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Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
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Der Schatten blieb.

Genau genommen kam er schwarz und schwankend auf das Schiff zu. Anscheinend waren alle derart in ihre schlechte Laune und ihre Arbeit vertieft, dass ihnen der größer werdende Schatten entging. Seth schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen, doch es änderte nichts an seiner Entdeckung.

»Da!«, rief er. Einige der Umstehenden blickten in die Richtung, in die sein Finger aufs Wasser hinauszeigte.

»Ein Schatten.« Jeder konnte hören, dass er sich fürchtete. Für einen Moment erwog er, wegzulaufen und sich unter Deck zu verstecken, doch er blieb, wo er war.

»Seth! Nat! Dan! Lukas!«

Seth fuhr herum.

Marc eilte die Stufen vom Achterdeck herunter, seine Wangen glühten. »Das ist ein Schmetterlingsschwarm. Ein riesiger Schmetterlingsschwarm.« Er trug mehrere Fangnetze bei sich, und im Vorbeilaufen gab er Nat eines in die Hand. Der schaute auf das Netz, ließ seinen Scheuerstein fallen und machte ausholende Bewegungen.

»Ich brauche jede freie Hand«, rief Marc, und sofort lief Seth ihm entgegen. Auch er wollte ein Netz. Hastig warf er einen Blick auf die Schmetterlinge, die inzwischen so nah herangekommen waren, dass man bei einigen das Schlagen der Flügel erkennen konnte.

Als Marc Dan ein Netz übergeben wollte, trat der einen Schritt zurück. »Ich fange keine Schmetterlinge. Ich bin doch kein Waschlappen.«

Peacock trat vor und langte nach dem Netz. »Na, dann mache ich das«, sagte er und stellte sich breitbeinig vor der Reling auf. Dem Schmetterlingsschwarm entgegen.

Seth eilte neben ihn und nahm die Körperhaltung des Astronomen an, der darüber auflachte. Lukas und Nat gesellten sich zu ihnen. »Tara, tara«, brüllte sein Bruder. »Auf in den Kampf.« Nun lachten sie gemeinsam.

Wo ist Marc?, fragte Seth sich. Was soll ich denn machen, wenn ich einen Schmetterling gefangen habe? Sein Herz schlug so laut, dass er schreien musste, als er dem ersten Schmetterling hinterherrannte. Es waren so viele, dass sie, einem Vorhang gleich, das Schiff einhüllten. Sie nahmen ihm die Sicht und streiften seine Haut. Überall ließen sie sich nieder, auf der Reling, in den Rahen und im Tauwerk, auf den Planken, in den Segeln. Ein Heer aus Flügeln und Farben. Doch so schnell die Falter gelandet waren, so schnell erhoben sie sich, wenn Seth versuchte, sie mit dem Netz zu erhaschen. Er begann zu schwitzen.

Auf der Treppe zum Achterdeck gelang es ihm endlich – er hatte den ersten Schmetterling erbeutet. Atemlos ging er auf die Knie, um seinen Fang zu begutachten. Hilflos flatterte der Schmetterling hin und her und blieb dann still sitzen. Die oberen Flügel leuchteten rot wie frisch vom Busch gezupfte Himbeeren und waren schwarz gerändert. Die unteren Flügel waren kleiner. Mittig hatten sie jeweils einen himbeerroten Fleck, daneben war noch ein blauer Streifen und innen, fast schon am Körper, saß ein gelber Tupfer.

Seth ließ den Blick schweifen. Nat sprang über das Deck, schlug hier hin, schlug dort hin und gluckste, als er mit Peacock zusammenstieß. Marc hockte neben Lukas, der auch schon erste Beute gemacht hatte, und die Männer in den Masten waren mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Langsam hob er das Netz. Der Schmetterling lief einige Schritte auf der Stufe entlang, und seine Flügel zitterten einen Moment, bevor er sich in die Luft erhob.

Seth atmete tief ein und schlenderte zu Lukas und Marc hinüber.

»Und«, Marc wandte sich ihm zu, »war das Jagdglück dir hold?«

»Leider nicht.« Er zögerte einen Moment, dann gab er sich einen Ruck. »Kann ich dir helfen?«, fragte er, ohne den Blick von Lukas’ Schmetterling zu nehmen.

Erstaunt blickte Marc ihn an.

»Naja, beim Schreiben oder Malen oder so. Vielleicht kann ich wieder deine Pinsel auswaschen.«

»Just wollte ich Lukas’ Fang in die Kajüte bringen. Wenn du magst, begleite mich.«

Seth griff nach Marcs Netz. Mit erhobenem Haupt folgte er ihm aufs Achterdeck.

