Der Henker von Paris
- Автор: Cueni Claude
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Lenos Verlag
- ISBN: 9783857875199
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Henker von Paris». Краткое содержание книги:
Der Autor
Claude Cueni, geboren 1956 in Basel. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste er durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch und schrieb Geschichten. Mittlerweile hat er über fünfzig Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Theaterstücke, Hörspiele und Romane verfasst, u.a. den Bestseller Das Grosse Spiel über den Papiergelderfinder John Law, der bisher in zwölf Sprachen übersetzt wurde.
Coverfoto: Pierre-Antoine Demachy,
Une exécution capitale, place de la Révolution
(um 1793)
Als Charles am Abend nach Hause kam, legte er das Buchgeschenk zu den Raritäten, die bereits sein Vater gesammelt hatte. Er hatte wenig Lust, darin herumzustöbern.
Einige Tage später erhielt Charles eine Vorladung des Gerichts. Die Marquise hatte ihn tatsächlich angeklagt. Sie verlangte, dass Charles-Henri Sanson dazu verurteilt würde, sie mit einem Galgenstrick um den Hals um Verzeihung zu bitten. Weiter verlangte sie, dass er in Zukunft durch seine Kleidung und durch ein Abzeichen an der Brust als Henker erkennbar sein müsse. Die Öffentlichkeit müsse besser geschützt werden.
Nun benötigte Charles in der Tat einen Anwalt, und er entsann sich des Bordellführers, den ihm der Kammerdiener von Versailles geschenkt hatte. Darin hatte er auch notiert, in welchen Bordellen die besten Anwälte von Paris verkehrten. Aber etwas in Charles sträubte sich gegen diese Vorstellung, und er nahm das Büchlein nicht einmal hervor. Er wollte einen seriösen Anwalt und keinen, der sich in solchen Häusern herumtrieb. In seiner Not sprach er beim Abendessen davon. Desmorets meinte, in der Taverne zum Goldenen Fass verkehre ein Anwalt. Der sitze jeden Morgen am hintersten Tisch und trinke Kaffee. Man könne sich einfach zu ihm setzen und sein Anliegen vorbringen.
Am anderen Morgen betrat Charles die Taverne.
»Setzen Sie sich, junger Mann, womit kann ich Ihnen helfen?« Der Mann am hintersten Tisch war in mittlerem Alter. Es musste schon lange her sein, seit er das letzte Mal ein Bad genossen hatte. Er schlürfte seinen dunklen Kaffee und liess dabei Charles nicht aus den Augen. Seine Wangen war tief eingefallen, die Haut faltig und grau. Und der Geruch, der aus seinem Mund entwich, war übel und liess vermuten, dass die Gärungsprozesse in seinem Magen gestört waren.
»Ich suche einen Anwalt«, begann Charles und setzte sich auf die abgewetzte Bank.
»Jaja, das nehme ich an. Also hören Sie mir zu, ich berechne für jede angebrochene halbe Stunde vierzig Sou. Der Kaffee geht auf Ihre Kosten. Können Sie sich das leisten? Haben Sie Arbeit?«
Charles nickte.
»Welche Art Arbeit?«
»Ich bin der Henker von Paris«, sagte Charles ohne Umschweife.
»Nicht weitersprechen«, sagte der Anwalt, »bis hier ist das Gespräch kostenlos. Stehen Sie auf und gehen Sie. Wenn sich herumspricht, dass ich den Henker von Paris verteidige, bin ich meine Kundschaft los.«
»Können Sie mir jemanden empfehlen?«
»Selbst eine Empfehlung kann mich ruinieren. Was glauben Sie eigentlich, was die Kollegen von mir halten, wenn ich sie dem Henker empfehle? Zum Henker mit Ihnen.«
Charles erhob sich und begab sich zur Tür.
»Versuchen Sie es im Château der Madame Gourdan«, rief der Anwalt ihm nach.
Das besagte Château befand sich in der Rue des Deux-Portes. Vermögende Unternehmer trafen sich dort mit einflussreichen Politikern, Anwälte, Journalisten, Adlige, Künstler und Geistliche zählten zum umfangreichen Kundenstamm, und es gab an diesem Ort nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass sich das Volk in Royalisten und Republikaner aufgeteilt hatte. Alle wollten das Gleiche, nämlich das eine. Die Bordelle der Madame Gourdan erstreckten sich über mehrere Häuser. Kein Etablissement auf der Welt war grösser und luxuriöser. Charles besuchte das Hauptbordell, in dessen Vorhalle eine Riesenauswahl an kunstvoll geschnitzten Lustspielzeugen präsentiert wurde. Madame Gourdan führte den weltgrössten Versand sogenannter Godemichés. Zu ihren treusten Kundinnen gehörten die Nonnen und Äbtissinnen der Klöster Europas. Bijoux religieux war der Code für dieses Accessoire.
