18 Geisterstories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #61
- Год: 1978
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
Noch viele Jahre lang nach dem erzählten Vorfall und bei einer gewinnreichen Praxis und glänzenden Stellung, in welcher viele das Dasein eines so elenden Wesens vergessen haben würden, besuchte unser Freund Tag für Tag die harmlose Wahnsinnige und flößte ihr nicht bloß durch seine Gegenwart und gütige Behandlung Ruhe ein, sondern erleichterte auch ihre betrübliche Lage mit freigebiger Hand. Als ihrem Tode ein flüchtiger Strahl der Verstandeshelle vorherging, entstieg den Lippen der Armen ein inbrünstiges, glühendes Gebet für sein Wohlergehen. Es drang zum Himmel und ward erhört. Die Segnungen, die er als Werkzeug der Vorsehung ihr zuführte, sind ihm tausendfältig wiedervergolten; doch bei all seinem Reichtum, hohem Rang und sonstigem wohlverdienten Glück sind keine Rückerinnerungen erfreulicher und befriedigender für seine Gefühle als die an den schwarzen Schleier.
Das weiße Tier Ein Nachtstück von Georg von der Gabelentz
Während Gustav Meyrink und auch Hanns Heinz Ewers als Bahnbrecher der fantastischen deutschen Literatur dieses Jahrhunderts noch heute einen Namen haben, ist Georg von der Gabelentz (1868-1940) allzu rasch in Vergessenheit geraten. Wie Meyrink war Gabelentz ein sehr fantasievoller Erzähler mit ausgeprägten Neigungen zur Mystik und zum Spiritismus, und wie Ewers zeichnet er sich vor allem dadurch aus, daß er die gespenstischen und übersinnlichen Begebenheiten in seinen Romanen und Erzählungen höchst spannend in Szene zu setzen wußte. Nach einem Jura-Studium in Leipzig und Lausanne entschied er sich für die militärische Laufbahn und wurde Anfang des Ersten Weltkriegs Adjutant im sächsischen Kriegsministerium (1914-1916); danach sehen wir ihn als stellvertretenden Generaldirektor des Sächsischen Hoftheaters Dresden (1916-1918). ›Das weiße Tier‹ erschien 1904 in dem gleichnamigen Erzählband.
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Wissen Sie, was es ist, wenn einen das Grausen packt? Es ist etwas ganz anderes als Angst. Man kann Angst haben bei einer Gefahr, vor drohenden Schmerzen, vor Krankheit oder vor dem Tode, doch ein Mann wird über solche Dinge hinwegkommen. In jener Nacht aber war es etwas tausendmal Schrecklicheres, vor dem ich gezittert habe, obgleich ich seine Nähe nur fühlte, nur ahnte. Da lernte ich, was es heißt, Grausen empfinden, feiges, nerventötendes Grausen. –
Ich hatte mich als Arzt unweit der russischen Grenze niedergelassen. Mein Beruf führte mich bis in die einzelnen abgelegenen Güter und Höfe der Umgegend, und ich unternahm oft stundenlange Ritte.
Als ich eines Tages von einem solchen nach meiner Wohnung zurückkehrte, traf ich vor dem Hause einen Reiter, er stieg aus dem Sattel und schritt auf meine Tür zu.
Ich rief ihn an, da zog er einen Brief aus der Brusttasche und überreichte ihn mir. Das Schreiben lautete:
›Herr Doktor, folgen Sie sofort meinem Boten, der Sie zu mir führen wird. Ich bin verloren, wenn Sie nicht kommen. Sorgen Sie, bitte, daß niemand von dem Besuche erfährt.
Ihr ergebener
Wilhelm Rosen.‹
Ich fragte den Boten, der die gelockerten Sattelgurte seines Pferdes schon wieder anzog, nach dem Befinden und dem Leiden seines Herrn.
Er zuckte die Achseln und entgegnete:
»Ich weiß es nicht.«
Dabei verzog er seinen Mund zu einem Grinsen, zwinkerte mit den Augen und wies mit der Hand auf seine Stirn.
»Was ist Ihr Herr –?«
»Ich weiß es nicht. Er bleibt sonst niemals am dritten Oktober zu Hause, denn er fürchtet sich, das weiße Tier könnte an dem Tage kommen.«
Damit wandte er sich um und saß auf, wenige Augenblicke später trabten wir nebeneinander davon.
Nach mehrstündigem Ritt bog mein Führer auf schmalem Wege in ein mir unbekanntes Waldtal ein, alte Föhren schlossen ihre Kronen über dem verwahrlosten Pfad zusammen und wölbten hohe Tore.
