Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Ehe Ali Agha, der von seiner eigenen Geschichte völlig eingenommen war, die Pointe gesetzt hatte, war Hadji Wali aufgesprungen, er lief aus dem Zimmer, ohne Rücksicht auf Verluste — er ließ sein Käppi, seine Pantoffeln und seine Pfeife zurück. Der Bashibazuk traute sich eine Verfolgung nicht zu. Statt dessen begann er, Parfüm auf Käppi, Pantoffel und Pfeife zu träufeln und den Händler einen Maulesel zu schimpfen, in mehr Sprachen, als ihm geläufig waren. Er lud seinen ehrenwerteren Gast ein, das restliche Abendessen nicht zu vergeuden, und sie bedienten sich einträglich an der Suppe und an dem Rauchfleisch und halfen der Verdauung mit einer weiteren Wasserpfeife nach. Ein sanfter Friede setzte ein, der neuerlich vom Bashibazuk sabotiert wurde. Aus unsicherem Stegreif verkündete er dramatisch, er sehne sich nach schönen Tänzerinnen, nach etwas Schauspiel, um seine Augen zu beglücken. Das ist in den Wakalahs verboten, sagte Sheikh Abdullah. Wer, schrie Ali Agha empört, wer hat es verboten? Der Pascha selbst, antwortete der Sheikh, der Pascha in seiner ganzen Weisheit. Wenn es ist, wie du sagst, erklärte Ali Agha feierlich, während seine Finger seinen flattrigen Schnurrbart zu zwei aufgerichteten Nadeln zwirbelten, dann wird der Pascha selbst für uns tanzen müssen. Und er stürzte hinaus.
Sheikh Abdullah stöhnte und richtete sich auf. Der Abend geriet außer Kontrolle. Dies ist deine letzte Chance, drängt ihn eine benebelte innere Stimme. Kehre in dein Zimmer zurück, schließe die Tür ab und lege dich schlafen. Aber der Teufel schlägt in die Kerben, und der Sheikh redete sich ein, dem Bashibazuk in seiner Verwirrung zur Seite stehen zu müssen, und so folgte er ihm durch die Galerie, zog ihn von der Balustrade weg, beschwor ihn, mit Worten und einem festen Griff an seinem knüseligen roten Fustan, er möge in sein Zimmer zurückkehren. Aber Ali Agha hörte auf ihn so wenig, wie er auf eine Ehefrau hören würde. Er nahm Anstoß an den freudlosen Ratschlägen, seine Wut wuchs. Er schlug um sich, wie ein blinder Faustkämpfer, er traf nur Luft, immer wieder traf er die Luft, dann hielt er inne, senkte den Kopf, so als lausche er, als warte er auf Eingebung. Sheikh Abdullah ließ von ihm ab. Vielleicht war der Sturm verflogen, und er könnte sich gleich verabschieden. Nein, der Bashibazuk stürzte sich auf die nächste Tür, brach sie mit der Schulter auf und torkelte in einen Raum, in dem, wie ein halber Mond ausreichend erhellte, zwei ältere Frauen neben ihren Männern auf dem Boden schliefen. Sie wachten auf, und wer weiß, was sie zu erblicken glaubten, aber was immer es auch war, sie zeigten sich keineswegs eingeschüchtert, sie wehrten sich — während sie sich aufrichteten — mit einem Hagel wildester Beschimpfungen, die selbst einen albanischen Offizier von den irregulären Truppen beeindruckten. Er trat einen geordneten Rückzug vor den Zungen dieser grummelnden Frauen an, er taumelte die enge Treppe hinunter und fiel über den eingemummelten Nachtwächter, dessen Schnarchen in ein Kreischen überging. Unter den Dienern, die im Hof schliefen, und die sich nun alle regten, war auch der Gehilfe von Ali Agha, ein jüngerer, stämmiger Albaner, der den Sheikh um Hilfe bat, seinen Herrn in dessen Zimmer zurückzubringen. Doch der Bashibazuk war nicht zu beruhigen, er trat und spuckte und schlug um sich und schrie … Ihr Hunde, ich habe euch entehrt! … bis weitere Diener seine Glieder fest packten. Sie trugen ihn die Treppen hinauf, schleppten ihn in sein Zimmer, beobachtet von allen Bewohnern der Karawanserei, die aus ihren Zimmern geschlüpft waren, beunruhigt, neugierig, und nun den Flüchen des besoffenen Albaners ausgesetzt: Ihr Ägypter! Ihr seid ein Geschlecht von Hunden! Ich habe euch entehrt, ich habe Alexandria, Kairo und Suez entehrt! Das waren seine letzten Worte, bevor er, kaum lag er auf seinem Bett, in einen tiefen Schlaf fiel. In dem Gerangel hatte einer der Helfer die Flasche Raki umgestoßen, und die erleichterten Diener mußten, barfüßig, wie sie waren, durch den nassen Gestank aus dem Zimmer tapsen. Sheikh Abdullah hob das Flakon auf, spritzte eine starke Dosis auf Bett und Boden und überreichte es draußen vor der Tür dem Diener von Ali Agha. Um die Spuren zu verschleiern, sagte er. Als er sich in sein Zimmer zurückzog, sah er, auf der anderen Seite der Galerie, Hadji Wali mit einer Lampe in der Hand, der ihn lange anblickte. Nicht vorwurfsvoll, wie er erwartet hätte. Enttäuscht nur, und mit dem traurigsten Blick Kairos.
