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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)

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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
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Ein lautes Knacken unterbrach die nun folgende Stille, und ich blickte erschrocken zu Boden. Eine Wolke aus Truthahnfedern umwirbelte meinen Fuß, und Adso flitzte, auf frischer Tat ertappt, aus dem Sprechzimmer, den riesigen Fächer einer abgetrennten Flügelhälfte im Maul.

»Du verflixtes Biest!«, sagte ich.

Kapitel 98

Kluges Kerlchen

Ein kalter Ostwind wehte in der Nacht; Roger konnte hören, wie er beständig an der Wand neben seinem Kopf entlangheulte, deren Ritzen mit Schlamm abgedichtet waren, und wie die sturmgebeutelten Bäume hinter dem Haus schwankten und ächzten. Ein plötzlicher Windstoß traf die Ölhaut, mit der das Fenster bespannt war; sie blähte sich mit einem heftigen Krack! nach innen und löste sich an einer Seite. Der rauschende Luftzug wehte einige seiner Papiere vom Tisch und neigte die Kerzenflamme in einem alarmierenden Winkel zur Seite.

Roger schob die Kerze hastig an eine ungefährlichere Stelle und drückte die Ölhaut mit der Handfläche an die Wand, während er hinter sich blickte, um zu sehen, ob seine Frau und sein Sohn von dem Geräusch wach geworden waren. Ein Küchentuch bewegte sich an seinem Nagel neben dem Herd, und die Bespannung seines Bodhrans vibrierte schwach, als der Zug sie berührte. Aus dem abgedeckten Herdfeuer sprang jäh eine Feuerzunge auf, und er sah, wie Brianna sich bewegte, als ihr die kalte Luft über das Gesicht strich.

Doch sie kuschelte sich nur fester in ihre Bettdecke, und ein paar lose rote Haare glommen auf, als der Windhauch sie anhob. Das Rollbett, in dem Jemmy jetzt schlief, stand im Schutz des großen Bettes; aus dieser Ecke des Zimmers kam kein Ton.

Roger atmete die Luft aus, die er angehalten hatte, kramte kurz in der Hornschale herum, die allerlei nützlichen Krimskrams enthielt, und brachte einen unbenutzten Heftnagel zum Vorschein. Er drückte ihn mit dem Handballen fest, und an Stelle des Luftzuges sickerte nur noch ein Hauch von Kälte in den Raum. Dann bückte er sich, um seine Papiere zu retten.

»O will ye let Telfer’s kye gae back?

Or will ye do aught for regard o’ me

Er wiederholte den Text im Kopf, während er die halb getrocknete Tinte von seinem Federkiel abwischte und Kimmie Clellans brüchige, alte Stimme die Worte singen hörte.

Es war ein Lied namens »Jamie Telfer of the Fair Dodhead« – eine jener uralten Räuberballaden, die Dutzende von Strophen hatten und von denen es Dutzende regionaler Versionen gab, die sich in diesem Fall alle um die Versuche des Lowlanders Telfer drehten, sich für einen Überfall auf sein Haus zu rächen, indem er seine Freunde und Verwandten zu Hilfe rief. Roger kannte schon drei verschiedene Versionen, aber Clellan hatte noch eine gesungen – mit einem vollständig neuen Handlungsstrang, in dem es um Telfers Vetter Willie ging.

»Or by the faith of my body, ›quo‹ Willie Scott.

I’se ware my dame’s calfskin on thee

Kimmie hatte Roger erzählt, dass er gern sang, um sich den Abend zu vertreiben oder um die Gastgeber zu unterhalten, deren Feuer er teilte. Er konnte sich noch an all die schottischen Lieder seiner Jugend erinnern und sang sie mit Freuden, so oft ihm noch jemand zuhören mochte, wenn man ihm nur die Kehle so feucht hielt, dass eine Melodie darauf schwimmen konnte.

Der Rest der Gesellschaft im Herrenhaus hatte sich Clellans Repertoire zwei- oder dreimal angehört, im Lauf des vierten Mals zu gähnen und zu blinzeln begonnen, um sich dann schließlich murmelnd zu entschuldigen und stolpernd – en masse – zu Bett zu gehen, so dass Roger den Alten mit noch mehr Whisky bestechen und ihn zu einer weiteren Wiederholung verleiten konnte, bis er sich die Worte fest eingeprägt hatte.

Doch das Gedächtnis war eine flüchtige Angelegenheit, und oft geschah es, dass zufällige Verluste und unbewusste Mutmaßungen an die Stelle von Fakten traten. Es war sehr viel sicherer, wenn man wichtige Dinge zu Papier brachte.

