Die Pflicht zu schweigen
- Автор: Шелдон Сидни
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Die Pflicht zu schweigen». Краткое содержание книги:
Über den Autor
Sidney Sheldon, geboren 1917, war ein absolutes Phänomen in der internationalen Buchwelt. Erst mit fünfzig schrieb er seinen ersten Roman Das nackte Gesicht. Seither sind von zahlreiche Bücher erschienen, jedes ein Weltbestseller, jedes in viele Sprachen übersetzt und alle verfilmt. Sidney Sheldon lebte abwechselnd in Los Angeles, Palm Springs und London. 2007 verstarb der Autor.
Ungekürzte Ausgabe Titel der Originalausgabe: Nothing Lasts Forever Originalverlag: William Morrow and Company, Inc., New York
Honey schloß die Tür.
»Setzen Sie sich.«
Honey setzte sich ihm gegenüber. Sie zitterte am ganzen Körper.
Benjamin Wallace schaute zu ihr herüber und dachte: Das ist ja, als ob ich ein Junges mit Füßen träte. Aber was getan werden muß, muß getan werden. »Ich habe Ihnen leider eine unerfreuliche Mitteilung zu machen«, erklärte er.
Als Honey Kat eine Stunde später im Solarium begegnete, ließ sie sich mit einem erleichterten Lächeln in den Stuhl neben ihr sinken.
»Bist du bei Dr. Wallace gewesen?« fragte Kat.
»Ach so, ja. Wir haben uns lange unterhalten. Hast du gewußt, daß seine Frau ihn im vergangenen September verlassen hat? Fünfzehn Jahre ist er mit ihr verheiratet gewesen. Aus seiner ersten Ehe hat er zwei erwachsene Kinder, die er aber so gut wie nie sieht. Der Arme ist schrecklich einsam.«
Zweites Buch
14. Kapitel
Und wieder ging ein Jahr zu Ende, und Paige, Kat und Honey feierten den Rutsch ins Jahr 1994 im Embarcadero County Hospital und hatten den Eindruck, daß sich, bis auf die Namen ihrer Patienten, in ihrem Leben überhaupt nichts veränderte.
Auf dem Weg über den Parkplatz mußte Paige plötzlich an Harry Bowman und seinen roten Ferrari denken. Wie viele Menschenleben sind durch das Gift, das Harry Bowman verkauft hat, wohl zerstört worden? überlegte sie. Drogen waren eine große Verführung. Und wirkten am Ende tödlich.
Jimmy Ford brachte Paige einen kleinen Blumenstrauß. »Aber wofür, Jimmy?«
Er wurde rot. »Einfach so. Haben Sie schon gewußt, daß ich heiraten werde?«
»Nein! Das ist ja wunderbar! Und wer ist die Glückliche?« »Betsy heißt sie. Arbeitet in einem Kleidergeschäft. Und wir wünschen uns ein halbes Dutzend Kinder. Das erste Mädchen werden wir Paige nennen. Sie haben hoffentlich nichts dagegen.« »Ich was dagegen haben? Ich fühle mich sehr geehrt.« Er wurde auf einmal ganz verlegen. »Kennen Sie den schon? Von dem Arzt, der einem Patienten nach der Untersuchung noch zwei
Wochen zu leben gibt? >Ich kann aber die Rechnung nicht sofort bezahlen«, sagt der Mann. >Okay<, sagt der Doktor, >dann geb' ich Ihnen noch zwei Wochen mehr.<« Und schon war Jimmy wieder verschwunden.
Wegen Tom Chang machte sich Paige große Sorgen. Er litt unter entsetzlichen Stimmungsschwankungen, die von irrer Euphorie bis zu tiefer Depression reichten.
