Der Henker von Paris
- Автор: Cueni Claude
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Lenos Verlag
- ISBN: 9783857875199
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Henker von Paris». Краткое содержание книги:
Der Autor
Claude Cueni, geboren 1956 in Basel. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste er durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch und schrieb Geschichten. Mittlerweile hat er über fünfzig Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Theaterstücke, Hörspiele und Romane verfasst, u.a. den Bestseller Das Grosse Spiel über den Papiergelderfinder John Law, der bisher in zwölf Sprachen übersetzt wurde.
Coverfoto: Pierre-Antoine Demachy,
Une exécution capitale, place de la Révolution
(um 1793)
»Nein«, sagte Charles, »und du?«
»Ich bin Anwalt, wie du es mir vorhergesagt hast.« Dann fügte er voller Verachtung hinzu: »Ich habe nicht gerne blutige Hände, Monsieur de Paris.«
»Ich suche einen Anwalt, der mich vor Gericht vertritt.«
»In welcher Sache?«, fragte Antoine und mimte den Interessierten. Er führte Charles zu einem freien Tisch. Sie setzten sich. Charles erzählte ihm die Geschichte mit der Marquise. »Habt ihr es denn getan?« Antoine grinste.
»Das spielt keine Rolle«, antwortete Charles ernst.
»Ich kenne die Marquise, jeder kennt sie, also habt ihr es zusammen getrieben.« Antoine prustete vor Lachen. »Die Marquise mit dem Henker im Bett, das ist ja ein tolles Ding!«
»Kannst du mich vor Gericht vertreten?«
»Aber sicher. Die Verhandlung findet am nächsten Freitag statt.«
Charles war überrascht. »Woher weisst du das?«
»Wenn du in die richtige Familie hineingeboren wirst, gibt es für dich in Paris keine Geheimnisse. Das lernt man nicht in Rouen, dafür braucht man einen Stammbaum, Charles, altes blaues Blut.«
Charles nickte. Wenigstens hatte er einen Anwalt gefunden, auch wenn ihm Antoine noch unsympathischer war als früher.
»Es ist schon tragisch«, heuchelte Antoine, »da will ein junger, gutaussehender Mann Arzt werden, er hat Talent, er hat Ambitionen, und dann endet er auf dem Schafott.«
»Bist du verheiratet?«, fragte Charles, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.
»Noch nicht, aber bald. Ich werde meine Cousine heiraten. Sie ist sehr vermögend. Vermögen zieht Vermögen an. Und sie hat die schönsten Füsse von Paris. Ich stehe auf Füsse, Charles, das erregt mich unheimlich. Und du? Verheiratet?«
»Ich bin nicht verheiratet.«
»Dürfte auch schwierig sein für einen Henker. Aber vielleicht findest du hier eine. Für diese Weiber ist selbst ein Henker noch eine erträgliche Partie, meinst du nicht auch?«
Antoine Quentin Fouquier de Tinville erschien pünktlich im Gerichtssaal. Charles ging sofort auf ihn zu. »Wie sieht es aus?«, flüsterte er.
Antoine strahlte übers ganze Gesicht. »Du wirst verlieren, Charles.« In diesem Augenblick betrat die Marquise mit ihrer Entourage den Gerichtssaal. »Weil ich die Marquise vertrete«, fügte Antoine hinzu. »Bekenne dich schuldig, dann kommst du mit einem blauen Auge davon. Wenn du Widerstand leistest, zerdrücke ich dich wie eine Laus. Dafür werde ich bezahlt, Charles, nichts Persönliches. Ich habe mit der Marquise noch einiges vor. Eine derart streitsüchtige Zicke findet man nicht alle Tage.«
Charles konnte es nicht fassen. Konsterniert starrte er Antoine an.
»Die Welt ist schlecht, Charles. Ich habe am Tag nach unserem Treffen gleich die Marquise besucht und ihr meine Dienste angeboten. Ich meine«, flüsterte er, »meine juristischen Dienste.« Er ging auf die Marquise zu und begrüsste sie mit einer galanten Verbeugung. Gemeinsam nahmen sie in der vordersten Reihe Platz.
Charles war immer noch sprachlos. Er hatte sich ganz auf Antoine verlassen. Er setzte sich und wartete ungeduldig auf die Eröffnung der Verhandlung.
Zwei Treppen führten zu einem langen Tisch, der auf einem hölzernen Podest stand. Dahinter sassen die Richter und ein Schreiber. Sie schienen gelangweilt. Nach einer Weile klopfte der Gerichtspräsident mit seinem Hammer auf die Tischplatte und gab den beiden Soldaten, die neben dem Eingang standen, das Zeichen, die Türen zu schliessen und niemandem mehr Einlass zu gewähren. Die Bänke für die beiden Parteien und das Publikum waren wie in einem Kirchenschiff angeordnet. Links, in der vordersten Sitzreihe, sass die Klägerpartei, die stolze Marquise, ihr Bruder und Antoine. Charles sass rechts, allein. Hinter den Parteien sassen Dutzende von Schaulustigen, die entweder mit der Marquise bekannt waren oder den Henker aus der Nähe sehen wollten. Zum Tatbestand sagte die Marquise nur, dass sie zusammen Tee getrunken hätten. Das Publikum lachte leise.
