18 Geisterstories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #61
- Год: 1978
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
Die Mädchen gingen in die Stube, und Adrian machte einen Rundgang durch sein neues Haus. Dann setzte er sich ans Fenster.
Man weiß, das Shakespeare und Walter Scott ihre Totengräber als fidele Possenreißer geschildert haben, um durch diesen Gegensatz unsere Fantasie anzuregen. Aus Respekt vor der Wahrheit können wir jedoch ihrem Beispiel nicht folgen und müssen eingestehen, daß das Wesen unseres Sargtischlers durchweg seinem düsteren Handwerk entsprach. Adrian Prochorow war für gewöhnlich mißgelaunt und wortkarg. Er brach sein Schweigen nur, wenn er seine Töchter anfuhr, die untätig am Fenster saßen und den Vorübergehenden nachgafften, oder wenn er ungebührlich hohe Preise für seine Erzeugnisse von den Kunden verlangte, die das Unglück, oder die Freude hatten, diese dringend zu benötigen.
So saß also Adrian am Fenster und trank die siebente Tasse Tee und war wie gewöhnlich in seine trübseligen Gedankenversunken. Er dachte an das Unwetter, das vor einer Woche auf den Leichenzug des pensionierten Brigadiers niedergegangen war, und an die vielen Trauermäntel und Hüte, die infolge der Nässe verdorben und unbrauchbar geworden waren. Dringende Ausgaben standen bevor, da sich die ohnehin veralteten Artikel seines Geschäfts in einem geradezu kläglichen Zustand befanden. Prochorow hoffte zwar, die Verluste bei der Beerdigung der alten Kaufmannsfrau Trjuchina, die bereits seit einem Jahr im Sterben lag, wieder wettzumachen; aber die Trjuchina kämpfte mit dem Tod am weit entfernten Rasguljai, so daß der Sargtischler befürchtete, ihre Erben könnten einen anderen Unternehmer in ihrer Nähe mit dem Geschäft beauftragen, anstatt, wie sie es ja ausgemacht hatten, zu ihm zu kommen.
Seine Überlegungen wurden plötzlich durch ein dreimaliges Klopfen unterbrochen. »Wer ist da?« rief Prochorow.
Die Tür ging auf, und ein Mann, in dem er auf den ersten Blick einen deutschen Handwerker erkannte, trat ein und kam mit heiterer Miene auf ihn zu.
»Entschuldigen Sie, verehrter Nachbar«, sagte er auf russisch mit einer Aussprache, die wir bis auf den heutigen Tag nicht hören können, ohne dabei zu lächeln, »entschuldigen Sie, wenn ich störe. Ich wollte mich mit Ihnen bekanntmachen. Mein Name ist Gottlieb Schulze, ich bin der Schuhmacher von gegenüber. Morgen habe ich meine silberne Hochzeit. Wollen Sie und Ihre Töchter die Güte haben, an unserem Festessen teilzunehmen?«
Die Einladung wurde bereitwillig angenommen. Der Sargtischler forderte Gottlieb Schulze auf, Platz zu nehmen und mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. Dank der Unbefangenheit des Schusters entwickelte sich bald ein freundschaftliches Gespräch.
»Wie gehen die Geschäfte?« fragte Adrian.
»He, he, he«, lachte Schulze, »na ja, mal so, mal so. Ich kann mich nicht beklagen. Meine Ware ist natürlich nicht das, was Ihre ist: Lebende können auf Stiefel verzichten, Tote aber nicht auf den Sarg.«
»Sehr wahr«, stimmte Adrian zu, »indes, wenn der Lebende nicht das Geld dazu hat, Stiefel zu kaufen, so läuft er eben – nichts für ungut – barfuß herum, aber der tote Bettler beschafft sich einen Sarg umsonst.«
Auf diese und ähnliche Weise unterhielten sich die beiden noch eine Weile, bis der Schuster schließlich aufstand und sich von dem Sargtischler verabschiedete, nicht ohne seine Einladung zu wiederholen.
Am anderen Tag pünktlich zwölf Uhr ging der Sargtischler mit seinen beiden Töchtern durch die Gartenpforte zu seinem Nachbarn. Ich verzichte darauf, Adrians russischen Kaftan und die europäischen Kleider Akuljas und Darjas ausführlich zu beschreiben. Trotzdem halte ich die Bemerkung nicht für überflüssig, daß beide Damen gelbe Hüte und rote Schuhe trugen, wie immer bei feierlichen Gelegenheiten.
