Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Vom anderen Ende der Welt - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Vom anderen Ende der Welt

Электронная книга - «Vom anderen Ende der Welt». Краткое содержание книги:

Informationen zum Buch
»Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schlägt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine Hände schaust und die Frau in mir siehst.«
England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet ...
1 ... 30 31 32 33 34 35 36 37 38 ... 89
Перейти на страницу:

Die Zeit schien sich zu dehnen, und Carl vergaß das Atmen. Sein Mund öffnete sich, schnappte nach Luft und schloss sich wieder.

Franklin vergrub das Gesicht in seinen Händen. »Es ist mir so unangenehm, dass mir ein solcher Fehler … ausgerechnet mir …«, stammelte er.

Marc Middleton. Der Name dröhnte in Carls Schädel und klang dabei hohl und dürr. Er ergriff die Karaffe und lauschte dem Wasser, das er in ein Glas goss. Zu gern wäre er aufgesprungen, hätte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, dieses Frauenzimmer zu sich zitiert und gebrüllt, dass er … Ja, was hätte er ihr entgegengebrüllt? Ruckartig setzte er die Karaffe ab, ließ das Glas stehen und lehnte sich zurück. Er schloss die Augen.

»Ihr Name ist Mary Linley«, sagte Franklin in das Schweigen hinein.

Carl riss die Augen wieder auf. »Sie ist die Tochter des Arztes und Botanikers aus Plymouth?«

Franklin nickte.

»Ihr Vater ist tot, bei Kap Hoorn ist er umgekommen. Und jetzt denkt sie, sie kann an seiner Stelle durch die Welt reisen?«

»Ja, das trifft es in etwa. Ihr Vater hat sie ausgebildet und an seinen Forschungen teilhaben lassen. Nach seinem Tod sah sie keine andere Möglichkeit, als sich dieses Mittels zu bedienen.«

»Von welchem Mittel sprichst du? Dass sie sich als Mann ausgibt und uns zum Narren hält?«

»Uns war sie bisher, hier auf dem Schiff, eine anständige Gefährtin«, erwiderte Franklin.

Carl sprang auf und stieß in der Enge der Kajüte schon beim ersten Schritt gegen die Beine seines Gehilfen. Nicht nur Franklin und ihn hatte sie zum Narren gehalten, nein, auch die Navy, den Kapitän, die Besatzung, sie allesamt hatte sie für dumm verkauft. Sicher hatte er davon gehört, dass es immer wieder Frauen gab, die sich als Matrosen auf Schiffen einschleusten, sogar von Piratinnen erzählte man sich. Dass sich Frauen aber nun in die Wissenschaft einschleusten, und das ausgerechnet bei ihm, brachte ihn zur Weißglut. Er hatte nichts gegen Frauen, er hatte nicht einmal etwas gegen denkende Frauen einzuwenden. Hätte sie ihn in ihren Plan eingeweiht, ja, er wäre durchaus bereit gewesen, sich zu überlegen, eine Frau als Mann verkleidet an Bord zu nehmen. Alles war vorstellbar. Doch die Summe der Lügen, die sie angehäuft hatte, war unvorstellbar. Er war Wissenschaftler, auf der Suche nach der Wahrheit, die in den Dingen steckte. Lügner konnte er dabei nicht gebrauchen.

Du wärst auch ein Lügner gewesen, wenn du sie als Mann verkleidet mit an Bord genommen hättest, lachte eine Stimme in seinem Kopf auf.

Erneut stieß Carl gegen Franklins Beine. Aus seinen Gedanken gerissen, blieb er stehen, die Arme auf dem Rücken verschränkt und sah auf die wild umherstehenden Locken seines Gehilfen hinab. »Nein, so einfach ist das nicht, so einfach ist das nicht. Sie hat uns betrogen, und das wiegt schwerer als die geleistete Arbeit. Bei einem Matrosen, der Nägel aus den Wänden zieht, um sie auf einer Insel gegen ungezügeltes Vergnügen einzutauschen, würde auch niemand geltend machen, dass er bisher gute Arbeit geleistet hat. Der Kapitän würde die ihm zustehende Leibstrafe verhängen.«

Er wartete, aber Franklin bewegte sich nicht und schwieg.

Wie sie wohl im Kleid und mit langem Haar aussehen mag? Carls Faust krachte auf den Tisch, dass es schmerzte. Was ging es ihn an, wie sie hübsch zurechtgemacht aussehen würde. Kaum war eine Frau an Bord, und schon irrten seine Gedanken umher.

»Wissenschaft ist«, setzte er erneut an, »die Erweiterung von Wissen durch Forschung. Soweit sind wir uns einig, ja?«

Immer noch regte sich Franklin nicht. Still saß er auf dem Rand der Koje und ließ ihn nicht aus den Augen.

Carls Stimme wurde drohend. »Forschung ist die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen. Hiermit meinen wir ihre Dokumentation, eine systematische Aufarbeitung der Ergebnisse und deren Veröffentlichung. Prinzipiell soll also jedermann die Forschungsergebnisse nachvollziehen und für sich nutzbar machen können. Und was, denkst du, hat all das mit einer Frau zu tun, die in Hosen durch die Welt läuft? Die jedermann über ihre Identität belügt? Was haben diese kümmerlichen Lügen mit der reinen und wahrhaftigen Wissenschaft zu tun?«

Noch immer erwiderte sein Gehilfe nichts.

