Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Trotzdem. Sie musste ihre Kraft sparen und durfte sich nicht verzetteln ...
So dachte sie. Und dann wurden all ihre Gedanken davongerissen, und dies ausgerechnet darum, weil sie wieder nach vorn blickte.
»Nein«, stöhnte sie auf.
Es reichte nicht, dass sie in dem Langhaus auf eine Gruppe von Männern gestoßen waren, die zu allem entschlossen schienen und nun zu ihrer Verfolgung ansetzten. Nein, im gleichen Augenblick tauchten auch Taru und Rar auf, die es offensichtlich geschafft hatten, ihre Fährte bis ins Dorf zu verfolgen ... da erschien auch vor ihr eine Gruppe von zwei, drei - nein, gleich vier! - Männern.
Das durfte doch nicht wahr sein! So viel Pech konnte ein einzelner Mensch gar nicht haben!
Aber leider war es nur zu wahr. Diejenigen vor ihr, das waren Männer aus ihrem Dorf, die vor der großen Wanderung die Felder bewirtschaftet hatten, inzwischen aber ihre Zeit hauptsächlich mit der Jagd verbrachten.
Ergh, Quoal, Setar und Franwar. Sie kannte jedes einzelne ihrer Gesichter nur zu gut, dazu auch mindestens einen Großteil ihrer Lebensgeschichte und viele Einzelheiten, die nur eine Heilerin in Erfahrung bringen konnte. Noch vor zwei Tagen hätte sie es begrüßt, wenn sie auf Raker gestoßen wäre, und noch dazu, wenn sie Waffen trugen wie jene vier, die nun gerade von der anderen Seite des Dorfes aus den Weg entlangschritten. Jetzt war es ganz anders.
Einer der Männer trug ein Wildbret über den Schultern, ein anderer hielt einen toten Hasen an den langen Ohren gepackt und schwenkte ihn bei jedem Schritt müde hin und her. Es waren Jäger, die ihre Beute zurück zum Pfahldorf brachten. Und warum auch immer sie den Weg über dieses verlassene Dorf gewählt hatten, und warum auch immer sie ausgerechnet jetzt hier entlangkommen mussten - für Arri war es die denkbar schlechteste aller vorstellbaren Möglichkeiten.
Trotzdem hielt sie vorerst weiter auf die Männer zu. Dabei schweifte ihr Blick in aller Hast über die beiden Seiten des Tals und suchte einen Ausweg ohne böse Überraschung. Links ging es so steil nach oben, dass es fraglich schien, ob man da überhaupt hochklettern konnte, rechts dagegen wirkte es so zerklüftet, dass ein Aufstieg zwar kein Problem wäre, aber sehr viel Zeit kosten mochte - undenkbar, dass sie dort in ihrem angeschlagenen Zustand schnell genug vorankam, bevor der eine oder andere sie einholte.
Ja, Dragosz, dachte sie. Und was nun?
Augen zu und durch, hätte Dragosz vielleicht geantwortet, oder auch: Man muss wissen, wann man verloren hat.
»Schnappt euch die Drude!«, schrie Taru hinter ihr. »Lasst sie nicht entwischen.«
Franwar, der Mann, der den Hasen umklammert hielt, bewegte sich als Erster. Während die anderen Jäger sie noch mit einer Mischung aus ungläubigem Entsetzen und unverhohlenem Zorn anstarrten, warf er seine Beute bereits zu Boden und stürmte ihr entgegen.
Lexz tat es gut, immer weiter und weiter zu gehen und sich gleichzeitig von Erinnerungen treiben zu lassen, die bislang vollständig in ihm verschüttet gewesen waren. Das Leben im alten Dorf lag so lange zurück, dass es ihm wie eine vollkommen andere Welt erschien. Jeder Schritt, der ihn auf den Spuren seiner Gefährten weiter am Ufer entlangführte, lenkte ihn auch tiefer in die Vergangenheit zurück.
Es war ein so anderes Leben gewesen als jenes, das sie jetzt führten. Und es waren auch ganz andere Gefühle damit verknüpft. Dragosz war ihm immer wie ein strahlender Held erschienen, und die Art, wie er Problemen begegnete, hatte ihn beeindruckt. Es war die Mischung aus Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit gewesen, die ihn angezogen hatte.
Sein eigener Vater hatte dagegen etwas zu viel der Ernsthaftigkeit mitbekommen. Es geschah selten, dass er sich einmal ein Lächeln abgerungen hatte, selbst in den guten alten Zeiten.
Dragosz hatte ihm so manches von seiner Reise in den Westen erzählt. Von Lea. Von dem Dorf, in dem sie lebte. Von dem Leben, das die Menschen dort führten. Aber auch von den Gefahren und Kämpfen. Von Goseg, dem alten Heiligtum, das unter dem strengen Regiment seines Hohepriesters zu neuer Blüte aufgestiegen war.
