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Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
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Carl blickte zum Himmel, der heute tiefblau und wolkenfrei war. In der Nacht hatte es aufgehört zu regnen. Peacock und er hatten den Polarstern beobachtet, der nun schon ein Stück tiefer am Nordhimmel hing. Beeindruckt hatte ihn das Kreuz des Südens, eines der Sternbilder, die man in England nicht zu Gesicht bekam. Hell hatten die Sterne am Firmament gestanden.

Am Morgen hatte sich die Sonne rot leuchtend aus dem Wasser erhoben. Schnell war der Dunkelheit das Tageslicht gefolgt, ein untrügliches Zeichen, dass sie sich dem Äquator näherten. Der Linie, die die Süd- und die Nordhalbkugel voneinander trennte und an der Tag und Nacht stets die gleiche Länge hatten.

Das zweite untrügliche Zeichen war die Liste, die er in den Händen hielt.

Ein Matrose hatte sie ihm überreicht. Katzbuckelnd hatte er sich verbeugt und gebeten, dass Carl das Papier dem Kapitän übergeben möge. »Das sind die ungetauften Mitglieder an Bord«, hatte er angefügt und seine Worte mit einem aalglatten Lächeln gekrönt.

Erneut rollte Carl die Liste auf. Es war grobes Papier, aber immerhin war die Handschrift gut lesbar. Eine Aufreihung von Namen, die mit »Die Mannschaft« unterzeichnet war. An erster Stelle entdeckte er die Namen seiner Gehilfen – Franklin Myers und Marc Middleton.

Marc Middleton. Er schüttelte den Kopf. Es war ihm nicht leichtgefallen, eine Entscheidung zu treffen, wie er mit Mary Linleys Enttarnung verfahren sollte, und wohl fühlte er sich bisher nicht damit. Doch welche andere Wahl wäre ihm geblieben?

Hastig drängte er den Gedanken an die Frau beiseite und schaute wieder auf die Liste. Auch Rafael Peacock wurde genannt. Seth Bennetter, Nathaniel Bennetter, Lukas Smith. Andere Namen sagten ihm nichts. Zwei Kater mit den klingenden Namen Whisky und Grog wurden aufgeführt. Zu guter Letzt war selbst der Affe des Schiffes als Affe Bennetter verzeichnet. Das kann man auch falsch verstehen, spottete Carl innerlich. Immerhin weiß ich jetzt, dass manche Tiere an Bord tatsächlich Namen haben. Das sind fast buchhalterische Qualitäten, die hier an den Tag gelegt werden. Erstaunlich, dass man nicht noch die Hühner aufgeführt hat oder die Ziegen, vielleicht noch den mageren Ochsen, den wir aus San Jago mitgenommen haben.

Er lehnte sich zurück und spürte die Stufe in seinem Rücken. Die Vorbereitungen für die Salztaufe wurden getroffen. Wenn sich niemand mehr freikaufte, würden heute noch einundzwanzig Männer ins Wasser fahren. Vier Tage lang, hatte Carl beschlossen, wollte er nicht auf seine Brandy-Ration verzichten. Doch gern würde er ein Trankgeld entrichten, um sich freizukaufen. Nochmals sah er auf die Liste. Zwei Kater, ein Affe. Für die Tiere an Bord würde ein Aufschlag zu zahlen sein, den er entrichten würde. Damit konnte die Mannschaft dann ordentlich Brandy erwerben.

An der Großrah wurde ein Block festgebunden, ein Gewicht, das mit einem Tau verbunden war. In dieses Tau knüpfte der Matrose, der ihm die Liste übergeben hatte, drei kleinere Balken. Wenn man es vom medizinischen Standpunkt aus betrachtete, war die Überquerung der Linie eine förderliche Maßnahme der hygienischen Zustände. Einige der Männer, die heute ins Wasser gehen würden, benötigten dringend eine anständige Wäsche. Seit knapp zwei Monaten waren sie nun unterwegs, und der eine oder andere hatte sich bisher nur widerwillig dem Waschtrog genähert.

Carl erhob sich von der Treppe und stieg zum Achterdeck hinauf, um dem Kapitän die Liste zu übergeben.

Sollte das Spektakel seinen Lauf nehmen.

Es war der helle Klang der Glocke, der die Besatzung nur wenig später zusammenrief. Bootsmann Bennetter trat vor, die Liste in der Hand, und rief jeden einzelnen Mann auf. Jeden Namen glich er mit denen der Liste ab, um festzustellen, wer die Linie bereits überquert hatte. Und er kannte keine Gnade. »Seth Bennetter«, rief er, nachdem er die ersten Kreuze neben die Namen der Männer gesetzt hatte, die heute getauft würden.

