Sand
- Автор: Herrndorf Wolfgang
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Sand». Краткое содержание книги:
Während in München Palästinenser des Schwarzen September das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)
«Also warum erzählen Sie mir das alles?», fragte Carl.
«Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich diese Dinge hochinteressant finde! Und weil ich glaube, wir gehen herrlichen Zeiten entgegen.» Mit beiden Zeigefingern pickte er rechts und links gegen seine Schläfen und führte parallel dazu ein Augenbrauenballett auf. «Früher oder später wird man das, was Sie in Ihrem Kopf da mit sich rumtragen und was Sie heute noch leiden lässt, durch zwei integrierte Schaltkreise und ein paar bunte Drähte ersetzen. Bildhübsche Studentinnen werden Sie mit einem Fußtritt, Hammer und Kneifzange von Ihrem Elend erlösen, und auch die Frage der Unsterblichkeit … aber ich sehe, das alles interessiert Sie nicht besonders. Gut. Ist ja auch fröhliche Zukunftsmusik. Heute müssen wir in die Abgründe Ihrer Gehirnwindungen noch einmal mit herkömmlichen Mitteln hinabtauchen, sosehr es auch schmerzt.»
Er nahm seinen Notizblock wieder auf, blätterte ein paar Seiten um und hielt plötzlich inne: «Wobei mir einfällt, erwähnten Sie schon, warum Sie eigentlich hier sind? Ich meine nicht die Amnesie. Aber Sie wollten ja erst nicht zum Arzt. Und jetzt — ist da irgendetwas vorgefallen in der Zwischenzeit?»
Carl schüttelte den Kopf. «Außer dass ich Ihren Zettel gefunden habe. Und dass es mir nicht gutgeht. Ich bin unruhig und werde immer unruhiger. Ich kann kaum schlafen. Ich träume entsetzlich.»
«Ach ja.»
«Letzte Nacht hab ich praktisch gar nicht geschlafen. Ein einziger Albtraum.»
«Verständlich. Dann mal zurück zu der Frage —»
«Soll ich Ihnen erzählen, was ich geträumt hab?»
«Nein, müssen Sie nicht. Wir können weitermachen.»
«Interessiert es Sie nicht?»
«Sie denken, weil ich Psychiater bin.» Dr. Cockcroft biss auf den Resten seines Daumennagels herum. «Wenn’s Sie erleichtert, erzählen Sie’s.»
Carl zögerte einen Moment und gab dann seinen Traum von der riesigen, fetten Ziege wieder. Der Ziege, die plötzlich Helens Miene hatte. «Also, Helens Gesicht», korrigierte er. Beim Erzählen wurde Carl immer unsicherer, weil er spürte, dass er nicht ansatzweise beschreiben konnte, was das Grauenerregende des Traums gewesen war. Bei Licht betrachtet wirkte alles ganz harmlos.
«Und jetzt wollen Sie eine Deutung von mir?», fragte Dr. Cockcroft. «Was möchten Sie hören? Dass Sie offenbar Angst haben vor der amerikanischen Touristin, die Sie aufgenommen, gesund gepflegt, mit Geld ausgestattet, verbunden und zu mir geschickt hat? Dass das Gesicht dieser Frau Ihnen fremd ist, so fremd wie das jeder anderen Person? Dass Sie in die Fänge einer raffiniert maskierten Betrügerin geraten sind?» Er griff mit beiden Händen in seinen Vollbart und zerrte daran, als müsse er seine Echtheit beweisen. «Eine Spionin in geheimer Mission? Ihre langjährige Ehefrau, die Ihnen unter Ausnutzung der Umstände eine herrliche Komödie vorspielt? Ich bin zwar Psychiater, aber kein Freund der Wiener Kloake. Wenn Sie meine bescheidene Ansicht wissen wollen: Träume sind Feuerwerke in unserem Hirn. Sie haben keine Bedeutung. Das ist auch der Stand der Wissenschaft.»
«Das ist nicht sehr ermutigend», sagte Carl nach einer längeren Pause.
«Alles, was die moderne Hirnforschung herausfindet, ist nicht sehr ermutigend», erwiderte Dr. Cockcroft begeistert. «Hat es übrigens mit dem Wort Miene etwas auf sich?»
«Was?»
«Sie ersetzten es sofort durch Gesicht. Nein? Dann noch mal zurück zu dieser amerikanischen Touristin. Helen. Der zu vertrauen Sie offenbar Schwierigkeiten haben. Haben Sie eine intime Beziehung?»
«Was?»
«Üben Sie den geschlechtlichen Verkehr miteinander aus?»
«Was geht Sie das an?»
«Ich bin Ihr Arzt. Kohabitieren Sie?»
«Was hat das mit meiner Amnesie zu tun?»
«Können Sie sich an Intimitäten nicht erinnern?»
«Nein. Weil es keine gab.»
Dr. Cockcroft nickte, pochte das Ende des Füllers seitlich gegen seinen Hals und sah Carl lange ins Gesicht. «Eine letzte Frage. Versuchen Sie einmal, ohne Gegenfrage zu antworten. Sind Sie vollkommen sicher, dass Sie nicht wissen, wer Sie sind?»
«Wäre ich sonst hier?»
«Ich frage nicht ohne Grund.»
«Ja!», sagte Carl verzweifelt.
32. DISSOZIATION
Sein Gesicht trug den einfältigen Ausdruck eines Menschen, der nachdenkt und sich nicht bemüht, es zu verbergen.