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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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Der Kalfaktor verzog fröhlich das Gesicht. »Werd’s schon machen, Herr Graf!« Er strahlte. »So was von einem echten, goldenen Wiener Humor!«

Das Essen kam. Der Student lud Kern ein. Der wollte anfangs nicht. Er sah die Juden mit ernsten Gesichtern das Spülwasser essen. »Seien Sie ein Verräter! Das ist modern!« ermunterte ihn der Student. »Und außerdem ist das hier ein Essen unter Kartenspielern.«

Kern setzte sich nieder. Das Gulasch war gut, und schließlich hatte er keinen Paß und war zudem ein Mischling.

»Weiß Ihr Vater, daß Sie hier sind?« fragte er.

»Lieber Gott!« Der Blonde lachte. »Mein Vater! Der hat ein Weißwarengeschäft in Linz.«

Kern sah ihn überrascht an.

»Mein Lieber«, sagte der Student ruhig. »Sie scheinen noch nicht zu wissen, daß wir im Zeitalter des Bluffs leben. Die Demokratie ist durch die Demagogie abgelöst worden. Eine natürliche Folge. Prost!«

Er entkorkte das Zwetschgenwasser und bot dem Studenten mit der Brille ein Glas an.

»Danke, ich trinke nicht«, erwiderte der verlegen.

»Natürlich! Hätte ich mir denken können!« Der Blonde kippte das Glas selbst herunter. »Schon deshalb werden die andern euch ewig verfolgen! Wie ist es mit uns beiden, Kern? Wollen wir die Flasche leermachen?«-»Ja.«

Sie tranken die Flasche aus. Dann legten sie sich auf die Pritschen. Kern glaubte, er könne schlafen. Aber er wachte alle Augenblicke wieder auf. Verdammt, was haben sie mit Ruth gemacht, dachte er. Und wie lange werden sie mich hier einsperren?

Er bekam zwei Monate Gefängnis. Körperverletzung, Aufruhr, Widerstand gegen die Staatsgewalt, wiederholter, illegaler Aufenthalt – er wunderte sich, daß er nicht zehn Jahre bekam.

Er verabschiedete sich von dem Blonden, der um dieselbe Zeit freigelassen wurde. Dann führte man ihn nach unten. Er mußte seine Sachen abgeben und erhielt Gefängniskleidung. Während er unter der Dusche stand, fiel ihm ein, daß es ihn einmal bedrückt hatte, als man ihm Handschellen anlegte. Es schien ihm endlos lange her zu sein. Jetzt fand er die Gefängniskleidung nur praktisch; er schonte so seine Privatsachen.

Seine Mitgefangenen waren ein Dieb, ein kleiner Defraudant und ein russischer Professor aus Kasan, der als Landstreicher eingesperrt worden war. Alle vier arbeiteten in der Schneiderei des Gefängnisses.

Der erste Abend war schlimm. Kern erinnerte sich an das, was Steiner ihm damals gesagt hatte – daß er sich gewöhnen werde. Aber er saß trotzdem auf seiner Pritsche und starrte gegen die Wand.

»Sprechen Sie Französisch?« fragte ihn der Professor plötzlich von seiner Pritsche her.

Kern schreckte auf. »Nein.«

»Wollen Sie es lernen?«

»Ja. Wir können gleich anfangen.«

Der Professor stand auf. »Man muß sich beschäftigen, wissen Sie! Sonst fressen einen die Gedanken auf.«

»Ja.« Kern nickte. »Ich kann es außerdem gut gebrauchen. Ich werde wohl nach Frankreich müssen, wenn ich ’rauskomme.«

Sie setzten sich nebeneinander auf die Ecke der unteren Pritsche. Über ihnen rumorte der Defraudant. Er hatte einen Bleistiftstummel und bemalte die Wände mit schweinischen Zeichnungen. Der Professor war sehr mager. Die Gefängniskluft war ihm viel zu weit. Er hatte einen roten, wilden Bart und ein Kindergesicht mit blauen Augen. »Fangen wir an mit dem schönsten und vergeblichsten Wort der Welt«, sagte er mit einem wunderschönen Lächeln ohne jede Ironie -»mit dem Wort Freiheit – la liberté.«

KERN LERNTE VIEL in dieser Zeit. Nach drei Tagen konnte er bereits beim Spazierengehen auf dem Hof mit den Gefangenen vor und hinter sich sprechen, ohne die Lippen zu bewegen. In der Schneiderei memorierte er auf dieselbe Weise eifrig mit dem Professor französische Verben. Abends, wenn er müde vom Französischen war, brachte ihm der Dieb bei, aus einem Draht Dietriche zu machen und wachsame Hunde zu beschwichtigen. Er lehrte ihn auch die Reifezeiten aller Feldfrüchte und die Technik, unbemerkt in Heuschober zu kriechen, um dort zu schlafen. Der De-fraudant hatte einige Hefte der »Eleganten Welt« eingeschmuggelt. Es war außer der Bibel das einzige, was sie zu lesen hatten, und sie lernten daraus, wie man sich bei diplomatischen Empfängen zu kleiden hatte und wann man zum Frack eine rote oder eine weiße Nelke zu tragen hatte. Leider war der Dieb in einem Punkte unbelehrbar; er behauptete, zum Frack gehöre eine schwarze Krawatte – er habe es in genug Lokalen bei Kellnern gesehen.

