Liebe Deinen Nächsten
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Liebe Deinen Nächsten». Краткое содержание книги:
Der Blonde schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Ich war der letzte. An mich gingen sie nur zögernd ’ran.«
»Bestimmt nicht?«
»Nein. Dann wären sie auch hier. Wir sind ja vorläufig noch auf der Wachstube.«
Kern atmete auf. Vielleicht war Ruth nichts passiert.
Der blonde Student betrachtete ihn ironisch. »Katzenjammer, was? Geht einem immer so, wenn man unschuldig ist. Besser, man hat einen Grund für das, was einem passiert. Sehen Sie, der einzige, der nach gutem, altem Recht hier sitzt, bin ich. Ich habe mich freiwillig eingemischt. Deshalb bin ich auch fröhlich.«
»Es war anständig von Ihnen.«
»Ach, anständig!« Der Blonde machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich bin ein alter Antisemit. Aber bei so einer Schlächterei kann man doch nicht zuschauen. Sie haben übrigens einen schönen, kurzen Geraden geschlagen. Trocken und schnell. Irgendwann boxen gelernt?«
»Nein.«
»Dann sollten Sie es lernen. Sie haben gute Anlagen. Sind nur viel zu hitzig. Wenn ich der Papst der Juden wäre, würde ich ihnen jeden Tag eine Stunde Boxen verordnen. Solltet sehen, wie die Brüder Respekt vor euch kriegten.«
Kern griff sich vorsichtig an den Kopf. »Mir ist im Moment nicht nach Boxen zumute.«
»Gummiknüppel«, erklärte der Student sachlich. »Unsere brave Polizei. Immer auf der Seite der Sieger. Heute abend ist Ihr Schädel besser. Dann fangen wir an zu üben. Irgendwas müssen wir ja zu tun haben.« Er zog die langen Beine auf die Pritsche und sah sich um. »Zwei Stunden sind wir nun schon hier! Verdammt langweilige Bude! Wenn wir wenigstens ein Spiel Karten hätten! Schwarzen Peter kann doch irgendeiner spielen.« Er musterte die jüdischen Studenten verächtlich.
»Ich habe ein Spiel bei mir.« Kern griff in die Tasche. Steiner hatte ihm damals das Spiel des Taschendiebes geschenkt. Er trug es seitdem stets als eine Art von Amulett mit sich.
Der Student sah ihn anerkennend an. »Alle Achtung! Aber sagen Sie mir jetzt nur nicht, daß Sie Bridge spielen! Alle Juden spielen Bridge, sonst nichts.«
»Ich bin Halbjude. Ich spiele Skat, Tarock, Jaß und Poker«, erwiderte Kern mit einem Anflug von Stolz.
»Erstklassig. Da sind Sie mir über. Jaß kann ich nicht.«
»Es ist ein Schweizer Spiel. Ich werde es Ihnen beibringen, wenn Sie wollen.«
»Gut. Ich gebe Ihnen dann dafür Ihre Boxlektion. Austausch geistiger Werte.«
Sie spielten bis abends. Die jüdischen Studenten unterhielten sich inzwischen über Politik und Gerechtigkeit. Sie kamen zu keinem Resultat. Kern und der Blonde spielten zuerst Jaß; später Poker. Kern gewann im Poker sieben Schilling. Er war ein guter Schüler Steiners geworden. Sein Kopf wurde allmählich klarer. Er vermied es, an Ruth zu denken. Er konnte nichts für sie tun; Grübeln allein hätte ihn schwach gemacht. Und er wollte seine Nerven zusammen haben für die Vernehmung vor dem Richter.
Der Blonde warf die Karten zusammen und zahlte Kern aus. »Jetzt kommt der zweite Teil«, sagte er. »Los! ’ran, um ein zweiter Dempsey zu werden.«
Kern stand auf. Er war noch sehr schwach. »Ich glaube, es geht nicht«, sagte er. »Mein Kopf verträgt noch keinen zweiten Schlag.«
»Ihr Kopf war klar genug, mir sieben Schilling abzunehmen«, erwiderte der Blonde grinsend. »Vorwärts, überwinden Sie den inneren Schweinehund! Lassen Sie das arische Raufboldblut in sich sprechen! Geben Sie der humanen jüdischen Hälfte einen Stoß!«
»Das tue ich schon seit einem Jahr.«
»Ausgezeichnet. Also schonen wir vorerst den Kopf. Fangen wir mit den Beinen an. Die Hauptsache beim Boxen ist die Leichtigkeit der Füße. Sie müssen tänzeln. Tänzelnd schlägt man dem Gegner die Zähne ein. Angewandter Nietzsche!«
Der Blonde stellte sich in Positur, wiegte sich in den Knien und machte eine Anzahl Wechselschritte vorwärts und zurück. »Machen Sie das nach.« Kern machte es nach.
Die jüdischen Studenten hatten aufgehört zu diskutieren. Einer von ihnen, mit einer Brille, stand auf. »Würden Sie mich auch unterrichten?« fragte er.
