Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Год: 1960
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Краткое содержание книги:
Nachdem das geschehen war, zog er mit Jim zusammen die schwere steinerne Tür auf, und dann bewegte sich der seltsame Zug leise und in vollständiger Dunkelheit über die Treppenspirale abwärts ins Erdgeschoß und auf die Straße hinaus.
Ein paar Drachen, die sich verspätet hatten, stampften auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorüber. Die Kinder wagten kaum zu atmen. Zum Glück bemerkten die Bestien nichts, erstens wegen der Finsternis, und zweitens, weil sie wie gewöhnlich viel zu sehr damit beschäftigt waren, sich über irgend etwas zu ärgern und vor sich hin zu schimpfen.
Vorsichtig lenkte Lukas die Lokomotive um das Haus herum, und bald war der Fluß erreicht. Das Wasser strahlte ein seltsames schwaches Goldlicht aus. Es leuchtete von selbst, so daß man seine eiligen Wellen durch die Nacht schimmern sah.
Lukas brachte Emma zum Stehen und untersuchte das Ufer. Es fiel flach nach dem Wasser zu ab. Befriedigt kam er wieder zurück und raunte zu den Kindern hinauf:
„Bleibt nur ganz ruhig sitzen! Und du, meine gute dicke Emma", fuhr er fort, „mußt jetzt noch einmal Schiff spielen. Mach's gut! Ich verlasse mich auf dich."
Damit drehte er den Hahn an der Unterseite des Kessels auf, und das Wasser aus Emmas Innerem lief gluckernd ab. Als der Kessel leer war, drehte er den Hahn wieder zu und schob gemeinsam mit Jim die Lokomotive so nahe an das abschüssige Ufer heran, daß sie von alleine weiterrollen konnte. Rasch sprangen die beiden Freunde hinauf und kletterten zu den Kindern auf das Dach.
„Festhalten!" rief Lukas gedämpft, als Emma sanft in den Fluß hineinglitt. Die Strömung war ziemlich stark. Sie erfaßte sogleich die schwimmende Lokomotive und trieb sie mit sich fort.
Der Drache, wasserscheu wie alle seinesgleichen, stand noch am Ufer und stellte sich entsetzlich an. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er wußte wohl, daß die Berührung mit dem Wasser sein Feuer auslöschen und obendrein noch seinen Schmutz abwaschen würde, und das kam ihm ganz unvorstellbar schrecklich vor. Zunächst machte er noch ein paar klägliche Versuche, sich gegen die ziehende Kette zu stemmen, dann lief er eine Weile am Ufer hinter der Lokomotive her, aber schließlich kam eine Brücke, und nun half alles nichts mehr. Er piepte nur noch ein paarmal leise durch die Nase wie ein kleiner Hund, mehr konnte er mit der zugeketteten Schnauze ja nicht mehr sagen, dann ergab er sich in sein Schicksal und plantschte und prustete in die Wellen hinein. Erst zischte es und dampfte es, und als sich die Wolken etwas verzogen hatten, zeigte sich, daß der Drache ausgezeichnet schwimmen konnte, wenn er mußte. So trieben sie eine Weile vollkommen lautlos durch die nächtliche Drachenstadt.
Wo mochte dieser Fluß nur hinführen? Hatte Nepomuk die beiden Freunde angelogen und ging der Strom doch durch das „Land der tausend Vulkane"? Oder gab es da vielleicht irgendein Geheimnis, von dem der Halbdrache nichts gewußt hatte?
Die Strömung nahm jetzt merklich zu. Sie wurde geradezu reißend. Soweit in der Dunkelheit etwas zu sehen war, näherten sich die Reisenden dem Stadtrand und damit der riesigen Kraterwand, welche die Stadt wie eine Festungsmauer umgab.
„Achtung!" rief Lukas plötzlich, der mit Jim zusammen rittlings auf dem vordersten Ende des Kessels saß. Alle duckten sich, und dann ging es hinein in die völlig undurchdringliche Finsternis eines Felsentors. Immer schneller schossen sie dahin. Ringsum war nichts mehr zu erkennen. Nur das Toben und Zischen der entfesselten Wassermassen dröhnte in ihren Ohren.
Lukas machte sich Sorgen wegen der Kinder. Wenn er mit Jim allein gewesen wäre, hätte ihm die Gefahr weiter nicht viel ausgemacht. Sie beide waren ja inzwischen an die wildesten Abenteuer gewöhnt. Aber die Kinder, wie würden sie diese Fahrt überstehen? Sie waren doch zum Teil noch ziemlich klein, und außerdem waren ja auch Mädchen dabei. Sicher hatten sie scheußliche Angst. Aber jetzt konnten sie schließlich alle nicht mehr zurück, und es war auch völlig unmöglich, ihnen bei diesem Donnergetöse Trost und Mut zuzusprechen. Lukas konnte nichts tun als abwarten, was geschehen würde.