In den engen Zimmern der Schuhmacherwohnung drängten sich die Gäste; deutsche Handwerker mit ihren Frauen und ihren Gesellen. Von den Einheimischen war nur ein Este namens Jurko zugegen, der es trotz seiner untergeordneten Stellung – er war städtischer Straßenaufseher – verstanden hatte, sich die Gunst des Gastgebers zu erwerben. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte er seinen Dienst brav und gewissenhaft erfüllt. Der große Brand von 1812, der Moskau, die erste Reichshauptstadt, zum größten Teil in Schutt und Asche verwandelt hatte, vernichtete auch sein gelb angemaltes Wächterhäuschen. Aber nachdem die Feinde verjagt worden waren, hatte man gleich ein neues, diesmal grau gestrichenes und mit weißen dorischen Säulchen verziertes Häuschen errichtet, und Jurko patrouillierte wie einst mit Hellebarde und im Harnisch aus grobem Bauerntuch in seinem Bezirk. Die meisten Deutschen, die in der Nähe des Nikitskij-Tores wohnten, kannten ihn recht gut, denn nicht selten mußten sie die Nacht vom Sonntag auf den Montag in seiner Bude verbringen. Adrian stellte sich ihm sogleich vor als einem Menschen, den man früher oder später würde brauchen können, und als man sich zu Tisch setzte, nahmen sie nebeneinander Platz.
Die Gastgeber und ihre Tochter, das siebzehnjährige Lottchen, ermunterten sie zuzulangen und halfen der Köchin beim Bedienen. Jurko aß für vier, und Adrian hielt eifrig mit; nur seine Töchter zierten sich. Die deutsch geführten Gespräche wurden von Stunde zu Stunde lebhafter. Plötzlich meldete sich der Hausherr zu Wort. Er öffnete eine versiegelte Flasche und rief mit lauter Stimme auf russisch: »Auf das Wohl meiner lieben Luise!« Das etwas champagnerähnliche Getränk schäumte in den Gläsern. Herr Schulze küßte zärtlich das frische Gesicht seiner vierzigjährigen Gefährtin, und die Gäste tranken lärmend auf die Gesundheit der braven Luise.
»Auf das Wohl meiner lieben Gäste!« ließ sich der Hausherr abermals hören und öffnete die nächste Flasche. Die Anwesenden dankten und leerten zum zweitenmal ihre Gläser. Nun folgte ein Trinkspruch dem anderen. Man trank auf die Gesundheit jedes einzelnen, brachte ein Hoch auf Moskau aus, gedachte eines ganzen Dutzends deutscher Städte und Städtchen, stieß auf die Zünfte im allgemeinen und im besonderen an und trank schließlich auf die Gesundheit der Meister und ihrer Gesellen.
Adrian trank tüchtig mit und war zu guter Letzt so in Stimmung, daß auch er ein scherzhaftes Hoch ausbrachte. Darauf erhob ein dicker Bäckermeister sein Glas und rief: »Auf das Wohl derer, für die wir arbeiten! Hoch lebe unsere Kundschaft!« Einmütig willigte man ein und begann sich nun gegenseitig zuzutrinken: der Schneider dem Schuster, der Schuster dem Schneider, der Bäckermeister diesen beiden, allesamt wiederum dem Bäcker und so fort. Auf dem Höhepunkt des fröhlichen Durcheinanders wandte sich plötzlich Jurko zu seinem Tischnachbarn und schrie aus voller Kehle: »Wie wär’s, Tischler, erheb dein Glas auf das Wohl deiner Toten!« Alle brachen in ein brüllendes Gelächter aus, aber der Sargtischler fühlte sich beleidigt und verzog sein Gesicht. Niemand hatte es bemerkt, man trank fröhlich weiter, und erst als zur Abendmesse geläutet wurde, erhoben sich die Gäste von ihren Plätzen.
Erst spät und mehr oder weniger betrunken, ging man auseinander. Der dicke Bäckermeister und der Buchbinder, dessen Gesicht lebhaft an einen roten Saffianeinband erinnerte, hatten Jurko unter die Arme gefaßt und brachten ihn so ohne Zwischenfälle in seine Bude zurück, eingedenk des russischen Sprichworts: Wer seine Schuld bezahlt, vermehrt sein Gut.
Betrunken und verärgert kam der Sargtischler nach Hause. »Was soll das heißen?« murmelte er vor sich hin. »Ist denn mein Handwerk weniger achtbar als jedes andere? Will man es etwa dem eines Henkers gleichsetzen? Worüber machen sich eigentlich diese Ausländer lustig? Bin ich in ihren Augen vielleicht ein Hanswurst? Ich hatte vor, sie alle zur Einweihung meines neuen Hauses einzuladen und ihnen ein üppiges Festmahl vorzusetzen. Doch das ist jetzt vorbei! Diese Ketzer kommen mir nicht ins Haus. Ich lade die ein, für die ich arbeite: die in Christus Verschiedenen!«