Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Das Schiff lag etwa eine halbe Meile entfernt vor Anker, seine Masten schwarz vor dem heller werdenden Himmel. Kein riesiges Schiff, aber eindeutig zu groß, um die kleinen Kanäle der Insel zu befahren. Ich beobachtete es lange Zeit, und als Jamie, Roger und Ian aufwachten, schlossen sie sich an – doch es senkten sich keine Boote herab.
»Was meint Ihr, was es hier macht?«, sagte Ian. Er sprach leise; das Sklavenschiff machte alle nervös.
Roarke schüttelte den Kopf; ihm gefiel das Ganze auch nicht.
»Soll mich der Teufel holen, wenn ich es weiß«, sagte er. »So etwas hätte ich hier überhaupt nicht erwartet.«
Jamie rieb sich das unrasierte Kinn. Er hatte sich seit Tagen nicht rasiert, und mit seinem grünen Gesicht und seinen eingefallenen Augen – er hatte sich gleich nach dem Aufstehen über die Reling übergeben, obwohl die Dünung ganz sanft war – wirkte er noch abgerissener als Roarke.
»Könnt Ihr neben ihm beilegen, Mr. Roarke?«, fragte er, ohne den Blick von dem Sklavenschiff abzuwenden. Roger sah ihn scharf an.
»Du glaubst doch nicht, dass sich Brianna an Bord befindet?«
»Wenn es so ist, werden wir es herausfinden. Wenn nicht – finden wir möglicherweise heraus, auf wen das Schiff hier wartet.«
Als wir neben dem Schiff beilegten, war es heller Tag, und es waren einige Seeleute an Deck, die neugierig über die Reling auf uns herunterspähten.
Roarke rief eine Begrüßung hinauf und bat um Erlaubnis, an Bord zu kommen. Er bekam keine unmittelbare Antwort, doch ein paar Minuten später erschien ein kräftiger Mann mit einem übelgelaunten Gesicht und gebieterischer Ausstrahlung.
»Was wollt Ihr?«, rief er herunter.
»An Bord kommen«, brüllte Roarke zurück.
»Nein. Verzieht Euch.«
»Wir sind auf der Suche nach einer jungen Frau!«, rief Roger nach oben. »Wir würden Euch gern ein paar Fragen stellen!«
»Alle jungen Frauen auf diesem Schiff gehören mir«, bellte der Kapitän – wenn er das denn war – endgültig. »Fort mit Euch, sage ich.« Er drehte sich um und wandte sich gestikulierend an seine Helfer, die blitzartig auseinanderstoben und kurz darauf mit Musketen wieder auftauchten.
Roger hielt sich die Hände als Trichter vor den Mund.
»BRIANNA!«, brüllte er. »BRIANNAAA!«
Ein Mann hob sein Schießeisen und feuerte. Die Kugel pfiff harmlos über unsere Köpfe hinweg und durchschlug das Hauptsegel.
»Oi!«, rief Roarke aufgebracht. »Was habt Ihr denn?«
Die einzige Antwort darauf war eine weitere Salve, gefolgt vom Öffnen der Bordklappen, die uns am nächsten lagen, und dem plötzlichen Erscheinen der langen schwarzen Nasen mehrerer Kanonen und einer noch intensiveren Gestankwolke.
»Ach du liebe Güte«, sagte Roarke erstaunt. »Nun, wenn das so ist … soll Euch doch der Teufel holen!«, rief er und wies mit der geballten Faust auf das Schiff. »Hol Euch der Teufel, sage ich!«
Moses, der es nicht so mit der Rhetorik hatte, war beim ersten Schuss losgefahren und passierte schon die Ruderpinne; innerhalb von Sekunden glitten wir an dem Sklavenschiff vorbei aufs offene Meer.
»Nun, irgendetwas geht da vor«, sagte ich und beäugte das Schiff noch einmal misstrauisch. »Ob es nun mit Bonnet zusammenhängt oder nicht.«
Roger klammerte sich mit weißen Knöcheln an die Reling.
»So ist es«, sagte Jamie. Er wischte sich mit der Hand über den Mund und schnitt eine Grimasse. »Könnt Ihr uns in Sichtweite, aber außer Schussweite halten, Mr. Roarke?« Der Geruch von Fäkalien, Fäulnis und Hoffnungslosigkeit wehte erneut auf uns ein, und er nahm die Farbe von ranzigem Talg an. »Und das eventuell von der Windrichtung abgewandt?«
Wir waren gezwungen, ein gutes Stück aufs Meer hinauszusegeln und zu kreuzen, um all diese Bedingungen zu erfüllen, doch schließlich hatten wir es geschafft und lagen in sicherem Abstand vor Anker, so dass wir das Sklavenschiff gerade eben sehen konnten. Hier blieben wir den Rest des Tages liegen und betrachteten das fremde Schiff abwechselnd durch Kapitän Roarkes Teleskop.