Bei Einbruch der Dämmerung standen wir vor einem einstöckigen Hause inmitten dieses Waldes, der Wohnung Rosens. Mein Begleiter nahm mir das Pferd ab, ich betrat das geräumige, einen Gutshof abschließende Gebäude. Im Flur, dessen Wände allerlei Beutestücke eines Jägers, Elchköpfe und Hirschgeweihe schmückten, erwartete mich ein älterer Diener und geleitete mich durch mehrere Zimmer nach dem Wohnraum des Besitzers. Dann zog er sich schweigend zurück.
Ein hagerer Herr erhob sich mühelos aus einem bequemen Stuhl, der neben einem auffallend großen Kamin stand, und reichte mir mit starkem Druck die Hand. Freudiges Lächeln glitt über seine nicht unschönen Züge. Er lud mich zum Sitzen ein und dankte mir für mein rasches Eintreffen. Dann sagte er:
»Ich fühlte mich vor einer Weile nicht ganz wohl, aber jetzt geht es mir schon besser.«
Unter diesen Worten ging er an die beiden Türen des Zimmers, von denen die eine nach dem Ende des Flurs führte, verschloß sie von innen und steckte die Schlüssel in die Tasche. Dann erst nahm er mir gegenüber Platz.
Ich sah meinen Patienten forschend an, er schien mir nicht leidend zu sein, seine Gestalt war trotz der sechzig Jahre, die ich ihm gab, hoch und kräftig, seine Bewegungen hatten nichts Krankes oder Schlaffes. Auch für geistig gestört konnte ich ihn nicht halten. Er sprach, ohne auf seinen Brief anzuspielen, in ruhigem Ton über die verschiedensten Dinge, über Politik und dergleichen. Seine Krankheit zu berühren, schien ihm peinlich zu sein, und so vermied zunächst auch ich es, danach zu fragen.
Mittlerweile war die Nacht gekommen. Der Wind hatte sich schlafen gelegt, nur manchmal regte er sich ganz leise mit einem seufzenden Ton in der Ferne der Wälder. Im Zimmer war es still, denn unsere Unterhaltung wurde, ich weiß nicht warum, wie auf gemeinsame Verabredung halblaut geführt, nur die alte Uhr auf dem Kamin tickte eintönig, mit dumpfem, metallenem Klang.
Rosen erhob sich, steckte alle Lichter und Lampen im Zimmer an und verteilte sie so, daß sie es bis in die entlegensten Ecken erhellten. Dann setzte er sich wieder zu mir.
Wir plauderten über die Freiheiten der Bauern und deren Nutzen oder Schaden für die Entwicklung des benachbarten russischen Staates, und mein Patient zeigte eine Sachkenntnis und einen Scharfblick, wie man sie bei einem wirklich geisteskranken Menschen sicher nicht gefunden hätte.
Da begann die Standuhr auf dem Kamin eine Stunde zu schlagen. Ich achtete nicht weiter darauf, folgte ich doch gerade den Ausführungen meines Gegenübers.
Rosen aber unterbrach sich mitten in seiner Rede, warf einen raschen Blick auf den Zeiger und zählte die Schläge der Glocke. Es waren acht. Da lehnte er sich in den Stuhl zurück und brummte vor sich hin:
»Erst acht Uhr. Es kommt noch nicht.«
Dann griff er den Faden der Unterhaltung wieder auf, wo er ihn fallen gelassen hatte, ohne sein Tun zu entschuldigen oder zu erklären. Meine Frage, ob er noch irgendeine Nachricht oder einen Besuch heute abend erwarte, schien er mit Absicht zu überhören, denn er fuhr fort, über Politik und soziale Verhältnisse zu sprechen.
Eine Stunde darauf wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Als die Uhr zu schlagen begann, langsam und keuchend, als wolle ihr der Atem ausgehn, hielt Rosen in seiner Rede inne. Er ließ die brennende Zigarre aus der Hand in den Aschenbecher fallen, heftete den Blick auf das Zifferblatt und zählte die einzelnen neun Glockenschläge. Dann erhob er sich, ging noch einmal durch das Zimmer, versicherte sich von neuem, daß die Türen und Fenster fest verschlossen seien, und raunte, indem er wieder zu mir trat:
»Noch nicht. Wir müssen warten.«
Aus seinen Worten und seinem Tun sprach heimliche Angst. Er rückte seinen Stuhl näher an den meinen, doch noch immer gab er keine Erklärung seines Benehmens. Nun aber machte ich Miene, mich zurückzuziehen, denn ich war rechtschaffen müde geworden und hatte nicht Lust, mit diesem Manne die ganze Nacht zuzubringen, um alle Augenblicke Zeuge der Angewohnheiten eines Sonderlings zu sein und irgendein Ereignis abzuwarten, das ich nicht einmal ahnte, und das jener mir trotz meiner Andeutungen augenscheinlich auch nicht mitteilen wollte. Kaum aber hatte ich mich erhoben, als mich Rosen am Arm erfaßte und mit einer Kraft in den Stuhl zurückdrückte, die mich in Erstaunen setzte.