Der Junge wurde nach vorne gestoßen, sein Rücken war gekrümmt, und er warf angsterfüllte Blicke um sich. Ein erbärmliches Bild, das Carl anrührte.

Bei den zuvor Aufgerufenen hatte Bennetter immer noch die Frage gestellt, ob sie die Linie jemals überquert hatten. Dieses Mal setzte er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ein Kreuz aufs Papier. Und wieder johlte die Mannschaft.

Am Äquator, 14. September 1785

Wer sich nicht rührt, spürt keine Ketten. Eine Lüge war das. Eine Lüge, dick wie ihre geschwollenen Fußgelenke. Die Kette rieb über die aufgedunsene Haut, die inzwischen wund und roh war. Mary drehte sich auf die Seite, doch der Verschlag war eng gehalten. Weder im Stehen noch im Liegen konnte sie ausreichend Platz finden.

Smutje Henry beugte sich vor und lugte durch die Streben. Durch einen Spalt schob er eine Schale Suppe herein. »Was musstest du auch eine Dummheit solchen Ausmaßes begehen«, sagte er und schüttelte den Kopf.

Sie versuchte, Henrys Miene zu deuten, unsicher, ob in seiner Stimme Mitleid oder Missbilligung mitschwang. Doch sein Blick war undurchdringlich.

»Wie geht es Mr. Myers?«, fragte sie und nahm das blauschimmelige Brot, das Henry hinterherschob. Hastig legte sie sich einen Brocken davon in den Mund.

»Der arme Mann, man sieht ihn kaum noch an Deck.«

»Und Sir Belham? Steht er ihm bei?«

Leise lachte Henry auf. »Was denkst du? Mr. Myers’ Stern ist verglüht. Sir Belham redet nicht mehr mit ihm.«

Ihr wurde schlecht. Sie würgte den Rest Brot hinunter, die Suppe schob sie beiseite. Auf den Fingern ihrer rechten Hand hatte sich ein grindiger Ausschlag breitgemacht, dessen weißgraue Farbe dem Ton der Suppe ähnelte.

»Iss, Mädchen, iss. Das ist die letzte Suppe. Gleich holen sie dich, und wer weiß, ob du das überstehst.«

»Sie holen mich?« Mary sank gegen die Holzstreben. Spürte, wie Splitter durch den Stoff ihres Hemdes trieben.

Henry nickte, mit einem Mal sah sein Blick mitleidig aus. »Ja, sie haben die Striemen der Katze bereits geölt …«

Abrupt hob er den Kopf. Auch Mary hörte die Schritte und sah mehrere Seesoldaten durch das Deck auf ihren Verschlag zukommen, ihnen voran Lukas. Nichts an ihm erinnerte mehr an den Jungen mit dem Dudelsack, der Lieder spielte, die das Herz berührten.

Er grinste.

Ein weißes Blecken seiner Zähne.

Henry trat beiseite, damit der Seesoldat den Verschlag öffnen konnte.

Der Atem jagte in rasselnden Stößen durch Marys Lungen, und sie drückte sich fester gegen die Holzstreben.

Lukas streckte seinen Arm vor, ein behaarter Männerarm, der auf sie zufuhr.

Ein Schlag traf sie.

»Du kommst jetzt mit.« Franklin hatte ihre Schulter gepackt und rüttelte sie. »Du kannst nicht den ganzen Tag in der Koje vertändeln. Irgendwann besteht Doc Havenport darauf, dass du vorstellig wirst.«

Sein Gesicht schwebte vor ihrem. Die Sonne hatte ihm die Stirn, die Wangen und allem voran den Nasenrücken verbrannt. In weißen Fetzen löste sich die Haut.

»Bist du wach?« Erst als Franklin sich vergewissert hatte, dass Mary nicht wieder einschlief, ließ er von ihr ab. Drehte sich zu seiner Seekiste, öffnete sie und wühlte darin herum.

Bleischwer lag Mary der Traum auf dem Gemüt.

Langsam tastete sie über die Decke und fuhr mit den Fingern über das Holz der Koje.

Es war die Kajüte.

Es war ihre Koje, und vor der stand Franklin.

Sie hatte nur geträumt. Einen bösen Traum, der sie frösteln ließ.

»Die Taufe beginnt. Beeil dich. Und leg keines deiner guten Kleidungsstücke an.« Franklin hob eine leinene Weste in die Höhe und musterte sie. Ohne sie aufzuknöpfen, zog er sie über ein graues Hemd, das Mary noch nie an ihm gesehen hatte. Der schlichte Schnitt und die gedeckte Farbe standen ihm.

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