Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
»Nun«, antwortete Arri gedehnt, »du bist doch selbst kaum älter als ich. Findest du mich etwa zu jung?«
Der Unbekannte sah sie erst verblüfft an - und lachte dann auf. »Sieh an, eine Wildkatze, die selbst dann noch ihre Krallen ausfährt, wenn sie schon am Boden liegt.«
Er deutete eine leichte Kopfbewegung an. »Aber gestatte mir, dass ich mich erst einmal vorstelle. Ich bin der Hohepriester von Goseg, mein Name ist Amar.«
»Der Hohepriester von Goseg?«, fragte Arri überrascht. »Aber das kann nicht sein. Ich habe ihn ja schon kennengelernt. Er ist ein alter Mann ...«
»Ein alter hässlicher Mann mit verschrobenen Ideen, sprich es ruhig aus«, unterbrach sie Amar ungerührt. »Nor ist tot. Und das schon seit zwei Sommern. Inzwischen hat sich in Goseg viel verändert.« Er schenkte Arri ein freundliches Lächeln. »Goseg war schon immer mächtig, selbst schon zu der Zeit, als die Menschen gerade begonnen hatten, die ersten Häuser zu bauen. Doch erst unter meiner Herrschaft ist es das bedeutendste Handelszentrum der ganzen Region geworden. Wir unterhalten Verbindungen zur ganzen Welt - zu den Stämmen in den Schneebergen, in die sich das ewige Eis zurückgezogen hat, und sogar zu den Völkern, die hinter den Bergen an einem großen Meer leben. Von dort beziehen wir Gewürze, Schmuck, Erze, Öle und vieles andere ...«
»Ja«, antwortete Arri verwirrt. »Aber ...«
Amar hob die Hand und winkte ab. »Kein Aber«, sagte er scharf. »Wir kontrollieren den Handel. Und damit kontrollieren wir praktisch alles zwischen dem Nordmeer und den Schneebergen.«
Arri nickte. Das mochte ja alles so stimmen, und wenn Dragosz noch lebte, wäre es jetzt auch an der Zeit gewesen, sich ein paar Gedanken zu dem zu machen, was ihr der Hohepriester hier eröffnete.
»Wir verlangen Tribut«, fuhr Amar unbekümmert fort, »und das von jedem, der in unserem Einflussgebiet siedelt.«
Taru gab ein leises ächzendes Geräusch von sich, doch als Amars Kopf in seine Richtung herumfuhr, war er nicht in der Lage, seinem Blick standzuhalten, geschweige denn, ihm eine halbwegs vernünftige Erwiderung entgegenzuschleudern.
Kindskopf, dachte Arri. So geht man nicht mit Männern um, die die alleinige Macht für sich beanspruchen.
Und das tat Amar ganz offensichtlich.
Ob er wirklich ein Hohepriester war oder nicht, das wagte Arri nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall war er aber jemand, der trotz seiner freundlichen Art alles andere als zimperlich wirkte, wenn es um seine ureigensten Interessen ging.
»Dragosz hat sich am See der tausend Fische niedergelassen, ohne mich zu fragen«, sagte Amar leise. »Aber was ich dazu gesagt habe, wirst du als seine Frau wohl wissen ...«
See der tausend Fische ... das klang sehr schön. Alles andere aber nicht. Abgesehen davon begann Arri gerade zu begreifen, dass ihr Dragosz wohl die eine oder andere Kleinigkeit verschwiegen hatte.
Amar schien weiter auf eine Antwort zu warten. Als sie ihm die schuldig blieb, deutete er mit einer leichten Kopfbewegung in Tarus Richtung. »Stimmt denn das, was sie behaupten? Hast du Dragosz getötet?«
Arri hob die Hand ans Gesicht und wischte sich die Träne weg, die mittlerweile schon fast ihr Kinn erreicht hatte. »Nein«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich habe weder Dragosz noch irgendjemand anderen getötet ...«
»Das stimmt überhaupt nicht!«, brüllte Rar unbeherrscht dazwischen. »Sie hat versucht, uns alle zu vergiften!«
»Verdammt!« Taru trat einen Halbschritt zurück und stieß Rar den Ellbogen in die Rippen. »Wirst du endlich still sein, du Hornochse?«
»Aber warum denn?«, jammerte Rar. Er rieb sich die Seite. »Es stimmt doch. Sie hat das Wasser ...«
Taru drehte sich zu ihm um und versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. »Still jetzt, du Einfaltspinsel.«
Rar öffnete noch einmal den Mund, schnappte jetzt aber nur nach Luft. Er begann wohl langsam zu begreifen, dass sich das Verhältnis zwischen ihm und Taru grundlegend geändert hatte.