Im Monat von Safar des Jahres 1273
Möge Gott uns seine Gunst und Gnade erfahren lassen
HADJI WALI Ich konnte meinem irregeleiteten Freund nur noch einen Ratschlag geben: Brich sofort zur Hadj auf. Ich wußte zu gut, was folgen würde. Die ganze Karawanserei würde nur noch über diese Nacht reden, über den albanischen Bashibazuk, der an Bösartigkeit seinesgleichen suchte, und über den indischen Arzt, der sich als maßloser Heuchler entlarvt hatte. Niemand würde sich daran erinnern, daß dieser fremde Arzt so viele geheilt hatte, ohne etwas dafür in Rechnung zu stellen. Sein Ruf war zerstört. Wäre er in Kairo geblieben, er hätte in ein anderes Viertel ziehen müssen. Wer kann das verstehen? Ein so guter Mensch. Und trotzdem, als ihn der Teufel belog, hat er Ehre und Leumund weggeworfen für einige Becher Alkohol mit einem verrückten Albaner. Was für eine Verschwendung!
KADI: Das sagt uns wohl genug. Widerlich. Aber wenn der geschätzte Gouverneur der Ansicht ist, solch abscheuliche Lektüre diene der Wahrheitsfindung. Weitere Beweise benötigen wir wohl nicht — sein Glaube war reine Maskerade.
GOUVERNEUR: Wenn jeder, der gelegentlich trinkt, von dem wahren Glauben ausgeschlossen wird, dann dürfte die Gemeinschaft der Gläubigen sehr klein werden.
KADI: Lautet so heutzutage die offizielle Position des Kalifats? Sultan Abdulmecid, so ist zu hören, liebt das rote Gift aus Frankreich.
GOUVERNEUR: Ich spreche von den Tatsachen. Selbst hier in der Gesegneten Stadt, habe ich mir sagen lassen, wird Raki zum Verkauf angeboten.
SHARIF: Wie sollen wir das verhindern? Die Strafen …
KADI: … werden nicht konsequent durchgesetzt.
HADJI WALI Ja, es stimmt, ich habe ihm davon abgeraten, sich als Perser auszugeben, überall würde ihm Verachtung entgegenschlagen, und im Hijaz würden sie ihn vielleicht verprügeln oder gar töten. Er hat meinen Rat sehr bereitwillig befolgt, gewiß, aber folgt daraus, daß er nicht jener war, der er vorgab zu sein? Obwohl, es wurde mir eigentlich nie klar, was zu sein er vorgab. Er hüllte sich in Unklarheit. Er sprach in so vielen Zungen. Aber mir konnte er nichts vormachen. Ich wußte natürlich, daß er ein Abgefallener war. Nein, nicht wie Sie sagen, das kann ich nicht glauben. Er hat etwas ganz anderes verheimlicht. Die ganze Zeit tat er so, als würde er der Shafi-Schule angehören. Aber das stimmte nicht. Sehen Sie, ich habe begriffen, daß er Taqiyya praktiziert, so wie seine Tradition es ihn gelehrt hat. Sie wissen, die Shia halten es für ihr gutes Recht, ihren wahren Glauben wenn nötig, wenn überlebensnotwendig, zu verbergen. Das ist der Boden der Wahrheit. Er war ein Shia. Mit Sicherheit war er auch ein Sufi. Bei allem anderen bin ich mir nicht so sicher.