Goseg, das Dorf der Flussschiffer, Lea, die Himmelsscheibe - all das hatte seine Phantasie angeregt. Aber nicht nur das.
Er erreichte eine Stelle, an der der Bach in einem scharfen Bogen abknickte. Auf der anderen Seite stieg grauweißer, bröckeliger Fels auf, und hier hatte sich auch so etwas wie ein kleiner See herausgebildet.
Es war die richtige Stelle, um sich niederzusetzen. Lexz verspürte einen Anflug schlechten Gewissens, weil er den Spuren der Hetzjagd nicht weiter folgte, die hier gestern Nacht stattgefunden hatte. Aber noch deutlich spürte er, wie wichtig es jetzt war, sich hier an diesen Ort zu setzen.
Also ließ er sich am Ufer nieder und starrte ins Wasser. Da war noch eine andere Erinnerung in ihm, zart und zaghaft. Sein Blick wanderte über das leicht gekräuselte Wasser, das an einigen Stellen kleine Wirbel bildete, und er sah einen Schwarm winziger schwarzbrauner Fische, die an einer flachen Stelle gegen die Strömung ankämpften. Sehr lange war es her, dass er so etwas gesehen hatte. In ihrer Verzweiflung hatten sie während ihrer großen Wanderung auch brackiges und schmutziges Wasser getrunken. Dieses Wasser hier wirkte dagegen so klar und rein, wie Wasser nur sein konnte, und es sprudelte, gluckste und zischte dermaßen fröhlich, als gäbe es keine Schmerzen und kein Leid.
Lexz befand sich in einer ganz ungewohnten Stimmung. Sein Vater, die alte Geierkralle, war weit weg, und auch der Schamane spielte in diesem Augenblick keine Rolle mehr für ihn. Er genoss die frische Waldluft und das fröhliche Spiel des Wasserlaufs vor sich, und dann spürte er, wie sich sein Atem wie von selbst mit dem seiner Umgebung verband.
Dem Atem der Götter.
Etwas anderes konnte es nicht sein.
Dragosz hatte ihm von vielem erzählt, was er in der fremden Welt erlebt hatte. Vielleicht hatte er ihm sogar mehr berichtet als seinem eigenen Sohn Taru. Lexz hatte das alles aufgesogen wie ein ausgetrocknetes Stück Holz das Wasser. Aber da war auch etwas gewesen, das ihn noch mehr berührt hatte als alles andere.
Arri.
»Lea macht sich viele Gedanken um ihre Tochter«, hatte Dragosz gesagt. »Sie ist die einzige Überlebende ihres ganzen Volkes ...«
»Das eigentlich ein Teil unseres Volkes ist«, hatte Lexz damals eingewandt.
Noch heute erinnerte sich Lexz an das kleine Lächeln, das Dragosz’ Mundwinkel bei diesem Einwand umspielt hatte.
Dragosz hatte ihm recht gegeben. Aber mehr noch. Er hatte ihm mit wenigen Sätzen von dem fremden Mädchen erzählt, von der Tochter Leas, die Arianrhod hieß, von ihrer Mutter aber nur Arri genannt wurde.
Ja. Nur ein paar Sätze waren es gewesen.
Aber sie hatten sich in Lexz eingebrannt.
In mondhellen Nächten, wenn er wieder mal wach gelegen hatte, hatte er immer an dieses fremde Mädchen denken müssen. An Arri. Mit der Zeit war sie ihm so vertraut geworden, als wenn sie mit ihm im gleichen Dorf lebte.
Und merkwürdig: Während der großen Wanderung hatte er überhaupt nicht an sie gedacht. Doch jetzt, da er zum ersten Mal seit Langem wieder zu sich selbst fand, überkam ihn die Erinnerung an sie mit einer Wucht, der er nichts entgegenzusetzen hatte.
Arri war ihm zu einer Vertrauen geworden, mit der er alle Dinge hatte besprechen können, die ihm auf der Seele lagen. Sie war ihm so sehr ans Herz gewachsen, als wäre sie die Frau, die Ragok für ihn erwählt hatte.
Ihn überkam ein kaltes Frösteln, als er ins Wasser starrte. Es lag nicht an dem Wind, der aufgefrischt hatte und über kurz oder lang Regenwolken herantragen würde. Eher lag es daran, dass er ein Gesicht zu sehen glaubte, das sich auf der unruhigen Wasseroberfläche spiegelte.
Ein schmales Mädchengesicht, eingerahmt von hellen Haaren.
Arris Gesicht.