Marie-Luce, ein sehr leichtbekleidetes Mädchen, führte Charles in einen kleinen Salon, dessen Wände mit erotischen Gobelins geschmückt waren. Die Teppiche waren schwer und dämpften jedes Geräusch. Hier thronte die einflussreichste Bordellbesitzerin Frankreichs. »Monsieur«, sagte sie, »es freut mich, dass Sie uns mit Ihrem Besuch beehren. Wir werden alles tun, um Ihre Wünsche zu befriedigen. Marie-Luce wird Ihnen gleich die Mädchen vorstellen. Und unsere Preise. Wir führen auch Ausgefallenes im Angebot, beispielsweise die satanischen Kammern.« Sie lächelte. »Unser Haus hat einige Regeln: Dazu zählt vor allem Diskretion. Sie werden in den Salons bekannte Persönlichkeiten treffen. Sie bewahren Stillschweigen, so wie auch die anderen Gäste Stillschweigen bewahren. Sie verletzen unsere Mädchen nicht. Anal und Peitschen sind nur mit deren Einverständnis und gegen Aufpreis erlaubt.«
Marie-Luce führte Charles in einen grossen, kreisrunden Saal, der von einer hohen gläsernen Kuppel überdeckt war, durch die man den Sternenhimmel sehen konnte. Im Saal waren kleine Tische mit bequemen roten Sofas kreisförmig angeordnet. Die Tische hatten einen gebührenden Abstand voneinander, so dass man ungestört vertrauliche Gespräche führen konnte. Die Gäste fühlten sich wie zu Hause. Einige trugen seidene Morgenmäntel, andere waren in Strassenkleidung und schienen nur hergekommen zu sein, um Pfeife zu rauchen, Gespräche zu führen und halbnackte Mädchen zu sehen. Die jungen Frauen standen verführerisch entlang eines mit schwarzem Stoff überzogenen Tresens und suchten mit eindeutigen Blicken den Kontakt zu den Gästen. Charles zeigte auf eine Frau in blauer Unterwäsche und gleichfarbenem durchsichtigem Umhang.
»Geniessen Sie Ihren Aufenthalt, Monsieur«, sagte Marie-Luce und übergab ihn der Frau in Blau. Diese führte ihn hinter den Tresen, wo einer Wand entlang zahlreiche schwere Vorhangstoffe in roter Farbe die Eingänge zu den Séparées verhüllten. Die Frau in Blau wählte das letzte Zimmer. Wände und Decke waren mit schönen Spiegeln ausgekleidet. Charles blieb vor einem Spiegel stehen. Es sah so aus, als sei er Teil eines Gemäldes geworden, denn die Spiegel waren mit ornamentierten goldfarbenen Rahmen versehen. Ansonsten war der Raum spärlich eingerichtet. Ein Waschbecken, ein Handtuch, ein Bett, alles goldfarben. Eine Öllampe warf ihr Licht an die Spiegelwände.
»Ich suche einen Anwalt«, sagte Charles.
»Marie-Jeanne, aber nenn mich einfach Jeanne.«
»Ist das dein richtiger Name?«
Marie-Jeanne lachte. Es war ein bezauberndes Lachen. »Marie-Jeanne Bécu, aber hier bin ich Marie-Jeanne.«
Sie war achtzehn, hatte einen grossen Busen und ein rundliches, warmherziges Gesicht. Der Mund war etwas klein und die Lippen zu schmal für dieses volle Gesicht, aber sie war eine der Lieblingskurtisanen von Madame Gourdan.
»Was sind Sie von Beruf, Monsieur? Oder sind Sie reich geboren?«, fragte Marie-Jeanne lachend. »Ich hoffe, hier eines Tages meinen Prinzen zu treffen. Wenn er mich heiratet, spart er eine Menge Geld, das er ansonsten in unserem Etablissement lässt. Und zudem kann ich hervorragend kochen.« Sie löste ihren blauen Umhang und liess ihn über ihre Schultern zu Boden fallen.
»Ich suche einen Anwalt, Mademoiselle. Mehr nicht.«
»Sie haben doch nicht etwa Angst?«
»Nein«, sagte Charles ungeduldig, »aber ich brauche einen Anwalt, der mich vor Gericht vertritt.«
»In der Kuppelhalle sitzen einige. Ich führe Sie hin.« Marie-Jeanne legte ihren Umhang um die Schultern und begleitete Charles wieder in den Saal zurück. »Und mit uns beiden wird es wohl nichts heute Abend?«, sagte sie enttäuscht.
Charles schüttelte freundlich den Kopf. »Nein, Mademoiselle, es tut mir leid.«
»Aber vergessen Sie meinen Namen nicht. Marie-Jeanne!«
»Charles!«, hörte er plötzlich eine Stimme rufen. Ein Mann erhob sich von einem der Sofas im hinteren Teil des Saals. Charles erkannte ihn nicht. Der Mann kam auf ihn zu. Er hielt ein Glas Champagner in der Hand. »Lass dich ansehen, mein Junge.«
»Antoine?«, fragte Charles ungläubig. Er war immer noch schmächtig und sehr hager. Die langen Koteletten liessen das Gesicht noch schmaler erscheinen, die markante Adlernase war noch ausgeprägter. »Antoine Quentin Fouquier de Tinville«, sagte Charles leise.
»Was führt dich zu uns? Ist es so weit, dass ich dir eine warme Suppe offerieren darf?« Antoine lachte und musterte Charles von oben bis unten. »Du bist noch grösser geworden. Und sonst? Bist du Arzt geworden?«