Kaaba überprüft. Die Einnahmen sind gestiegen, Gott sei gedankt, um zwölf von hundert.
SHARIF: In diesem Schriftstück hier ist die Zahl der Beutel, die wir in diesem Jahr nach Istanbul schicken werden, vermerkt, und wir überreichen Ihnen wie üblich alle betreffenden Dokumente, nicht nur die abschließende Bilanz, auch die Aufschlüsselung aller Einnahmen, aller festen Kosten, aller unerwarteten Ausgaben, Renovierungen und alles weitere, was mir im Augenblick nicht einfällt, wie gewünscht, damit nicht der Verdacht einer Unregelmäßigkeit auf uns fällt, die offene Abrechnung, so wie Sie sie eingeführt haben.