Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Aufs Essen.
»Ganz still jetzt«, zischte Ekarna plötzlich.
Lexz sah überrascht hoch. »Habe ich zu laut geatmet?«
»Oder habe ich zu laut geschmatzt?«, ergänzte Torgon.
»Still, ihr Kindsköpfe.« Ekarna erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung. »Da ist irgendjemand.«
Lexz lauschte. Doch er hörte nur das Geräusch, mit dem Ekarna ihr Schwert zog, und das Rascheln von Torgons Kleidung, als er sich erhob. Lexz folgte seinem Beispiel.
Es war zwar noch nicht vollständig dunkel, aber es kündete sich bereits eine stockfinstere Nacht an. Und obwohl Lexz nichts hörte, nahm er doch etwas wahr. Er hätte nicht sagen können, was es war, vielleicht ein Geruch, oder etwas, das sanft und kaum merklich über seine Haut strich.
»Das gefällt mir nicht«, murmelte Ekarna, »das gefällt mir ganz und gar nicht.«
Lexz hätte ihr gern widersprochen. Aber das konnte er nicht.
»Wir sollten besser nicht hierbleiben«, flüsterte Torgon. »Vielleicht hätten wir doch lieber unser Lager in der Senke aufschlagen sollen, die wir vorhin ...«
Ekarna hob den Arm, und ein schwacher Glanz schimmerte dort, wo sich das wenige verbliebene Licht auf ihrem Schwert widerspiegelte. Ihre langen Haare wirbelten auf, als sie eine schnelle Bewegung machte, und dann rief sie: »Lauft!«
Torgon und Lexz brauchten keine weitere Aufforderung mehr. Wie auf ein geheimes Kommando hin wandten sie sich alle in die gleiche Richtung und stürmten los.
Ein vielstimmiger Laut war die Antwort auf ihre Flucht, ein Grollen, ein Klappern, ein Schrillen, das Lexz durch Mark und Bein ging. Diesmal war es keine Wut, die ihn antrieb, diesmal war es die nackte Angst. Wie eine durchgehende Herde, die vor einer Feuersbrunst floh, so stürmten sie durch den Wald. Zweige peitschten in Lexz’ Gesicht, dorniges Gestrüpp peitschte seine Beine. Er hörte Ekarna und Torgon dicht hinter sich, aber nicht nur sie. Da waren unzählige Füße, die über den Boden trampelten, so kam es ihm zumindest vor, und die schrecklichen Kriegslaute verfolgten sie und trieben sie an ...
Er begriff die Gefahr erst, als es schon zu spät war. Wie selbstverständlich war er am Bach entlanggelaufen, denn nur dort konnte man im Dunkeln einigermaßen gut vorankommen. Aber genauso selbstverständlich hatten jene das vorhergesehen, die sie überfielen.
Ein Schemen tauchte vor ihm auf, Lexz riss sein Schwert empor. Er war bereit, sein Leben in einem Kampf so teuer wie möglich zu verkaufen.
Aber dazu kam es gar nicht mehr. Bevor er auch nur mehr als die Umrisse des Angreifers ausmachen konnte, der ihm in den Weg sprang, wurde er von einem fürchterlichen Schlag auf dem Hinterkopf getroffen. Er stolperte noch einen Schritt nach vorn, machte eine lächerlich fuchtelnde Bewegung mit seinem Schwert, drehte sich einmal um die eigene Achse und stürzte dann schwer zu Boden.
Augenblicklich wurde es um ihn herum dunkel.
Ihr Gewand zu flicken war einfacher, als Arri geglaubt hatte. Im Schutz eines Felsens hatte sie die Bluse ausgezogen und sie hastig begutachtet. Larkar hatte auf der anderen Seite gestanden, angeblich, um aufzupassen, dass nicht ausgerechnet in diesem für Arri so schwierigen Augenblick ein Angriff erfolgte. Aber Arri hatte, bevor sie mit Dragosz zusammengekommen war, auch schon so manche Erfahrungen gemacht, die ihren Glauben an die Aufrichtigkeit von Männern nachhaltig zerstört hatte.
Also hatte sie den eingerissenen Stoff der Bluse in aller Eile an zwei Stellen verknotet und hier und da etwas glatt gestrichen, bevor sie sie wieder schnell übergestreift hatte. Die Bluse war dreckig und blutbesudelt, und dennoch: Arri fühlte sich danach wieder so viel wohler.
Als sie den Schutz des Felsens verließ, hatte sie auch den Wickelrock wieder gerichtet (was bei diesem einfachen Kleidungsstück auch kein großes Kunststück bedeutete). Wenn sie jetzt auch noch einen kleinen Abstecher zum Fluss hätte machen können, um sich Blut und Dreck aus dem Gesicht und von den geschundenen Handgelenken zu waschen, dann hätte sie sich schon wieder beinahe wie ein Mensch gefühlt.