»Seit wann weißt du es?«

»Seit heute morgen. Direkt nach der Entdeckung habe ich die Kajüte verlassen, mir fehlten die Worte, ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nachdem ich auf dem Deck Luft geholt hatte, bin ich wieder zurückgekehrt. Ich wollte wissen, wer sie ist. Sie sitzt in der Kajüte und wartet. Was machen wir jetzt?«

»Ich werde jetzt auch erst einmal an Deck verschwinden. Ein paar Runden zu laufen kann nicht schaden. Und du solltest dir überlegen, was du jetzt zu unternehmen gedenkst«, sagte Carl und warf die Tür hinter sich zu.

San Jago, 21. August 1785

Anpassung bedeutete Täuschung. Der Falter, der sich über Populationen hinweg an eine Baumrinde, vielleicht auch an einen schlammigen Untergrund angepasst und so seine Überlebenschancen erhöht hatte, war nichts von alledem. Er war weder Rinde noch Teil des Baumes, er war weder Schlamm noch Wasser. Er war eine Täuschung. Sobald man ihn enttarnte und er sich flügelschlagend erhob, wurde es sichtbar:

Er war ein Falter.

So wie Mary eine Frau war.

Es war noch nicht einmal Ende August, kaum vier Wochen war sie unterwegs, und Franklin hatte sie enttarnt.

Auf dem Schiff würde sich die Kunde verbreiten, dass eine Kopie, eine schlechte dazu, eine billige Täuschung unter ihnen weilte. Die Männer würden erfahren, wer sie die letzten Wochen zum Narren gehalten hatte.

Sie würden sie in Gewahrsam nehmen und darüber entscheiden, wie es mit ihr weiterginge. Würden sie eine Frau, die sich als Mann ausgab, auch wie einen Mann bestrafen?

Würden sie an ihr die neunschwänzige Katze ausprobieren? Würden sie die aus ledernen Schnüren gebundene Peitsche das erste Mal auf dieser Fahrt aus dem Beutel nehmen und ihr den Rücken blutig schlagen? Wenn sie sich dafür entschieden, würden sie die Schläge in Rautenform ansetzen, erst von links und dann von rechts peitschen lassen, bis sich das Fleisch in Fetzen von den Knochen löste.

Schritte. Schwer und schleppend kamen sie den Flur herab und gingen doch vorüber. Fast wäre Mary aufgesprungen und hätte die Tür aufgerissen, um den Vorübergehenden zu beschwören: »Kehrt um. Nehmt mich mit. Führt mich zum Kapitän und macht der Ungewissheit ein Ende, aber lasst mich hier nicht mehr allein.«

Stattdessen war sie in Gesellschaft ihrer Gedanken geblieben und hatte gewartet.

Das Schiff hatte inzwischen San Jago erreicht und war dabei, in der Bucht von Porto-Praya vor Anker zu gehen. Bald darauf wurde es still an Bord, nur das Schlagen der Wellen, die auf die Küste klatschten, war zu vernehmen. Ein eintöniges, tückisches Klatschen, das die Nerven reizte.

Mary schob die Tür auf und schaute in den Flur hinaus. Niemand war zu sehen. Zögerlich verließ sie die Kajüte.

Auf dem Achterdeck eilte ihr der Astronom entgegen, er rieb sich die Stirn, hielt den Kopf gesenkt und murmelte Unverständliches.

Vielleicht würde er sie, verfangen in seinen Gedanken, nicht wahrnehmen, hoffte Mary und schaute über ihn hinweg auf die Insel hinaus.

Doch der hagere Mann blieb vor ihr stehen, ließ die Hand sinken und blinzelte. »Ah, Mr. Middleton! Sir Belham bat mich, Euch auszurichten, dass die Herren zu Besuch beim Commandanten im Fort sind. Dort ist derzeit der Generalgouverneur zugegen, und man wird gemeinsam speisen.« Damit schien das Gespräch für ihn beendet, denn er nickte nur, begann erneut an seiner Stirn zu reiben und setzte seinen Weg fort.

Das Schiff schwankte sanft auf den Wellen. Mary ließ den Blick über die Küste Porto-Prayas schweifen, eine der Inseln des grünen Vorgebirges. Steile Felsen vulkanischen Ursprungs, durchsetzt mit verfallenen Festungswerken, verbranntes Gras, ein paar kümmerliche Dattelpalmen. Auch wenn Cabo Verde, das Kap Westafrikas, in seiner Schönheit und Größe, grün und üppig, bei der Namensgebung Pate gestanden hatte, war hier wenig zu entdecken, das dem Auge schmeichelte. Dennoch schien ihr Körper ein Eigenleben zu entwickeln: Alles an ihr gierte danach, festen Boden unter den Füßen zu spüren, die Beine lechzten, auszuholen und zu laufen. Stundenlang zu laufen, selbst wenn das Auge nur Dürre und Staub geboten bekam.

1 ... 30 31 32 33 34 35 36 37 38 ... 89
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)