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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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»Du bist mir einige Erklärungen schuldig!«, schrie ihr Larkar ins Ohr.

Vielleicht sagte er das auch in ganz gewöhnlichem Tonfall, aber da sich sein Mund direkt neben ihrem Ohr befand, empfand sie es als unerträgliches Geschrei.

»Ich bin dir wirklich dankbar, dass ich jetzt nicht nur Taru und Rar fürchten muss«, antwortete Arri, »sondern es auch noch mit einer Horde leibhaftiger Dämonen zu tun habe.«

»Taru!«, stieß Larkar hervor.

Dabei klang seine Stimme so hasserfüllt, dass Arri ihn fragend ansah.

»Ich konnte Taru noch nie leiden«, stieß er gereizt hervor. »Er hat immer schon geglaubt, etwas Besonderes zu sein, nur weil er Dragosz’ Sohn ist. Früher habe ich ihm noch ab und zu eine kleine Abreibung verabreicht, damit er nicht allzu übermütig wird.«

»Viel hat das nicht genutzt«, gab Arri leise zurück. »Ganz im Gegenteil. Er ist eher noch unangenehmer geworden.«

Larkar nickte, bevor er sie von der Seite aus musterte. »Und weshalb hast du Streit mit ihm?«

»Nun«, antwortete Arri ausweichend, »das ist eine lange Geschichte. Und ich erzähle dir sie auch wirklich gerne. Vorausgesetzt, ich habe mich zuvor noch in ein neues Gewand einkleiden können, und mir fliegen nicht andauernd Pfeile um die Ohren.«

Die Reise zur Begräbnisstätte seiner Urahnen hatte Zakaan vollkommen aus der Fassung gebracht. Er schloss die Augen, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Konnte es denn wirklich sein, dass er aus der Trance heraus direkt nach Urutark gelangt war, in das Land seiner Stammväter, dorthin, wo sich einst aus einer wilden Horde ein Stamm gebildet hatte, und aus diesem dann das Volk, dem die Menschen angehörten, die er so liebte? Aber wie sollte das denn möglich sein?

»Nein!«

Er schreckte auf und streckte die Hand aus. Seine Finger zitterten und sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er dem Wort nachlauschte, das er selbst ausgestoßen hatte. Er fühlte sich so verloren und hilflos.

Dabei war sonst wieder alles so, wie es sein sollte. Da gab es keinen in Felle gekleideten Schamanen mehr, der Eiskristalle im Bart hatte, und der Boden unter ihm strahlte zwar nicht gerade Hitze aus, war aber immerhin auch nicht mit Schnee bedeckt. Er befand sich wieder in der Zeit, in die er gehörte. Es war ein warmer Tag nach einem viel zu heißen, alles versengenden Sommer, und kein von Schnee und Eis geprägter Übergang in die kalte Jahreszeit, wie ihn seine Urahnen Jahr für Jahr erlebt haben mochten.

Er musste sich beruhigen. Und er wusste auch, wie er das erreichen konnte. Zumindest ungefähr.

Der Odem der Götter verband alles miteinander: Menschen, Tiere und Pflanzen, Wasser, Feuer, Luft und die Erde, deren Atem in ihrem ganz eigenen Rhythmus floss. Viel Übung gehörte dazu, all diese verschiedenen Arten zu erspüren, mit denen sich alles Lebendige den Odem der Götter teilte. In den alten Zeiten, in denen der Schamane oft genug Zeit und Ruhe gehabt hatte, um sich ganz zu versenken, war er oft vollkommen in dem Gefühl aufgegangen, seinen Atem mit dem der ganzen Welt zu verbinden.

Genau das versuchte er, und zwar immer und immer wieder. Aber irgendetwas störte ihn. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, in den richtigen Atemrhythmus zu kommen. Wenn er einatmete, hüpften seine Gedanken davon wie ein Kiesel, den man in einem flachen Winkel aufs Wasser warf, und beim Ausatmen stieß er die Luft zu flatterig aus, ungefähr so wie ein löchriger Blasebalg.

Schließlich musste er den Versuch abbrechen. Fast widerwillig öffnete er die Augen und legte den Kopf in den Nacken, um nach oben zu starren. Das Blätterdach der Bäume war so dicht, wie er es auch in Erinnerung hatte, aber die riesigen grauschwarzen Monolithen, die er zu sehen geglaubt hatte, gab es gar nicht. Er starrte in jede Richtung, schwenkte rasch den Kopf von rechts nach links und spürte, wie ihn ein starkes Schwindelgefühl ergriff. Die Baumkronen schienen sich um ihn zu drehen, und das Rascheln des Laubes verwirrte ihn ebenso wie das Gezänk von ein paar Rohrspatzen, die zwischen den Ästen umherjagten.