Aber das war nicht möglich, denn Larkar trieb sie zur Eile an. Nicht, dass das nötig gewesen wäre: Auch wenn sie sich gern noch gewaschen hätte, verspürte Arri eine so große Unruhe in sich, dass sie am liebsten auf eigene Faust losgestürzt wäre, um die Höhle zu suchen, in der sie ihre Schätze versteckt hatte.
»Was hast du jetzt eigentlich vor?«, fragte Larkar, als sie einen schmalen Pfad entlangstapften, der sie entgegen ihrer früheren Erwartung nicht hinab-, sondern noch ein gutes Stück hinaufführte. »Willst du dich jetzt allein durch die Wälder schlagen?«
»Nein«, brummte Arri unwillig.
»Aber was dann?«, bohrte Larkar nach. »Hast du irgendeinen Ort, zu dem du gehen kannst?«
Arri schüttelte den Kopf und versuchte ihre Schritte so weit zu beschleunigen, dass der hinkende Speer nicht mehr mitkam. Es gelang ihr anfangs auch ganz gut, doch dann hatte Lexz in seinen eigenen Rhythmus gefunden und schloss wieder zu ihr auf.
»Also«, fragte Lexz hartnäckig. »Wo willst du nun hin?«
Zu meinem Kind, dachte Arri. Bei dem Gedanken an Kyrill verkrampfte sich ihr Magen so sehr, dass sie sich zunächst vor Schmerzen krümmte.
»Vorsicht«, sagte Lexz. »Nicht, dass du noch mal ein paar Steine lostrittst. Ich habe keine Lust, hier wieder runterzurutschen.«
Die Bemerkung konnte zwar nicht ernst gemeint sein, aber sie erreichte doch ihren Zweck: Arri blieb stehen und sah zurück.
Von hier oben aus hätte man zum Fluss hinunterblicken können, wenn er nicht hinter dem dicken Grün von Baumwipfeln verschwunden wäre. Aber immerhin reichte der Blick ziemlich weit. Und was sie sah - oder besser gesagt: was sie nicht sah -, wirkte beruhigend.
Niemand war zu sehen. Kein Taru, kein Rar, und auch keine Gestalten in schwarzen Gewändern. Allerdings gab sie auch ein ziemlich gutes Ziel ab, falls jemand aus der Ferne sie mit einem Pfeil treffen wollte.
Sie drehte sich wieder um und eilte weiter. Larkar war schon weitergegangen, und gerade jetzt erreichte er eine Abzweigung, die hinter einer Baumgruppe lag, und verschwand mit ein paar humpelnden Schritten aus ihrem Sichtfeld.
Arri wollte ihm gerade nachgehen, als sie hörte, wie Larkar einen überraschten Laut ausstieß. Jetzt hielt sie nichts mehr. Sie packte ihre Stange fester und eilte los. In ihrer Phantasie sah sie Larkar schon in einen heftigen Kampf verstrickt, doch als sie die Baumgruppe erreichte und den abzweigenden Weg einschlug, bot sich ihr ein ganz anderes Bild.
Statt seine Waffe zu ziehen, hatte Larkar die Hände in die Hüften gestemmt und starrte in das Tal hinab, das sich vor ihnen auftat. Es war auch gar nicht unbewohnt. Mitten in der Talsohle befand sich ein reetgedecktes Langhaus, dessen Dach tief heruntergezogen und das selbst mit massiven Stämmen erbaut war, und dahinter standen ein paar deutlich kleinere Häuser mit Flechtwänden, die ebenfalls Reetdächer trugen. Einen überdachten Lehmbackofen gab es, einen Feuerplatz und daneben eine Mulde, in der allerlei Gerätschaften lagen.
Ein verlassenes Dorf, so nahe am See? Arri verstand das nicht. Ihr Blick versuchte dem, was sie da sah, jedes noch so kleine Detail zu entreißen. Sie kannte auch schon andere Ortschaften wie diese, hatte immer und immer wieder einzelne Langhäuser gesehen, die nur von wenigen Nebengebäuden umgeben waren, oder auch größere Dörfer, in denen mehrere Langhäuser standen, manchmal in offener Formation, manchmal aber auch wehrhaft geschlossen. In jedem dieser Häuser konnten ein paar Dutzend Menschen wohnen, und für gewöhnlich lebten sie dort im Winter mit ihrem Vieh. So vermochten sich Tier und Mensch gegenseitig so viel Wärme wie möglich zu spenden.