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Untot

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Aus dem Amerikanischen übertragen von Angelika Weidmann
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McClellan vergewisserte sich, daß ein Notruf für zusätzliche Krankenwagen und medizinische Erste-Hilfe-Ausrüstungen an alle Nachbargemeinden gefunkt worden war. Dann alarmierte er die Unfallstationen der nächstgelegenen Krankenhäuser. Er rief ebenfalls im Leichenhaus an. Dann bestieg er einen Mannschaftswagen und befahl dem Fahrer, dem Adjutanten Greene, einem Anfänger, sie zur Unfallstelle zu bringen. Greene war nervös und versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen; er hatte bislang noch keine Gelegenheit gehabt, sich in seiner Funktion als Polizist einem Toten gegenüber zu sehen, und nach dem, was er aus dem Bericht und aus den Vorbereitungen seines Vorgesetzten folgern konnte, war er einigermaßen sicher, daß er an diesem Tag seinen ersten Leichen gegenüberstehen würde.

Sheriff McClellan war ein ausgezeichneter Polizist mit der störenden, wenn auch vielleicht notwendigen Gewohnheit, förmlich nach Gelegenheiten zu jagen, seine Männer der Feuertaufe zu unterziehen. Wenn sie einmal, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Krise durchgestanden hatten, dann wußte er, daß er sich auf sie verlassen konnte. Und - davon war er überzeugt - dann konnten sie sich auch auf sich selbst verlassen. Greene war auf dem Weg, ausgesprochen zuver-lässig zu werden, dachte er.

Der Sheriff war in diesem Fall selbst nervöser als sonst, und er wußte, warum. Das Busunglück erinnerte ihn nur zu sehr an den ersten Unfall, mit dem er als Anfänger betraut gewesen war. Ein Bus mit Schulkindern war frontal mit einem Lastwagen zusammengestoßen, der mit Stahlstreben für Betonbauten überladen gewesen war. Die Stahlstangen hatten sich unter der Wucht des Aufpralls aus den Halterungen gelöst und waren wie Speere in das Innere des Busses geschleudert worden, wo sie eine große Zahl der Kinder aufgespießt und Köpfe und Gliedmaßen von den Leibern getrennt hatten. McClellan hätte aufgrund dieses schrecklichen Erlebnisses beinahe seinen Dienst bei der Polizei quittiert, überzeugt, seine sechs Monate währende Erfahrung als Polizist sei genug. Jetzt, sechsundzwanzig Jahre später, hatte er das Gefühl, er könne sich allem, was die Welt ihm ins Gesicht schleudern würde, gleichmütig stellen. Niemals ließ er seine Gefühle erkennen, aber niemals vergaß er irgend etwas - oder irgendwen -, wenn er tief berührt worden war. Seine Männer respektierten ihn, doch sie hielten ihn für ein bißchen zu dickfellig, um human zu sein. McClellan wußte, daß dies das einzige Mittel war, in seinem Beruf zu überleben.

Der Adjutant Greene war sich im klaren darüber, was ihm bevorstand. Er dachte an die Nachrichten, die er über den Polizeifunk im Auto gehört hatte. Wäre er allein gewesen, würde er vielleicht in der Hoffnung, daß ein Teil der Spuren der Katastrophe schon aufgeräumt worden wäre, langsamer gefahren sein. Aber mit dem Sheriff neben sich auf dem Beifahrersitz konnte er es sich nicht erlauben, zu trödeln. Und wenn er in seinem tiefsten Inneren gewünscht hätte, daß McClellan einen anderen als Fahrer gewählt hätte, so war er klug genug, dies nicht zu erwähnen.

Mit aufblitzender Alarmleuchte und heulenden Sirenen näherten sie sich dem Unfallort, den sie in etwa zehn Minuten nach ihrer Abfahrt aus dem Polizeipräsidium erreichen würden.

Der Bus war, nachdem er die steile Steigung der Landstraße überwunden und die abfallende Seite erreicht hatte, von der Fahrbahn geraten. Eine Polizeisperre war der Straße entlang errichtet worden. Ein Polizist dirigierte die Rettungsfahrzeuge zur Unfallstelle und winkte den übrigen Verkehr weiter. Glücklicherweise herrschte auf dieser ländlichen Route nur selten viel Verkehr, und falls es Überlebende gab, konnten sie schnell in ein Krankenhaus transportiert werden. Der Polizist ließ McClellans Wagen passieren, und Greene lenkte ihn behutsam über die Stelle, von wo aus sie die kurvenreiche Strecke oberhalb der Kreuzung bei der Brücke über den Fluß und dem Zusammentreffen von drei Landstraßen etwa zweihundert Meter weit überblicken konnten. Es gab keinerlei Hinweise darauf, warum der Bus außer Kontrolle geraten war. Möglicherweise war er von einem Fahrzeug, das, nachdem der Bus sich überschlagen hatte, seinen Weg fortgesetzt hatte, zum Ausweichen gezwungen worden.