»I winna let the kye gae back,

Neither for thy love, nor yet thy fear …«

Der Federkiel hielt mit sanftem Kratzen ein Wort nach dem anderen fest, um es wie ein Glühwürmchen auf die Seite zu heften. Es war schon sehr spät, und Rogers Muskeln waren vor Kälte und vom langen Sitzen verkrampft, doch er war fest entschlossen, alle neuen Strophen niederzuschreiben, solange sie ihm noch frisch im Gedächtnis waren. Mochte Clellan am Morgen aufbrechen, um von einem Bären gefressen zu werden oder durch Steinschlag umzukommen, Telfers Vetter Willie würde weiterleben.

»But I will drive Jamie Telfer’s kye,

In spite of every Scott that’s …«

Die Kerze knisterte kurz auf, weil die Flamme an eine fehlerhafte Stelle im Docht rührte. Das Licht, das auf sein Papier fiel, wackelte und schwankte, und die Buchstaben verschwanden abrupt in der Dunkelheit, als die Kerzenflamme von einem Lichtfinger zu einem blau glimmenden Zwerg zusammenschrumpfte wie der plötzliche Tod einer Miniatursonne.

Roger ließ die Feder sinken und ergriff mit einem leisen Fluch den irdenen Kerzenhalter. Er blies sanft puffend auf den Docht, um die Flamme wiederzubeleben.

»But Willie was stricken owre the head«, murmelte er vor sich hin und wiederholte beim Pusten die Worte, um sie frisch im Gedächtnis zu behalten. »But Willie was stricken owre the head/And through the knapscap the sword has gane/And Harden grat for very rage/When Willie on the grund lay slain … When Willie on the grund lay slain …«

Genährt von seinem Atem, erhob sich kurz ein zerrupfter, oranger Heiligenschein, doch dann schwand er trotz fortgesetzten Pustens zunehmend dahin und verlosch zu einem roten Leuchtpunkt, der ein paar Sekunden lang spottend vor sich hin glühte, bevor er ganz verschwand. Was blieb, war ein weißes Rauchwölkchen im Halbdunkel des Zimmers und der Duft heißen Bienenwachses in seiner Nase.

Er wiederholte seinen Fluch, diesmal etwas lauter. Brianna bewegte sich im Bett, und er hörte das Maisstroh ächzen, als sie mit einem müden Fragelaut den Kopf hob.

»Ist schon gut«, flüsterte er heiser und warf einen nervösen Blick auf das Rollbett in der Ecke. »Die Kerze ist ausgegangen. Schlaf weiter.«

But Willie was stricken owre the head 

»Ngm.« Ein Plumps und ein Seufzer, als ihr Kopf wieder auf die Gänsedaunen des Kopfkissens traf.

Pünktlich wie die Maurer hob Jemmy den Kopf aus seinem Deckennest, und die dumpfe Glut des Herdfeuers erleuchtete seinen Strahlenkranz aus flammendem Plüsch. Er machte ein Geräusch verwirrten Drängens, nicht ganz ein Jammern, und bevor Roger sich rühren konnte, war Brianna wie eine Lenkrakete aus dem Bett geschossen, hatte den Jungen aus seinem Bettzeug gerissen und fummelte einhändig an seinen Kleidern herum.

»Topf!«, herrschte sie Roger an und tastete blind mit ihrem nackten Fuß hinter sich herum, während sie mit Jemmys Kleidern kämpfte. »Such den Nachttopf! Nur eine Minute, Schätzchen«, gurrte sie Jemmy in abrupt verändertem Ton zu. »Warte nur noch eiiin Minütchen …«

Durch ihren drängenden Ton zu augenblicklichem Gehorsam getrieben, ließ sich Roger auf die Knie sinken und fuhr suchend mit dem Arm durch das schwarze Loch unter dem Bett.

Willie was stricken owre the head … And through the … kneecap? nobskull? Trotz der überwältigenden Dringlichkeit der Lage klammerte sich eine abgelegene Bastion seines Hirns hartnäckig an das Lied, das in seinem inneren Ohr trällerte. Allerdings nur die Melodie – die Worte entglitten ihm rasend schnell.

»Hier!« Er fand den Keramiktopf, stieß ihn unglücklich gegen den Fuß des Bettes – Gott sei Dank zerbrach er nicht! – und kegelte ihn quer über den Fußboden zu Brianna hinüber.

Sie hockte den inzwischen nackten Jemmy mit einem Ausruf der Genugtuung auf den Topf, und es blieb Roger überlassen, im Halbdunkel nach seiner zu Boden gefallenen Kerze zu tasten, während sie Jemmy ermutigend zumurmelte.

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