Liebe Deinen Nächsten
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Liebe Deinen Nächsten». Краткое содержание книги:
»ALSO, KINDER«, SAGTE Steiner,»lauft los! Aber seid um ein Uhr wieder hier zum Essen. Es gibt heiße Piroggen, die heilige russische Nationalspeise. Nicht wahr, Lilo?«
Lilo nickte.
Kern und Ruth gingen über die Wiese hinter der Schießbude entlang, dem Lärm der Karussells zu. Die Lichter und die Musik des großen Platzes schlugen ihnen wie eine helle, strahlende Woge entgegen und überstürzten sie mit dem Gischt gedankenloser Fröhlichkeit.
»Ruth!« Kern nahm ihren Arm. »Du sollst heute einen großen Abend haben! Mindestens fünfzig Schilling werde ich für dich ausgeben.«
»Das wirst du nicht!« Ruth blieb stehen.
»Doch! Ich werde fünfzig Schilling für dich ausgeben. Aber so wie das Deutsche Reich. Ohne sie zu haben. Du wirst es sehen. Komm!«
Sie gingen zur Geisterbahn. Es war ein Riesenkomplex mit hoch in die Luft gebauten Schienen, über die kleine Wagen voll Gelächter und Geschrei sausten. Vor dem Eingang stauten sich die Menschen. Kern drängte sich durch und zog Ruth hinter sich her. Der Mann an der Kasse sah ihn an. »Hallo, George«, sagte er. »Auch wieder da? Geht hinein!«
Kern öffnete die Tür eines der niedrigen Wagen. »Steig ein!«
Ruth sah ihn überrascht an.
Kern lachte. »Es ist so! Reine Zauberei! Wir brauchen nicht zu bezahlen.«
Sie sausten los. Der Wagen stieg steil empor und stürzte dann in einen finsteren Tunnel. Ein kettenbeladenes Ungeheuer erhob sich wimmernd und griff nach Ruth. Sie schrie auf und drückte sich an Kern. Im nächsten Augenblick öffnete sich ein Grab, und eine Anzahl Skelette rasselte mit ihren Knochen einen monotonen Trauermarsch. Gleich darauf schoß der Wagen aus dem Tunnel heraus, wirbelte durch eine Kurve und stürzte aufs neue in einen Schacht. Ein anderer Wagen raste ihnen entgegen, zwei aneinandergedrückte Menschen saßen darin, die sie erschreckt anstarrten, ein Zusammenstoß schien unvermeidlich – da schleuderte der Wagen durch eine Kurve, das Spiegelbild verschwand, und sie flogen in eine dampfende Höhle, in der feuchte Hände über ihre Gesichter glitten.
Sie überfuhren noch einen letzten, wimmernden Greis, dann kamen sie wieder ans Tageslicht, und der Wagen hielt an. Sie stiegen aus. Ruth strich sich über die Augen. »Wie schön das alles plötzlich ist!« sagte sie und lächelte. »Das Licht, die Luft – daß man atmet und gehen kann…«
»Warst du schon einmal im Flohzirkus?« fragte Kern.
»Nein.«
»Dann komm!«
»Servus, Charlie!« sagte die Frau am Eingang zu Kern. »Ausgehtag heut? Geht hinein! Wir haben gerade Alexander II. drin.«
Kern sah Ruth vergnügt an. »Wieder umsonst!« erklärte er. »Komm!«
Alexander II. war ein ziemlich starker, rötlicher Floh, der zum erstenmal frei vor dem Publikum arbeitete. Der Dompteur war etwas nervös; Alexander II. war bisher nur als vorderes linkes Pferd eines Viererzuges tätig gewesen und hatte ein ungestümes, unberechenbares Temperament. Das Publikum, das mit Ruth und Kern aus fünf Personen bestand, beobachtete ihn gespannt.
Aber Alexander II. arbeitete tadellos. Er ging wie ein Traber; er kletterte und turnte am Trapez, und sogar sein Glanzstück frei an der Balancierstange verrichtete er, ohne auch nur einmal zur Seite zu schielen.
»Bravo, Alfons!« Kern schüttelte dem stolzen Dompteur die zerstochene Hand.
»Danke. Wie hat es Ihnen gefallen, meine Dame?«
»Es war wunderbar.« Ruth schüttelte ihm ebenfalls die Hand. »Ich verstehe nicht, wie Sie das überhaupt fertigbringen.«
»Es ist ganz einfach. Alles Dressur. Und Geduld. Mir hat einmal einer gesagt, man könne sogar Steine dressieren, wenn man genug Geduld hätte.« Der Dompteur machte verschmitzte Augen. »Weißt du, Charlie, bei Alexander II. war ein kleiner Trick dabei. Ich habe das Vieh vor der Vorstellung eine halbe Stunde an der Kanone ziehen lassen. An dem schweren Mörser. Davon ist er müde geworden. Und müde macht willig.«
»An der Kanone?« fragte Ruth. »Haben denn selbst die Flöhe schon Kanonen?«
»Sogar schwere Feldartillerie.« Der Dompteur ließ Alexander II. einen herzhaften Belohnungsbiß an seinem Unterarm tun. »Es ist halt einmal das populärste, meine Dame. Und populär bringt Geld!«
»Sie schießen aber nicht aufeinander«, sagte Kern. »Sie rotten sich nicht aus – darin sind sie vernünftiger als wir.«
Sie gingen zur mechanischen Autorennbahn.
