Die Stunde der Diebe. Finstere Pläne
- Автор: Кирчофф Мери, Winter Steve
- Серия: Der Bund der Drachenlanze #2
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Переводчик: Imke Brodersen
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Stunde der Diebe. Finstere Pläne». Краткое содержание книги:
»Was soll ich jetzt bloß machen?« schluchzte sie den Himmel an. Balkom war längst nicht mehr zu sehen, und sie hatte nur eine unklare Vorstellung von seinem Zieclass="underline" ein Versteck flußaufwärts, das jedoch meilenweit entfernt sein konnte. Zu einer Kugel zusammengerollt, hielt Selana sich mit den zerkratzten Händen den Kopf und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte und eine unheimliche Ruhe sie überkam.
Sie hatte keinen Proviant, keinen Unterschlupf und keine magischen Sprüche mehr übrig. Da sie todmüde war, mußte sie schlafen, bevor sie wieder zaubern konnte. Um Balkom überhaupt noch zu erreichen, bevor es zu spät war, das Armband zurückzuholen oder Rostrevor zu retten, würde sie zu Fuß über Land ziehen müssen. Diese Aussicht war fast unerträglich für sie. Wütend nahm Selana eine große Handvoll Kieselsteine und schleuderte sie vor lauter Zorn in den Fluß.
Fern von ihrem Volk und noch weiter weg von allem, was ihrem Leben im Meer ähnelte, fühlte sich die junge Meerelfin mutterseelenallein.
Selana berührte mit ihrer Zunge eine salzige Träne, die über ihre Lippen rann, und lächelte traurig, denn sie dachte an schöne Zeiten, die sie mit ihrer Familie – besonders mit ihrem großen Bruder – im Meer verbracht hatte. Semunel neckte sie furchtbar gern. Wenn sie ihm beim Fangenspielen nah kam, verwandelte er sich einfach in einen Delphin, eine Gestalt, die alle Dargonesti von Natur aus annehmen können, die jedoch meist nur auf der Flucht vor räuberischen Feinden benutzt wurde. Er schwamm schneller als sie, tauchte durch die Korallenriffe und die vielen Schiffswracks, mit denen der Meeresboden übersät war, und war ihr dabei immer nur eine Länge voraus, so daß sie ihn nicht packen konnte.
Als sie noch ganz klein war, hatte sie geweint und sich bei ihrem Vater, der Stimme der Monde, beschwert, der Semunel dann zurechtwies.
»Alle Mitglieder des Königshauses der Dargonesti müssen darüber stehen, jemanden lächerlich zu machen oder besiegen zu wollen, selbst untereinander«, sagte er in solchen Fällen streng.
Hinterher kniff Semunel sie, wenn ihr Vater nicht hinsah. »Du bist eine verzogene Prinzessin, Schwesterchen. Eines Tages wird Vater nicht dasein, um deine Kämpfe für dich durchzustehen«, schalt er. Und wenn sie dann vor Wut fast verrückt wurde, grinste er und schloß sie fest in die Arme und sagte: »Aber ich werde immer für dich da sein, Selana.«
Selanas Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. »Vielleicht hat Semunel recht – vielleicht bin ich ein klein bißchen dickköpfig und zu verwöhnt«, murmelte sie nachdenklich. »Ich wünschte, er wäre jetzt hier und könnte mir helfen.«
Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm die Anweisungen zur Herstellung des Armbands gezeigt hatte, die sie gefunden hatte. Als sie ihm erzählt hatte, was sie für ihn tun wollte, hatte er ihr regelrecht befohlen, den Plan zu vergessen.
»Halte dich von den Landbewohnern fern; die machen nur Ärger«, sagte er und drohte ihr wirklich mit dem Finger. »Wir lösen dieses Problem auch alleine.«
Sein herablassender Ton hatte sie verletzt, und sie hatte seine Einwände verworfen und war nachts fortgelaufen, um die Sache auf ihre Weise zu erledigen. Zu ihrem Leidwesen mußte sie jetzt zugeben, daß er recht gehabt hatte, was die Landbewohner anging.
Seufzend setzte sich Selana im Schneidersitz ans Flußufer, wo sie in einem ruhigen, flachen Teich hinter einem umgestürzten Baum ihr Spiegelbild betrachtete.
»Wie konntest du eigentlich annehmen, eine solche Reise alleine zu schaffen?« stöhnte sie das mitgenommene, blasse Gesicht im unbewegten Wasser an. Welcher Wahn hatte aus einer einst unbeschwerten, jungen Prinzessin ein geschlagenes, heulendes Dummchen in einer abgelegenen Bergkette gemacht? Sie gehörte in ihre geliebte Heimat, wo sie sich an den schönen Wellen erfreuen könnte. Wenn sie doch nur wieder schwimmen könnte…
Plötzlich bekam Selana große Augen. Sie betrachtete den brausenden Fluß. Ob er tief genug war? Wenn die Strömung nun zu stark war und sie flußabwärts trieb? Das Wasser würde auf jeden Fall viel kälter sein als das, an das sie gewöhnt war. Und es war Süßwasser, kein Salzwasser, doch darin konnte sie lange überleben.