Während eines morgendlichen Gesprächs erklärte ihr Tom in einem Ton glücklicher Überzeugung: »Ist Ihnen eigentlich schon be-wußt geworden, daß die meisten Menschen, die hier im Krankenhaus liegen, ohne uns sterben würden? Es liegt in unserer Macht, ihre Körper zu heilen und die Menschen wieder gesund zu machen.«
Und dann am folgenden Morgen völlig verzweifelt: »Wir machen uns bloß etwas vor, Paige. Ohne uns würden die Patienten viel schneller wieder gesund. Wir sind die reinsten Heuchler, wenn wir so tun, als ob wir auf alles eine Antwort wüßten. Wissen wir nämlich nicht.«
Paige sah ihn scharf an. »Haben Sie etwas von Sye gehört?«
»Ich habe gestern mit ihr gesprochen. Sie wird nicht nach Amerika zurückkommen. Sie will die Scheidung einreichen.«
Paige legte ihm die Hand auf den Arm. »Das tut mir leid, Tom.«
Er hob die Schultern. »Warum? Macht mir nichts aus. Nicht mehr. Ich werd' schon eine andere finden.« Er grinste. »Und wieder ein Kind haben. Warten Sie's ab!«
Das Gespräch hatte plötzlich etwas seltsam Unwirkliches bekommen.
»Tom macht mir angst«, gestand sie Kat an diesem Abend. »Hast du in letzter Zeit mit ihm gesprochen?«
»Doch.« »Ist er dir ganz normal vorgekommen?«
»Ich kenne überhaupt keinen Mann, der mir normal vorkommt«, entgegnete Kat.
Das konnte Paige auch nicht beruhigen. »Warum laden wir ihn nicht morgen zum Abendessen ein?«
»Einverstanden.«
Als Paige am nächsten Morgen ihren Dienst antrat, wurde sie mit der Nachricht begrüßt, ein Hausmeister habe Tom Changs Leiche in einem Lagerraum im Keller entdeckt. Er hatte eine Überdosis Schlaftabletten genommen.
Paige reagierte beinah hysterisch. »Ich hätte ihn retten können!« Sie weinte. »Er hat die ganze Zeit um Hilfe geschrien, und ich habe es nicht gehört.«
»Du hättest ihn ganz bestimmt nicht retten können, Paige«, widersprach Kat mit fester Stimme. »Seine Probleme hatten nichts mit dir zu tun, du hättest ihm nicht helfen können. Er hat nicht ohne seine Frau und sein Kind leben wollen. Das ist alles.«
Paige wischte sich die Tränen aus den Augen. »Zum Teufel mit diesem Krankenhaus!« rief sie. »Wenn der Druck und diese unmenschlichen Dienststunden nicht gewesen wären, wäre ihm seine Frau nie davongelaufen.«
»Sie ist ihm aber davongelaufen«, meinte Kat leise. »Und daran läßt sich jetzt nichts mehr ändern.«
An einer chinesischen Beerdigung hatte Paige noch nie teilgenommen. Es war ein unglaubliches Schauspiel. Frühmorgens versammelte sich vor dem Leichenhaus in der Green Street in Chinatown eine größere Menschenmenge, die sich zu einem Trauerzug mit einer großen Blaskapelle formierte. An der Spitze des Zuges trugen Trauernde die riesige Vergrößerung eines Fotos von Tom Chang.
Der Zug begann, sich zur lauten Musik der Kapelle in Bewegung zu setzen und sich, mit dem Leichenwagen am Schluß, durch die Straßen von San Francisco zu winden, die meisten Trauergäste zu Fuß, nur Ältere in Autos.
Paige kam es so vor, als ob der Trauerzug ganz beliebig und willkürlich durch die Stadt zöge. Sie war ratlos. »Wohin geht der Zug?« fragte sie einen Chinesen.
Er machte eine leichte Verbeugung und erklärte: »Es ist bei uns Sitte, den Entschlafenen an einigen der Orte vorbeizuführen, die in seinem Leben Bedeutung hatten - Restaurants, wo er gern aß, Geschäfte, in denen er einkaufte, Plätze, die er häufig besuchte.«
»Ich verstehe.«
Letzte Station war das Embarcadero County Hospital.
Der Trauergast wandte sich an Paige, um ihr zu erklären: »In diesem Gebäude hat Tom Chang gearbeitet. Hier hat er sein Glück gefunden.«
Irrtum, dachte Paige. Hier hat er sein Glück verloren.