Vom anderen Ende der Welt
- Автор: Winterberg Liv
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: DTV Deutscher Taschenbuch
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
»Fisch. Der Fisch war’s, sage ich dir. Ich habe den Fisch gegessen. Doc Havenport saß mir gegenüber, er hat tüchtig zugelangt.« Mehrfach nickte Franklin. »Das Vieh schmeckte ölig. Seid froh, dass ihr nichts davon genommen habt. Widerlich, einfach widerlich. Ich habe nicht viel davon gegessen, aber Doc Havenport, wie ich schon sagte, der hat es sich munden lassen.«
»Meinst du, der Fisch war verdorben?« Mary blickte zu Carl.
»Das kann ich noch nicht sagen. Die Atemnot und Starre der Extremitäten machen mir Sorgen. Verabreiche Franklin ein wenig vom Kreuzdorn, wir müssen ihn purgieren. Gib ihm schweißtreibende Mittel, und wenn du ihn versorgt hast, dann komm zu Doc Havenport herüber.«
»Du lässt mich mit ihm alleine?«
»Marc, bitte lass uns jetzt nicht diskutieren. Wir haben zwei Kranke. Mindestens. Und Franklin hat weniger vom Fisch genommen. Wir müssen uns jetzt aufteilen.«
Geh nicht, bitte, flehte es in ihr. Ich habe Angst. Lass mich nicht alleine. »Entschuldige«, sagte sie nur, und die Dunkelheit verbarg das Brennen ihrer Wangen.
Die Tür schlug zu.
»Komm schon!« Franklin sog die Luft ein, und ein Lächeln schob sich auf sein Gesicht, es war ein wenig schief und verzerrt, aber es erreichte seine Augen. »Gib mir ordentlich von der Purgiernuss, damit der Fisch mich schnell wieder verlässt.« Er zeigte auf Doc Havenports Tasche, die Carl hatte stehen lassen.
Wenn er könnte, er würde mich noch an die Hand nehmen, um mich durch die Behandlung zu führen, dachte Mary. Sie öffnete den Verschluss der Tasche und spürte das verwitterte Leder unter ihren Fingerspitzen. Ich muss mich beeilen, das Gift zerfrisst ihn. »Du hast recht, der Fisch muss abgeführt werden. Und wenn ich dir dafür alle Pastillen verpassen muss, die ich zur Hand habe.« Gut so, beschwor sie sich, weiter so. Plaudere auf ihn ein. Lenk ihn von seinen Schmerzen ab. Halt ihn mit deiner Stimme bei Bewusstsein. Sie drehte sich zu Franklin um.
Sein Mund stand offen. Er presste sich die Hände auf den Brustkorb, und seine Augen quollen hervor. Wie ein an Land gespülter Fisch wand er sich übers Laken.
Der Tiegel fiel Mary aus den Händen. Die kleinen weißen Pastillen sprangen über den Boden. Sie ließ sich auf die Knie fallen, griff schnell eine von ihnen und legte sie auf Franklins Zunge. Während sie sich auf die Koje schob, riss sie seinen Oberkörper in die Höhe, doch seine Augenlider sackten nach unten. Der Atem rasselte.
»Nein, halt durch. Halt durch. Halt durch.« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, heiser und panisch.
Franklins Kopf kippte vor. Die Pastille rollte aus seinem Mund.
»Carl«, schrie sie und hämmerte mit einer Hand gegen die Holzwand zur Nachbarskajüte. Peacock schlief nebenan. Vielleicht würde wenigstens er sie hören. Vielleicht würde er ihr helfen können. Mit der anderen Hand versuchte sie, Franklin aufrecht zu halten.
Er entglitt ihr, sackte hintenüber und schlug mit dem Kopf gegen das Holz.
Der Puls dröhnte Mary in den Ohren, als wollte der Schädel bersten. Tränen tropften auf ihre Hand, als sie sich vorbeugte und in Franklins Locken fasste. Sein Gesicht zu sich drehte.
Seine Augen standen offen. Starr und leer.
Kein Wimpernschlag beendete das grausige Bild.
Franklin, brüllte es in ihr auf. Nein, du kannst nicht gehen. Du kannst nicht. Ihr Körper wölbte und krümmte sich. Zog sich in Krämpfen zusammen, drängte den Atem pumpend über ihre Lippen, dass er in ein kehliges Schluchzen zerfiel. Das nasse Gesicht an Franklins Hals gepresst, schlang sie die Arme um ihn und zog ihn an sich. Sein Arm rutschte schlaff zur Seite und blieb auf ihr liegen.