Trotz ihrer Zweifel hatte sich die Meerelfenprinzessin bereits entschlossen. Sie glühte vor Verlangen, sich vom vertrauten Wasser umgeben zu lassen, egal was daraus erwachsen würde. Kühn stand sie auf und zog einen von ihren weichen Lederstiefeln aus, um mit dem großen Zeh die Wassertemperatur zu prüfen – es fühlte sich an wie frisch geschmolzener Schnee. Als sie den Stiefel wieder anzog, zitterte sie, doch nicht nur wegen der Kälte. Sie erinnerte sich daran, daß es sich nicht so eisig anfühlen würde, wenn sie erst in ihrer dicken, blaugrauen Delphinhaut stecken würde.
Selana schloß ihre großen, meerfarbenen Augen. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie ihre Füße, sie in das schnell fließende, eiskalte Wasser zu tragen. Jede Faser ihres Körpers schrie vor Protest gegen diese Zumutung für ihr zartes, blasses Fleisch. Dann stand sie bis zum Bauch im Wasser, das sie bis auf die Haut durchnäßte. Das Geräusch des fließenden Wassers, das den Berg hinunterströmte, beruhigte ihre Nerven. Während sie mit gekonnter Leichtigkeit die Arme ausbreitete, holte sie tief Luft, hielt sie an und tauchte unter.
Selana rief sich eine Kindheitserinnerung ins Gedächtnis und konzentrierte sich darauf. Auf der Stelle fühlte sich das Wasser, das über sie hinwegströmte, nicht mehr eisig an. Sie spürte das vertraute »Verschmelzen« – anders konnte sie das Gefühl kaum beschreiben, wie sich ihre Beine in einen kräftigen Schwanz verwandelten, wie ihre Arme zu kleinen Flossen wurden und sich ihr Blickfeld erweiterte, wie ihr eine flaschenförmige Schnauze wuchs und die Augen weit auf beide Seiten auseinanderwichen.
Sie fühlte sich frei!
Mit Schlägen ihrer Schwanzflosse wandte sie sich flußaufwärts, während sie gleichzeitig die Tiefe des Flußbetts auslotete. Als sie zum ersten Mal atmen mußte, konnte sie der gefährlichen Versuchung nicht widerstehen, in einem anmutigen Bogen herauszuspringen und dabei nach Luft zu schnappen wie Fische nach Fliegen. Sie rollte sich einmal herum, dann noch einmal – einer der ersten Tricks, die sie als Delphin gelernt hatte. Noch einmal sprang Selana aus dem Wasser hoch in die Luft, wobei sie in einer trotzigen Geste mit neuem Selbstvertrauen ihren mächtigen Schwanz schwang.
Befriedigt schwamm sie weiter. Bald würde sie sich nach dem Versteck umsehen müssen, auch wenn ihr gar nicht richtig klar war, wonach sie suchen sollte. Würde es ein Haus sein wie die in der Stadt? Sie streckte ihre Schnauze aus dem Wasser und schwamm im Zickzack, während ihre schwarzen Augen das Ufer nach Balkom absuchten.
Die größte Schwierigkeit stellten die unberechenbaren Strömungsänderungen dar. Manchmal dehnte sich der Fluß plötzlich auf die doppelte Breite aus, wurde seicht und floß ruhig dahin. Ebenso plötzlich verwandelte sich der Fluß wieder in ein reißendes Gewässer.
Je höher sie in die Berge kam, desto mehr wichen die hohen Fichten und Espen kleineren Pinien und Büschen. So weit flußaufwärts mußte sie großen, scharfkantigen Eisschollen ausweichen, die vom Ufer abbrachen. Um die Sache noch weiter zu erschweren, änderte der Fluß zwar immer wieder seine Breite, doch die Tiefe nahm ständig ab. Selana wußte, wenn sie Balkoms Versteck nicht bald fand, würde sie nicht weiterschwimmen können. Als Delphin brauchte sie einfach ein paar Fuß Wassertiefe.
Als sie in einem schnell fließenden Abschnitt mit der starken Strömung kämpfte, fiepte Selana plötzlich vor Schmerz, als ihre linke Flosse an einem scharfen Felsen unter Wasser entlangratschte. Sie hörte und fühlte, wie die feste Haut riß. Das eisige Wasser verstärkte den Schmerz, und in Panik schlug die Meerelfin nur noch um sich. Auf der Stelle sank ihr der Mut, als ihr klar wurde, daß sie in der starken Strömung mit nur einer Flosse unmöglich lenken konnte. Schnell stieß sie sich mit dem Schwanz zum Ufer, wobei sie nur mit der rechten Flosse steuerte.