Doch nichts geschah; weder vom Schiff noch vom Ufer kamen irgendwelche Boote. Und während wir alle schweigend an Deck saßen und zusahen, wie am mondlosen Himmel die Sterne aufgingen, wurde das Schiff von der Dunkelheit verschlungen.
Kapitel 107
Neumond
Sie gingen weit vor Tagesanbruch vor Anker, und ein kleines Boot brachte sie ans Ufer.
»Wo sind wir?«, fragte sie heiser, weil sie ihre Stimme so lange nicht benutzt hatte – Bonnet hatte sie mitten in der Nacht geweckt. Sie hatten unterwegs dreimal angehalten, in namenlosen Buchten, wo rätselhafte Männer aus dem Gebüsch kamen und Fässer vor sich herrollten oder Ballen trugen, doch man hatte sie in keiner davon an Land gelassen. Die Insel war lang und flach, mit dichtem Krüppelwald und einem Nebelschleier überzogen, und unter dem verschwindenden Mond sah sie gespenstisch aus.
»Ocracoke«, antwortete er und beugte sich vor, um in den Nebel zu blinzeln. »Etwas mehr backbord, Denys.« Der Seemann an den Rudern lehnte sich stärker zur Seite, und die Nase des Bootes wandte sich folgsam dem Ufer zu.
Es war kalt auf dem Wasser; sie war dankbar für den dicken Umhang, den er um sie gelegt hatte, bevor er sie in das Boot dirigierte. Dennoch hatte die Kühle der Nacht und der offenen See wenig mit dem leisen, ununterbrochenen Zittern zu tun, das ihre Hände beben und ihre Füße und Finger taub werden ließ.
Leises Gemurmel unter den Piraten, weitere Anweisungen. Bonnet sprang in das hüfttiefe, schlammige Wasser, watete in die schwarzen Schatten und schob den dichten Pflanzenwuchs beiseite, so dass plötzlich das glatte Wasser des verborgenen Kanals dunkel vor ihnen aufglänzte. Das Boot schob sich unter überhängenden Bäumen hindurch, dann bremste es, so dass sich Bonnet über das Dollbord ziehen konnte und spritzend und triefend wieder an Bord kam.
Ein markerschütternder Schrei erscholl so dicht in ihrer Nähe, dass Brianna hämmernden Herzens zusammenfuhr, bevor sie begriff, dass es nur ein Vogel irgendwo im Sumpf war. Ansonsten war die Nacht still bis auf das gedämpfte, rhythmische Plätschern der Ruder.
Sie hatten Josh und die Fulani-Männer mit in das Boot gesetzt; Josh saß zu ihren Füßen, eine geduckte schwarze Gestalt. Er zitterte; sie konnte es spüren. Sie zog ein Stück ihres Umhangs unter sich hervor, legte es über ihn und legte ihm darunter die Hand auf die Schulter, um ihm Mut zu spenden, sofern sie das konnte. Eine Hand hob sich, legte sich sanft auf die ihre und drückte zu, und auf diese Weise verbunden fuhren sie langsam in die unbekannte Finsternis unter den tropfnassen Bäumen.
Es wurde hell am Himmel, als das Boot eine kleine Anlegestelle erreichte. Rosagefärbte Wolkenstreifen zogen sich über den Horizont. Bonnet sprang hinaus und hielt ihr die Hand entgegen. Widerstrebend ließ sie Josh los und stand auf.
Ein Haus stand halb verborgen zwischen den Bäumen. Es war aus grauen Brettern gezimmert und schien in den Resten des Nebels zu versinken, als sei es nicht ganz echt und könnte jeden Moment verschwinden.
Doch der Gestank, den der Wind mitbrachte, war überaus real. Sie hatte ihn noch nie selbst gerochen, hatte aber einmal gehört, wie ihre Mutter ihn lebhaft beschrieb, und erkannte ihn auf Anhieb – den Geruch eines Sklavenschiffs, das vor der Insel vor Anker lag. Josh erkannte ihn ebenfalls; sie hörte, wie er plötzlich aufkeuchte und dann in hastiges Gemurmel verfiel – er betete das »Ave-Maria« auf Gälisch, so schnell er konnte.
»Bring die drei zu den anderen in die Umzäunung«, befahl Bonnet dem Seemann. Er schubste Josh auf ihn zu und wies mit einer Geste auf die Fulani. »Dann fahr zum Schiff zurück. Sagt Mr. Orden, wir legen in vier Tagen nach England ab; er kümmert sich um die Vorräte. Kommt mich am Samstag holen, eine Stunde vor der Flut.«