Aber dabei wird es nicht bleiben, schwor sich Arri. Kyrill ist Dragosz’ Nachfolger. Und Taru kann dann das tun, was er am besten versteht: zusammen mit Rar und ein paar anderen Idioten Unsinn anstellen.
Es war Lexz schwer gefallen, sich von dem kleinen See loszureißen und dem gewundenen Pfad am Bach zu folgen. Er hatte sich Arri so nahe gefühlt. Und jetzt hatte er das verrückte Gefühl, sich mit jedem Schritt, den er hier entlanghetzte, weiter von ihr zu entfernen.
Das war verwirrend. Er kannte dieses Mädchen doch gar nicht - das inzwischen längst zur Frau herangewachsen sein musste. Aber sie erschien ihm in diesem Augenblick wirklicher als die Menschen, die er im Lager seines Vaters zurückgelassen hatte. In den letzten Jahren hatte er so manchem Mädchen beigewohnt, und manchmal war auch eines dabei gewesen, das ihm wirklich gefallen hatte. Aber niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, sich fest zu binden.
Weil es diese Unbekannte gab, von der ihm Dragosz nicht mehr als ein paar Sätze gesagt hatte.
Je weiter er jetzt dem zunehmend gewundenen Verlauf des Baches folgte, desto mehr verlor sich auch das Gefühl für die Unbekannte. Stattdessen gewann in ihm wieder etwas Altbekanntes die Oberhand: die Angst um seine Gefährten.
Die Spuren waren hier weniger heftig, als sie es noch vor dem See gewesen waren. Ein paar abgerissene Zweige, niedergetrampeltes Gras, zerdrücktes Gebüsch. Und trotzdem begann er sich mit zunehmender Besorgnis zu fragen, was hier eigentlich geschehen sein mochte. Ein Kampf war eine Sache, eine Flucht aber eine andere. Doch das sah hier weder nach dem einen, noch nach dem anderen aus. Oder vielleicht war es erst ein Kampf gewesen, und dann eine Flucht? Aber warum waren dann Ekarna und Torgon nicht in einem Bogen wieder zu ihm zurückgekehrt? Waren sie überhaupt noch am Leben?
Aufgeregtes Vogelgeschrei alarmierte ihn, und wie von selbst zog er seine Waffe und schlich in angespannter Wachsamkeit weiter. Der Pfad wurde breiter, der Boden trockener, und die Pflanzen sahen hier nicht mehr ganz so üppig aus wie eben noch. Das Nächste, was ihm auffiel, war das Laub, das dort lag ... und von den Bäumen über ihm herabgeregnet war. Der Herbst schien nicht mehr fern, aber so viel Laub ...
Dann stieß er auf den ersten Toten.
Es geschah so plötzlich, dass er zurücksprang und die Waffe nach oben riss. Zuerst hatte er nichts weiter als eine Hand gesehen, die aus einem Gebüsch herausragte. Als er dann jedoch ein Stück näher herantrat, erkannte er auch den Körper des Mannes, der hier niedergestreckt lag.
Seine erste Befürchtung, dass es sich um Torgon handeln könnte, zerstob sofort, als er sah, dass der Mann in Felle gekleidet war. Es war einer der Höhlenmenschen. Lexz hätte sich denken können, dass sie sich durch Ekarna nicht wirklich hatten vertreiben lassen. Sie mussten sie bis zu ihrem Nachtlager verfolgt haben, und dann hatte sie erst ihn niedergeschlagen und ...
Ein Vogelschwarm stob auf, ganz nah, und dann glaubte Lexz das Geräusch von Schritten zu hören. Er fuhr herum.
Torgon torkelte zwischen den Bäumen hervor. Er sah fürchterlich aus.
Als wollten die Götter persönlich eingreifen, so verdunkelte sich auf einmal der Himmel. Wolken zogen auf, wie sie Arri noch nie zuvor gesehen hatte: dräuende, schwarzgraue, in sich verwirbelte Ungetüme, die von allen Seiten auf das Tal eindrangen, bis sie es ganz umschlossen hatten. Nur über dem Tal selbst schien der Himmel noch frei, lediglich ein paar lichte weiße Wolken blieben dort so unbeweglich stehen, als ginge direkt über ihnen noch nicht einmal ein laues Lüftchen.
»Da entlang«, sagte Rar mürrisch.
Er wollte Arri in die Richtung schubsen, in die Amar und Taru vorangegangen waren. Aber Arri tauchte unter seiner zupackenden Hand hinweg und machte einen so schnellen Schritt zur Seite, dass die Hand des Schmiedegehilfen einmal mehr ins Leere griff.