Greene steuerte den Wagen an den Straßenrand, ließ die Alarmanlage weiterblinken, und er und der Sheriff stiegen aus. Sie waren bei weitem nicht zu spät eingetroffen. Im Gegenteiclass="underline" Sie schienen unter den ersten zu sein, die den Unfallort erreicht hatten, was für Greene nicht besonders tröstlich war. Noch ein weiterer Streifenwagen war zur Stelle, so weit wie möglich von der Fahrbahn geparkt, die Alarmleuchte ebenfalls eingeschaltet. McClellan vermutete, daß der Polizist, der den Verkehr lenkte, mit diesem Wagen hergekommen war. McClellan schaute die Böschung hinunter zu dem abgestürzten Bus, doch er konnte niemanden sehen, der sich auf dem Weg dorthin befand. Aus der Entfernung war der Bus nicht sehr deutlich auszumachen; sein fataler Sturz hatte in einem dichten Gehölz geendet, das nun das Ausmaß der Katastrophe weitgehend verbarg.

McClellan machte Greene ein Zeichen, er solle mitkommen, und begann, sich einen Weg den Abhang hinunter zu dem Unglücksbus zu bahnen. Sie sahen Rauch aus dem Gehölz aufsteigen, doch es war eindeutig nicht genug Rauch, um auf ein großes Feuer hinzudeuten. Aber dennoch machte McClellan sich keine große Hoffnung, eine größere Zahl von Überlebenden oder Unverletzten vorzufinden. Falls es welche gab, so sagte er sich, wäre ihr erster Impuls gewesen, aus dem Gehölz zu kriechen und Hilfe zu holen. Da niemand zu sehen war, war vermutlich niemand dazu imstande. Doch andererseits bemerkte er, daß das Gras niedergetrampelt war, und an verschiedenen Stellen waren Fußabdrücke im morastigen Boden zu erkennen, als habe sich aus unerfindlichen Gründen eine größere Anzahl von Leuten den Weg zu dem Wrack gebahnt. McClellan fand dafür keine Erklärung. Wenn Leute dort hinuntergegangen waren, wer waren sie und wo waren sie geblieben?

Die sauber gewaschenen und sorgfältig gebügelten Kleider von Ann und Sue Ellen waren inzwischen zerschlissen, verdreckt und mit Blut besudelt. Sue Ellen stolperte, die Beine des toten Mannes, den sie zu tragen half, entglitten ihr, und sie schlug mit dem Gesicht gegen die Schuhe des Toten. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle. Bert Miller hatte kein Wort des Mitgefühls oder der Ermutigung für sie. Sein strenger, zorniger Blick hieß seine Tochter aufstehen und weitermachen. Sue Ellen rappelte sich wieder hoch, packte die Beine der Leiche und machte weiter. Ihr Vater hielt die Leiche an den Armen und auch er war außer Atem. Aber er mußte weitermachen. Und sie ebenfalls. Bert wollte, daß seine Töchter lernten, wie hart das Leben war, daß es Pflichten gab, die erfüllt werden mußten, und daß Leute mit der richtigen moralischen Einstellung taten, was getan werden mußte, ohne zu klagen und ohne je auf Erden dafür Belohnung zu erwarten. Er hatte Ann und Sue Ellen die Wahl gelassen, ob sie lieber Leichen tragen oder Bolzen nageln wollten. Sie hatten sich aus ihrem eigenen, freien Willen entschieden, die Leichen tragen zu helfen. Also mußten sie es auch tun. Und sie mußten es schnell erledigen. Ehe die Autoritäten ankamen und sie daran hinderten. Die Autoritäten gaben nicht mehr gern zu, daß es notwendig war, die Toten zu pfählen, auch wenn es vor gar nicht langer Zeit noch absolut notwendig gewesen war. Sue Ellen und ihr Vater schafften den toten Mann in eine Lichtung im Wald, wo schon andere Leichen hingebracht worden waren. Dort legten sie den Mann nieder, und das Mädchen wandte sich ab, als dessen Kopf zur Seite kippte und das Loch im Schädel sichtbar wurde, das fast bis zum Nacken reichte. Sue Ellen verdeckte ihre Augen mit den Händen und erinnerte sich zu spät daran, daß sie voller Blut waren. Sie zog sie zurück, doch sie hinterließen auf jeder Wange einen frischen Blutfleck. Sie begann zu weinen. Sie konnte das Keuchen ihres Vaters hören, der einen Augenblick ausruhte und beobachtete, wie Ann die Leiche eines dreijährigen Kindes durch das Gras in die Lichtung schleppte. Ein großer Holzsplitter von einem abgerissenen Ast steckte in seiner Brust; sein Mund war geöffnet und seine Zähne von geronnenem Blut verkrustet. Bert Miller hatte Ann die Kinderleiche alleine tragen lassen, während er den toten Mann, eine weit schwerere Bürde, mit Sue Ellen übernommen hatte. Der Mann und das Kind waren die letzten Leichen, die aus dem Buswrack in die Lichtung geschafft werden mußten. Dort hatten andere schon damit begonnen, die Bolzen einzurammen.

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