Rio de Janeiro, 6. Oktober 1785

Carl öffnete das Kajütenfenster. »Wollen wir hoffen, dass unsere Beobachtungen stimmen«, flüsterte er und warf das Seil in die Tiefe.

»Jetzt ist keine Wachpatrouille im Hafen unterwegs.« Franklins Stimme klang wie die eines kleinen Jungen, der darauf brannte, ein großes Abenteuer zu wagen.

Carl ließ sich am Seil hinab. Kurz darauf hörte Mary, wie er in der Jolle landete. Sie hob die erste Tasche mit den Sammelutensilien, Pinseln und Skizzenblöcken an und reichte sie Franklin, der sie am Seil verknotete und in die Tiefe sinken ließ. Es folgte der Proviantbeutel, den Henry gepackt hatte.

»Jetzt bist du dran.« Franklin gab ihr das Seil in die Hand.

Mary zögerte. »Warum nehmen wir nicht die Seitenstufen?«, flüsterte sie.

»Weil die dem Hafen zugewandt liegen, auf dieser Seite haben wir Sichtschutz. Beeile dich, du schaffst das.« Er packte das Seil und zog es zwischen seine Beine. »Du klemmst es dir zwischen die Schenkel und Waden, dann kann dir nichts geschehen. Und wenn du doch fallen solltest, schrei nicht auf. Carl fischt dich schon aus dem Wasser.«

Mary kletterte aus dem Kajütenfenster und ließ sich das erste Stück am Seil hinabrutschen. Der Mond warf einen silbrigen, spitz zulaufenden Streifen auf die glatte Wasseroberfläche.

Direkt unter ihr stand Carl in der schwankenden Jolle und hielt seine Arme in die Luft gestreckt.

Mary schloss die Augen und spürte seine Hände auf ihrer Hüfte. Sein Gesicht war dicht vor ihrem, in der Dunkelheit kaum mehr als ein Schattenspiel von Brauen, Nase und Mund. Wortlos drehte sie sich weg und ließ sich auf die Bank sinken, während Carl Franklin in Empfang nahm. Die beiden nehmen mich mit, jubelte es in ihr, sie nehmen mich wirklich mit. Zwei der bedeutendsten Wissenschaftler Englands nehmen mich mit auf eine Exkursion, eine verbotene dazu. Ihre Hände waren kaltschweißig und umklammerten den Beutel auf ihrem Schoß.

Franklin blieb stehen und nickte in Richtung der Ruder hinüber. Die Hitze stieg Mary ins Gesicht, flugs sprang sie auf und tauschte im schwankenden Boot mit Franklin die Plätze. Nahezu geräuschlos ließ sie einen Atemzug später die Ruderblätter ins Wasser sinken.

Vorab waren klare Absprachen getroffen worden: Während der Überfahrt sollte kein Wort gewechselt werden, bis sie an einer weniger frequentierten Stelle des Hafens angelegt hatten. Auch in der Stadt hatten sie noch zu schweigen, um nicht sofort an ihrer Sprache als Fremde erkannt zu werden. Schnellstmöglich wollten sie in Richtung der Berge laufen und erst Rast machen, sobald sie im Wald verschwunden waren.

Angespannt behielten sie zu dritt den Hafen im Auge, aber niemand schien die kleine Jolle zu bemerken, die sich langsam durchs Wasser schob.

Marys Beine zitterten, als sie festen Boden unter ihren Füßen spürte. Die spärliche Beleuchtung des Hafens und auch der Gassen, durch die sie nun eilten, ließ wenig von Rio de Janeiro erkennen. Sie folgte den Männern vor sich und glaubte, das Herz müsse ihr überlaufen. Das ist Glück, dachte sie. So fühlt sich Glück an, Vater.

Es dämmerte bereits, als Carl seinen Beutel abstellte und sich auf den sandigen Boden sinken ließ. Im Schutz wilder Büsche konnten sie die vor ihnen liegende Lichtung gut im Auge behalten, ohne selbst sofort wahrgenommen zu werden.

Franklin holte den Wasserbeutel, Brot und Käse hervor. Beim Anblick der einfachen Mahlzeit obsiegte der Hunger und verdrängte Marys bisherige Anspannung. Schweigend aßen sie, und mit jedem Bissen nahm die Müdigkeit zu. Gemeinsam hatten sie am Abend die Vorbereitungen getroffen, um gegen Mitternacht das Schiff zu verlassen. Niemand von ihnen hatte in dieser Nacht ein Auge zugemacht.

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