»Grüß dich Gott, Peperl!« heulte der Mann am Eingang, durch das metallene Getöse. »Nehmt Nummer sieben, die rammt gut!«
»Hältst du mich nicht allmählich für den Bürgermeister von Wien?« fragte Kern Ruth.
»Für viel mehr; für den Besitzer des Praters.«
Sie sausten los, stießen mit andern zusammen und waren bald mitten im Wirbel. Kern lachte und ließ das Steuer los; Ruth versuchte ernsthaft, mit zusammengezogenen Augenbrauen, weiter-zulenken. Schließlich ließ sie es, wandte sich an Kern, wie entschuldigend, und lächelte – das seltene Lächeln, das ihr Gesicht erhellte und weich und kindlich machte. Man sah dann plötzlich den roten, vollen Mund und nicht mehr die schweren Augenbrauen.
Sie machten noch die Runde durch ein halbes Dutzend Buden und Etablissements – von den rechnenden Seelöwen bis zum indischen Zukunftsdeuter; nirgendwo brauchten sie etwas zu zahlen. »Du siehst«, sagte Kern stolz,»sie verwechseln zwar meinen Namen überall; aber wir haben freien Eintritt. Das ist die höchste Form der Volkstümlichkeit.«
»Werden wir auch beim großen Riesenrad umsonst ’reingelassen?« fragte Ruth.
»Bestimmt! Als Künstler Direktor Potzlochs. Sogar mit besonderen Ehren. Komm, wir gehen sofort hin.«
»Servus, Schani«, sagte der Mann an der Kasse. »Mit Fräulein Braut?«
Kern nickte, errötete und blickte Ruth nicht an.
Der Mann nahm zwei bunte Postkarten von einem Haufen, der neben ihm lag, und überreichte sie Ruth. Es waren Abbildungen des Riesenrades mit dem Panorama von Wien. »Zur Erinnerung, mein Fräulein.«
»Danke vielmals.«
Sie stiegen in einen der Wagen und setzten sich ans Fenster. »Das mit der Braut habe ich so hingehen lassen«, sagte Kern. »Es hätte zu lange gedauert, ihm das zu erklären.«
Ruth lachte. »Dafür haben wir ja die besonderen Ehren. Unsere Postkarten. Wir wissen nur beide nicht, wem wir sie schicken sollten.«
»Nein«, sagte Kern. »Ich weiß niemand. Und die, die ich wüßte, haben keine Adresse.«
Der Wagen schwebte langsam empor, und unter ihm entfaltete sich allmählich, wie ein großer Fächer, das Panorama von Wien. Zuerst der Prater mit den hellen Schnüren der erleuchteten Alleen, die wie doppelreihige Perlenstränge über dem dunklen Nacken des Waldes lagen – dann, wie ein riesiger Schmuck aus Smaragden und Rubinen, der bunte Glanz der Budenstadt – und endlich, mit allen Lichtern, unübersehbar fast, die Stadt und dahinter der schmale, dunkle Rauch der Höhenzüge.
Sie waren allein in dem Wagen, der in sanfter Kurve immer weiter stieg und dann nach links hinüberglitt – und es schien ihnen plötzlich, als wäre es kein Wagen mehr – als säßen sie in einem lautlosen Aeroplan und unter ihnen drehte sich langsam die Erde fort – als gehörten sie gar nicht mehr zu ihr, als wären sie in einem Geisterflugzeug, das nirgendwo mehr einen Landeplatz hatte und unter dem tausend Heimaten vorüberzogen, tausend erleuchtete Häuser und Stuben, abendliches Heimkehrlicht bis zu den Horizonten, Lampen und Wohnungen und schirmende Dächer darüber, die riefen und lockten, und keines war das ihre. Sie schwebten darüber im Dunkel der Heimatlosigkeit, und alles, was sie anzünden konnten, war die trostlose Kerze der Sehnsucht…
Die Fenster des Wohnwagens standen weit offen. Es war schwül und sehr still. Lilo hatte eine bunte Decke über das Bett und einen alten Samtvorhang aus der Schießbude über Kerns Lager gebreitet. Im Fenster schwankten zwei Lampions.
»Venezianische Nacht der Nomaden von heute«, sagte Steiner. »Wart ihr im kleinen Konzentrationslager?«
»Was meinst du?«
»Die Geisterbahn.«