Die rasende Fahrt ging abwärts, immer hinunter, tiefer und tiefer. Die Kinder drückten die Augen zu und klammerten sich fest aneinander und an die Lokomotive. Hören und Sehen verging ihnen bei diesem Sturz, der kein Ende zu nehmen schien, als sollte es ins Innere der Erde gehen.
Endlich, endlich ließ die Strömung etwas nach, und die schäumenden Wellen beruhigten sich. Und abermals nach einer Weile zog der Fluß wieder so still und eilig dahin, wie zu Anfang der Fahrt, nur daß die Reisenden sich jetzt tief, tief irgendwo unter der Erdoberfläche befanden. Als sie nach und nach ihre Augen wieder zu öffnen wagten, sahen sie ein eigenartiges und wundervolles buntes Zauberlicht durch die Dunkelheit schimmern. Aber es war noch nichts deutlich erkennbar.
Lukas wandte sich zu den Kindern um und rief: „Haben wir auch niemand verloren? Sind wir noch vollzählig?"
Die Kinder waren noch recht benommen und brauchten eine ganze Weile, um nachzuzählen, ob sie noch alle da waren. Aber schließlich konnten sie Lukas melden, daß alles in Ordnung sei.
„Und was macht der Drache?" fragte Lukas nach hinten. „Hängt er noch an der Kette? Lebt er noch?"
Ja, auch dem Drachen war nichts Ernstliches passiert, außer daß er ziemliche Mengen Wasser hatte schlucken müssen.
„Wo sind wir eigentlich?" wollte ein kleiner Junge mit einem Turban auf dem Kopf wissen.
„Keine Ahnung", antwortete Lukas, „ich hoffe, es wird bald heller, dann werden wir ja sehen." Und er zündete sich seine Pfeife an, die ihm bei der Schußfahrt in die Tiefe ausgegangen war.
„Jedenfalls sind wir bestimmt auf dem Weg nach Ping!" tröstete Jim, weil er sah, daß ein paar von den Kleinsten anfangen wollten zu weinen.
Die Kinder beruhigten sich schnell und begannen, neugierig herumzuschauen. Das schwache Zauberlicht hatte sich mittlerweile zu einer purpurroten Dämmerung verstärkt, in deren Schein zu erkennen war, daß der Fluß gerade durch eine hohe, gewölbte Höhle zog. Die Helligkeit kam von Hunderttausenden von roten Edelsteinen, die in armlangen Kristallen an den Wänden und an der Decke wuchsen. Diese Rubine funkelten und glitzerten und glommen wie unzählige Laternen. Es war ein ganz unbeschreiblicher Anblick.
Nach einer Weile änderte sich das Licht. Es wechselte in ein leuchtendes Grün hinüber und wurde ausgestrahlt von einem ganzen Wald riesiger Smaragde, die wie gewaltige Eiszapfen von der Decke der Höhle fast bis auf die Wasseroberfläche herunter hingen. Einige Zeit später zog der Fluß durch eine niedrige, langgestreckte Grotte, in der violette Beleuchtung herrschte, hervorgebracht von Millionen feinster Amethystkristalle, die wie Moos die Felswände überzogen. Dann wieder durchquerten sie eine Halle, die in hellstem Glanz erstrahlte, so daß die Kinder fast die Augen schließen mußten. Dort hingen gewaltige Trauben von klaren, blitzenden Diamanten an der Decke wie Hunderte von Kronleuchtern.
So ging es immer weiter. Die Kinder hatten längst aufgehört zu schwatzen. Anfangs flüsterten sie sich noch hin und wieder etwas zu, aber schließlich verstummten sie ganz und versanken völlig im Anschauen dieser unterirdischen Wunderwelt. Manchmal trieb die Strömung die Lokomotive so nahe an die Wände der Höhlen heran, daß jedes der Kinder sich ein paar Juwelen abbrechen und zur Erinnerung mitnehmen konnte.
Wieviele Stunden so vergangen waren, hätte wohl niemand von der Reisegesellschaft sagen können, als Lukas bemerkte, daß die Strömung plötzlich wieder beträchtlich zunahm. Die Felswände rückten enger und immer enger zusammen und nahmen allmählich eine rote Färbung an, hin und wieder von breiten weißen Streifen und Zickzacklinien unterbrochen. Zugleich wurde das farbige Zauberlicht immer schwächer, denn es gab keine Edelsteine mehr. Schließlich war es stockdunkel wie zu Anfang der unterirdischen Reise. Nur noch ganz selten blitzte der Strahl eines vereinzelten Kristalls durch die Finsternis. Dann hörte auch das auf. Das Wasser begann wieder zu gurgeln und zu zischen, und die Reisenden machten sich schon auf eine neue Sturzfahrt in noch tiefere Tiefen gefaßt.