Als sie am Morgen des fünften Tages herausgeführt würden, stieß der Kalfaktor Kern so heftig an, daß er gegen die Wand taumelte. »Paß auf, du Esel!« brüllte er.

Kern tat, als ob er sich nicht auf den Füßen halten könnte. Er wollte auf diese Weise den Kalfaktor gegen das Schienbein treten, ohne daß er bestraft werden konnte. Es hätte dann wie ein Zufall ausgesehen. Doch bevor es dazu kam, zupfte der Kalfaktor ihn am Ärmel und flüsterte:»Melde dich in einer Stunde zum Austreten. Sag, du hast Bauchkrämpfe. Vorwärts!« schrie er dann. »Meinst du, wir können auf dich warten?«

Kern überlegte während des Spazierganges, ob der Kalfaktor ihn mit irgend etwas ’reinlegen wollte. Beide konnten sich nicht leiden. Er besprach die Sache nachher lautlos flüsternd in der Schneiderei mit dem Dieb, der Gefängnisfachmann war.

»Austreten kannst du immer«, erklärte der. »Das ist dein menschliches Recht. Damit kann er dir nichts machen. Manche treten öfter aus, manche weniger, das ist die Natur. Aber paß nachher auf.«

»Gut. Mal sehen, was er will. Auf jeden Fall ist es eine Abwechslung.«

Kern simulierte Bauchschmerzen, und der Kalfaktor führte ihn hinaus. Er brachte ihn zum Lokus und sah sich um. »Zigarette?« fragte er.

Es war verboten zu rauchen. Kern lachte. »Das ist es also! Nein, mein Lieber, damit kriegst du mich nicht.«

»Ach, halt’s Maul. Meinst du, ich will dich ’reinlegen? Kennst du Steiner?«

Kern starrte den Kalfaktor an. »Nein«, sagte er dann. Er vermutete, daß es eine Falle war, um Steiner zu fangen.

»Du kennst Steiner nicht?«

»Nein.«

»Schön, dann paß auf. Steiner läßt dir sagen, daß Ruth in Sicherheit ist. Du brauchst keine Sorge zu haben. Wenn du herauskommst, sollst du dich nach der Tschechei ausweisen lassen und zurückkommen. Kennst du ihn nun?«

Kern spürte plötzlich, daß er zitterte. »Jetzt eine Zigarette?« fragte der Kalfaktor.

Kern nickte. Der Kalfaktor zog eine Schachtel Memphis und ein Paket Streichhölzer aus der Tasche. »Hier, nimm! Von Steiner. Wenn du erwischt wirst, hast du sie nicht von mir gekriegt. Und nun setz dich da hinein und rauch eine. Blas den Rauch in die Brille. Ich gebe draußen acht.«

Kern setzte sich auf die Brille. Er nahm eine Zigarette heraus, brach sie in zwei Teile und zündete die eine Hälfte an. Er rauchte langsam und tief. Ruth war in Sicherheit. Steiner paßte auf. Er starrte auf die schmutzige Wand mit den obszönen Zeichnungen und glaubte, es sei der schönste Raum der Welt.

»Warum hast du mir denn nicht gesagt, daß du Steiner kennst?« sagte der Kalfaktor zu ihm, als er wieder herauskam.

»Nimm eine Zigarette«, sagte Kern.

Der Kalfaktor schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage!«

»Woher kennst du ihn denn?« fragte Kern.

»Er hat mich einmal aus einem Senf herausgeholt. Verdammter Senf. Nun komm!«

Sie gingen zurück in die Schneiderei. Der Professor und der Dieb sahen Kern an. Er nickte und setzte sich. »In Ordnung?« fragte der Professor lautlos.

Kern nickte wieder.

»Also weiter«, flüsterte der Professor in seinen roten Bart. »Aller. Unregelmäßiges Verb. Je vais, tu vas, il…«

»Nein«, erwiderte Kern. »Heute wollen wir ein anderes nehmen. Was heißt: lieben?«

»Lieben? Aimer. Aber das ist ein regelmäßiges Verb…«

»Eben deshalb«, sagte Kern.

DER PROFESSOR WURDE nach vier Wochen entlassen. Der Dieb nach sechs; der Defraudant ein paar Tage später. Er versuchte, Kern in den letzten Tagen zur Homosexualität zu bekehren; aber Kern war kräftig genug, ihn sich vom Leibe zu halten. Er schlug ihn einmal mit dem kurzen Geraden des blonden Studenten k. o.; dann hatte er Ruhe.

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