Das Entscheidende aber war, dass dort gar keine Monolithen waren, nirgendwo, weder in der direkten Umgebung noch irgendwo sonst in seinem Sichtfeld. Das einzig Dunkle waren die Schatten, die die Bäume warfen - aber bei genauerem Hinsehen hatten sie auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit großen grauschwarzen Steinen.

Zakaan schüttelte den Kopf. Was war nur mit ihm los? Für gewöhnlich konnte er sehr gut zwischen der Wirklichkeit und dem unterscheiden, was er in einer Versenkung zu sehen glaubte. Diesmal jedoch war alles anders gewesen.

Dabei war er an einem guten Ort, an einem Ort, der von Lebensenergie nur so durchpulst wurde. Aber dies hier war nicht Urutark, ganz gewiss nicht.

Wie hatte er sich nur so täuschen können?

Weil der Wunsch diesmal so groß gewesen war, dass sich seine Wahrnehmung getrübt hatte. So einfach war das.

Erst hob er die Hände ... und dann ließ er sie langsam wieder sinken. Sie zitterten, und das taten sie auch beim zweiten und beim dritten Mal. Aber allmählich fand er wieder Zugang zu sich selbst. In seinem Kopf herrschte nach wie vor ein Schwindelgefühl, das ihn wohl niedergerungen hätte, hätte er gestanden. Aber sein Atem fing wieder an zu fließen, ganz so wie er es wollte.

Die Kraft des Lebens ist in allem, das wusste er besser als jeder andere seines Volkes. Sie durchfließt auch alles, die Steine genauso wie das Gras, das Wasser ebenso wie den Wind, die Ameise wie auch das Urrind. Sich in den uralten Fluss der Lebensenergie hineinfallen zu lassen, sich über den Atem mit ihr zu verbinden, das war immer und überall seine Lösung gewesen.

Und es glückte auch jetzt wieder. Doch gleichzeitig begriff er, was ihn gestört hatte: Es waren die Bilder am Rande seiner Wahrnehmung. Bilder von Dingen, die er nicht verstand, schreckliche Bilder. Er sah Tote, verwesende Leichen, aufgedunsene Körper und einen Leichenpfuhl mit der Ansammlung unaussprechlichen Grauens.

Zwei, drei Züge lang drohte sein Atem wieder davonzuflattern, dann streckte er die Hände vor, legte die Fingerspitzen aufeinander und öffnete langsam die Hände. Sofort spürte er, wie Ruhe in sie einfloss und all das verdrängte, was seinen Geist mit den schrecklichen Bildern mitreißen wollte.

Diese Leichen ... und Lexz und die anderen, die in einem unbekannten dichten Urwald unterwegs waren ... all dies gehörte irgendwie zusammen ...

Ob Lexz ... tot war?

Der Schamane lauschte in sich hinein, doch er bekam keine Antwort. Aber er spürte noch deutlicher als zuvor, dass sie sich in Gefahr befanden, Torgon, Lexz, Ekarna und Sedak. Sie waren vom Weg abgekommen und drohten sich in etwas zu verstricken, was noch schlimmer sein konnte als der Tod.

Allmählich wurde es Zeit, dass er etwas unternahm. Er musste Lexz die Kraft des Lebens schicken. Und er konnte nur hoffen, dass der Junge auch in der Lage - und in der Stimmung - war, um sie zu empfangen.

Es war kühler geworden, der Wald finsterer, und wo immer es möglich war, folgten Lexz und seine Gefährten Wildpfaden oder hielten sich an Bäche, deren Ufer meist licht und aufgebrochen waren. Ihre Augen schienen dabei überall zu sein. Vögel, die aufflatterten, Kleintiere, die weghuschten, das Surren und Summen der Insekten: Der Wald barst vor prallem Leben.

Aber keine Spur von Larkar und Sedak.

Sie alle drei waren gut im Spurenlesen, und es schien mehr als unwahrscheinlich, dass ihnen auch nur das kleinste Anzeichen dafür entgehen mochte, dass hier in letzter Zeit jemand anderer als sie entlanggekommen war. Zwei-, dreimal entdeckten sie auch tatsächlich alte Spuren, die von Menschen kündeten, und eine ganze Zeit lang verfolgten sie einen Pfad, der nicht nur von Tieren, sondern ganz offensichtlich auch von Menschen plattgetrampelt worden war.

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