Charles bestritt den Tatbestand nicht, verschwieg aber, ganz Gentleman, das amouröse Abenteuer. Er hatte sich wieder gefasst. Er bestand darauf, Grundsätzliches über sein Amt vorzutragen, und trat nun vor die Richter. Charles war in der Tat eine imposante Erscheinung, grossgewachsen, stolz, selbstsicher, unerschrocken, und er strahlte Gelassenheit und Ruhe aus. »Warum töte ich?«, fragte er mit lauter Stimme. »Aus persönlichen Motiven? Zum Vergnügen? Nein, Messieurs les juges, ich vollstrecke ein Urteil, das Sie gemäss unseren Gesetzen gefällt haben. Und was würde geschehen, Messieurs, wenn ich Ihre Strafurteile nicht vollstrecken würde? Das Gesetz würde zum Gespött der Gesellschaft, weil niemand da wäre, ihm Genüge zu tun. Ich erlaube mir die Bemerkung, und dies bei allem Respekt, den ich Ihnen schulde, dass die Kriminellen, die Sie verurteilen, nicht Ihren Urteilsspruch fürchten und auch nicht die Tinte, mit der Sie die Urteile schriftlich festhalten, sondern sie fürchten meine Hand, die Hand des Henkers. Und wer, meine Herren, gibt mir das Recht, dieses Amt auszuüben? Seine Majestät, der König höchstpersönlich. Es ist die historische Aufgabe eines jeden Königs, in seinem Reich das Verbrechen zu sühnen und die Unschuld zu schützen. Im Auftrag des Königs vollstrecke ich Ihre Urteile. Ich bin somit ein Beamter des Königreichs. Ja, ich töte, aber im Gegensatz zum Soldaten töte ich keine Soldaten in fremden Uniformen, ich töte Verbrecher, die Sie überführt und gemäss unseren Gesetzen zum Tode verurteilt haben. Während der Soldat den äusseren Frieden zu bewahren hat, bewahre ich den inneren Frieden. Während unser König Hunderttausende von Soldaten braucht, um den äusseren Frieden zu wahren, braucht er nur einen einzigen Menschen, um den inneren Frieden zu wahren: den Henker. Während der Soldat fürs Töten ausgezeichnet wird, werde ich fürs Töten geächtet. Ich bin nicht hergekommen, um mich gegen die absurden Unterstellungen der Madame la Marquise zu verteidigen. Ich bin hier, damit man mir bestätigt, dass ich Beamter der Justiz bin, und zwar im Rang eines Offiziers.«
Ein Raunen erfasste die Richter. Mit grossem Befremden tauschten sie vieldeutige Blicke aus. Es gab Unruhe unter den Zuschauern. Antoine schien irritiert. Auf jeden Fall war ihm sein spöttisches Grinsen vergangen.
»Ich beantrage hiermit, dass es mir, gestützt auf die adlige Herkunft meines Vaters, des Chevaliers Sanson de Longval, gestattet sei, den Adelstitel de Longval fortan in meinem Namen zu tragen, und dass dies auch allen meinen Nachkommen gestattet sei.«
Das Gericht war konsterniert. Sie hatten einen kleinmütigen Henker erwartet, der sich um Kopf und Kragen redet, stattdessen hatten sie einen selbstbewussten jungen Mann vor sich, der nicht hergekommen war, um zu betteln, sondern um zu fordern. Wenn ihn das Schicksal schon gezwungen hatte, Henker zu werden, dann wollte er ein Henker sein, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Zum Schluss rief Charles den Richtern zu: »Wenn Sie mich verurteilen, verurteilen Sie Ihre eigenen Taten.«
»Monsieur Charles-Henri Sanson«, sagte der Gerichtspräsident, »der Saal ist nur für eine Stunde reserviert. Sind Sie fertig mit Ihren Ausführungen?« Er schien genervt.
Charles nickte respektvoll.
»Ihre Ausführungen«, fuhr der Richter fort, »sind nicht Gegenstand der Anklageschrift und deshalb ohne Relevanz.«
»Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihnen widerspreche, aber Madame la Marquise würde heute nicht hier sitzen, wenn ich Offizier der königlichen Garde wäre. Deshalb sind diese Ausführungen durchaus von Bedeutung.«
Der Richter erwiderte monoton: »Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Die Urteilsverkündung erfolgt in einer halben Stunde. Die Urteilsbegründung folgt schriftlich.« Die Richter erhoben sich und verliessen den Saal.