Keine Öllampe war vonnöten. Ihre Beine wussten trotz der Dunkelheit, wohin sie sie zu tragen hatten. Schritt für Schritt kam sie der angelehnten Tür näher, ein schwacher Lichtschein fiel in den Flur. In der Kajüte war es still. Die Hand schien zu wissen, wie die Tür zu öffnen war. Nichts in ihr, weder Hirn noch Herz, konnte mehr einen Befehl erteilen.
Carl, wo bist du?
Wir haben ihn verloren.
Franklin.
Carl, hilf mir.
Sie schob die Tür auf. Carl saß auf dem Rand der Koje und hob den Kopf. Mary schaute an ihm vorbei. Zusammengerollt lag der Schiffsarzt da, das Gesicht im Krampf erstarrt. Ihr Blick wanderte zu Carl zurück, und sie antwortete mit einem Kopfschütteln auf die Frage, die wortlos zwischen ihnen stand.
***
Er war dankbar, dass es diesen einen kurzen Moment gab, in dem er nichts spürte. Nichts, außer einer Leere, die fast wohltuend war. Erst dann tauchte das Bild in seinem Kopf auf: Zuerst sah er den Mund in einem runden Gesicht, einen aufgerissenen Mund, und doch zu klein, dem Schmerz genügend Raum zu geben.
Sophie Myers.
Eine von vielen Müttern, die die Nachricht überbracht bekam, dass ihr Sohn nicht mehr von einer Seefahrt zurückkehren würde. Franklins Schwester schob sich ins Bild, zwei jüngere Brüder und der Vater folgten. Auf dem diesjährigen Sommerfest der Royal Society hatte er Familie Myers kennengelernt. Wie sollte er ihnen je wieder gegenübertreten? Carls Augen brannten, langsam zog er die Decke über Doc Havenports Leiche.
»Marc«, sagte er leise, »wir müssen jetzt prüfen, ob noch jemand im Sterben liegt. Noch wissen wir nicht, woran die beiden verstorben sind. Ist es eine Epidemie, müssen wir umgehend handeln.«
Ihre Augen waren blind vor Tränen. Ob sie mich verstanden hat, fragte er sich. Sie muss denken, dass ich herzlos bin. Aber wir haben keine Wahl, denn wenn es nicht der Fisch war, bleibt uns keine Zeit. Was uns aber bleibt, ist unser Schmerz.
Er zögerte einen Moment, legte dann aber doch die Hand auf ihre Schulter und führte sie zur Tür. »Lauf und hol den Smutje. Ich benachrichtige derweil die anderen. Wir treffen uns gleich in der Kapitänskajüte.«
Smutje Henrys Gesicht war blutrot, und der Schweiß rann ihm in die Augen. Er wischte mit dem Arm über sein Gesicht, doch augenblicklich entstanden die nächsten Schweißtropfen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und Carl fühlte Mitleid. Seine Stimme klang nachsichtig, als er die Frage wiederholte: »Hast du die Fischreste noch?«
»Nein, die Reste werden jeden Abend über Bord gekippt, damit die Ratten nicht darangehen.«
»Wie sah der Fisch aus?«
Henry runzelte die Stirn. »Rundlich und gedrungen.«
»Hatte der Fisch Zähne?«
Er nickte und wischte wieder mit dem Arm über sein Gesicht.
»Hatte der Fisch Schuppen?«
Henry schüttelte den Kopf.
»Was?« Mary sprang aufgebracht in die Höhe. »Henry, du hast einen Tetraodon serviert?«
Halt an dich, flehte Carl innerlich, dem der Ton ihrer Stimme auffällig hoch erschien. Er sah sich um, doch weder der Ausbruch noch die Tonlage schien Argwohn zu erregen. Bitte, beherrsch dich und werd jetzt nicht zur Furie.
Kapitän Taylor schlug mit der Hand auf den Tisch. »Mr. Middleton, niemandem ist damit geholfen, wenn wir hier jetzt in einen Tumult ausbrechen«, beschied er streng und blickte in die Runde. »Und jetzt wäre ich dankbar, wenn man mir erklärte, was ein Tetraodon ist.«
»Ein Kugelfisch«, antwortete Carl.
Henry brüllte auf. »Ich habe es doch gesagt …« Seine Stimme überschlug sich, und er schnappte nach Luft. »Ich habe Doc Havenport gefragt, ob das ein Kugelfisch ist. Mein Gehilfe Dan, der kann es bezeugen. Noch nie habe ich so einen Fisch gesehen, ich habe nur davon gehört. Aber ich habe ihn gefragt. Ich habe ihn gefragt.« Der Smutje schluchzte. »Ich habe sie nicht umgebracht, ich schwöre es bei Gott.«