»Natürlich! Brille ’runter und ’ran!« Der Blonde klopfte ihm auf die Schulter. »Altes Makkabäerblut, rausche auf!«
Es meldeten sich noch zwei Schüler. Die übrigen blieben abweisend, aber neugierig auf den Pritschen sitzen.
»Zwei nach rechts, zwei nach links!« dirigierte der Blonde. »Und nun auf, zum Blitzkurs! Jahrtausendelang vernachlässigte Erziehung zum Rohling nachholen. Der Arm schlägt nicht – der ganze Körper schlägt…«
Er legte sein Jackett ab. Die andern folgten ihm. Dann begann eine kurze Erklärung der Körperarbeit und eine Probe. Die vier hüpften eifrig in der halbdunklen Zelle herum.
Der Blonde überblickte väterlich seine schwitzende Schülerschar. »So«, erklärte er nach einer Weile,»das kennt ihr nun! Übt es, während ihr eure acht Tage absitzt wegen Aufreizung echter Arier zum Rassenhaß. Nun tief atmen ein paar Minuten! Verschnaufen! Und jetzt zeige ich euch den kurzen Geraden, das federnde Mittelstück der Boxerei!«
Er machte vor, wie man schlagen mußte. Dann nahm er seine Jacke, ballte sie zusammen, hielt sie in Gesichtshöhe und ließ die andern danach schlagen. Als sie mitten im besten Üben waren, ging die Tür auf. Ein Kalfaktor kam herein mit ein paar dampfenden Näpfen. »Das ist doch…« Er stellte die Näpfe rasch ab und schrie zurück:»Wache! Schnell! Die Bande prügelt sich sogar auf der Polizei weiter!«
Zwei Wachleute kamen hereingestürzt. Der blonde Student legte ruhig seine Jacke weg. Die vier Boxschüler hatten sich rasch in die Ecken verdrückt. »Rhinozeros!« sagte der Blonde mit großer Autorität zum Kalfaktor. »Schafskopf! Tepperter Gefängniswedel!« Dann wandte er sich an die Wachleute. »Was Sie hier sehen, ist eine Unterrichtsstunde in moderner Humanität. Ihr Erscheinen, die lechzende Hand am Gummiknüppel, war überflüssig, verstanden?«
»Nein«, sagte einer der Wachleute.
Der Blonde sah ihn mitleidig an. »Körperliche Ertüchtigung. Gymnastik! Freiübungen! Nun verstanden? Soll das da unser Abendessen sein?«
»Klar«, bestätigte der Kalfaktor.
Der Blonde beugte sich über einen der Näpfe und verzog angewidert das Gesicht. »Hinaus damit!« schnauzte er dann plötzlich scharf. »Diesen Dreck wagt ihr hereinzubringen? Spülwasser für den Sohn des Senatspräsidenten? Wollt ihr degradiert werden?« Er blickte die Wachleute an. »Ich werde mich beschweren! Ich wünsche sofort den Bezirksleiter zu sprechen! Führen Sie mich auf der Stelle zum Polizeipräsidenten! Morgen wird mein Vater dem Justizminister euretwegen die Hölle heiß machen!«
Die beiden Wachleute starrten zu ihm auf. Sie wußten nicht, ob sie grob werden konnten oder vorsichtig sein mußten. Der Blonde fixierte sie. »Herr«, sagte schließlich der ältere vorsichtig,»das hier ist die normale Gefängniskost.«
»Bin ich im Gefängnis?« Der Blonde war eine einzige Beleidigung. »Ich bin in Haft! Kennen Sie den Unterschied nicht?«
»Doch, doch…« Der Wachmann war sichtlich eingeschüchtert. »Sie können sich natürlich selbst verköstigen, mein Herr! Das ist Ihr Recht. Wenn Sie bezahlen wollen, kann der Kalfaktor Ihnen ein Gulasch holen…«
»Endlich ein vernünftiges Wort!« Die Haltung des Blonden milderte sich.
»Und vielleicht ein Bier dazu…«
Der Blonde sah den Wachmann an. »Sie gefallen mir! Ich werde mich für Sie verwenden! Wie ist Ihr Name?«
»Rudolf Egger.«
»Recht so! Weitermachen!« Der Student zog Geld aus der Tasche und gab es dem Kalfaktor. »Zwei Rindsgulasch mit Erdäpfeln. Eine Flasche Zwetschgenwasser…«
Der Wachmann Rudolf Egger öffnete den Mund. »Alkoholische…«
»Sind erlaubt«, vollendete der Blonde. »Zwei Flaschen Bier, eine für die Wachleute, eine für uns!«
»Danke vielmals, küß’ die Hand!« sagte Rudolf Egger.
»Wenn das Bier nicht frisch und eiskalt ist«, erklärte der Sohn des Senatspräsidenten dem Kalfaktor,»säge ich dir einen Fuß ab. Wenn es gut ist, behältst du den Rest des Geldes.«