Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Natascha blickte ihn, ohne ein Wort zu sagen, freundlich und mit einer Art von stiller Traurigkeit an. Seine Worte schienen sie zu erfreuen und ihr gleichzeitig Pein zu bereiten.
»Und schon seit längerer Zeit, schon vor zwei Wochen, habe ich Katja schätzengelernt«, fuhr er fort. »Ich bin ja jeden Abend bei ihnen gewesen, und wenn ich dann nach Hause zurückgekehrt war, dann habe ich oftmals immerzu an euch beide gedacht und euch miteinander verglichen.«
»Und welche von uns beiden erschien dir dann als die bessere?« fragte Natascha lächelnd.
»Manchmal du, manchmal sie. Aber du trugst doch schließlich immer den Sieg davon. Wenn ich aber mit ihr spreche, so habe ich immer die Empfindung, daß ich selbst gewissermaßen besser, verständiger und edler werde. Aber morgen, morgen wird sich alles entscheiden.«
»Und tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich ja; du sagst, daß sie das selbst ausgesprochen habe?«
»Ja, sie tut mir leid, Natascha! Aber wir werden alle drei einander lieben, und dann...«
»Und dann lebe wohl!« sagte Natascha leise, wie vor sich hin.
Aljoscha blickte sie erstaunt an.
Aber unser Gespräch wurde auf einmal in einer ganz unerwarteten Weise unterbrochen. Aus der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, wurde ein leichtes Geräusch vernehmbar, wie wenn jemand hereinkäme. Einen Augenblick darauf öffnete Mawra die Tür und winkte mit dem Kopf Aljoscha verstohlen zu, er möchte herauskommen. Wir alle wandten uns zu ihr hin.
»Da fragt jemand nach Ihnen; bitte, kommen Sie heraus!« flüsterte sie geheimnisvoll.
»Wer kann jetzt nach mir fragen?« sagte Aljoscha, sie erstaunt anblickend. »Ich komme!«
In der Küche stand ein Diener des Fürsten, seines Vaters, in Livree. Dieser teilte ihm mit, der Fürst habe auf der Rückfahrt nach Hause die Equipage bei Nataschas Wohnung halten lassen und ihn hinaufgeschickt, um sich zu erkundigen, ob Aljoscha da sei. Nach dieser Mitteilung ging der Diener sogleich wieder fort.
»Sonderbar! Das ist noch nie dagewesen!« sagte Aljoscha, uns verwirrt anblickend. »Was hat das zu bedeuten?«
Auch Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Zimmertür.
»Er kommt selbst, der Fürst!« sagte sie hastig flüsternd und verschwand sofort wieder.
Natascha wurde blaß und erhob sich von ihrem Platz. Ihre Augen fingen auf einmal an zu glühen. Sie stand, sich leicht auf den Tisch stützend, da und blickte aufgeregt nach der Tür, durch die der unerwartete Gast eintreten mußte.
»Natascha, fürchte dich nicht; ich bin bei dir! Ich werde dich nicht beleidigen lassen«, flüsterte Aljoscha, der zwar verwirrt war, aber nicht die Fassung verloren hatte.
Die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowski in eigener Person.
Zweites Kapitel
Er überschaute uns mit einem schnellen, forschenden Blick. Aus diesem Blick war noch nicht zu entnehmen, ob er als Feind oder als Freund gekommen war. Aber ich will sein Äußeres eingehend beschreiben. Er machte an diesem Abend auf mich einen besonders starken Eindruck.
Ich hatte ihn schon früher gesehen. Er war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen, außerordentlich schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich nach den Umständen veränderte, aber in schroffer Art, vollständig und mit auffälliger Schnelligkeit, so daß er von der größten Freundlichkeit zur ärgsten Verdrossenheit und Unzufriedenheit überging, gerade als ob ein innerer Mechanismus in Bewegung gesetzt wäre. Das regelmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die vorzüglichen Zähne, die kleinen, ziemlich schmalen Lippen, die schön geformte, gerade, etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch nicht die kleinste Runzel sichtbar war, die grauen, ziemlich großen Augen: alles dies zusammen ließ ihn beinah als einen schönen Mann erscheinen; aber dabei wirkte sein Gesicht dennoch nicht angenehm. Dieses Gesicht machte dadurch einen abstoßenden Eindruck, daß sein Ausdruck nicht echt, sondern immer erkünstelt, beabsichtigt, angenommen erschien; es bildete sich bei einem die dunkle Vorstellung, daß man niemals den wahren Gesichtsausdruck zu sehen bekommen werde. Wenn man schärfer hinsah, so begann man zu argwöhnen, daß hinter der stets getragenen Maske Bosheit, List und ärgster Egoismus stecken. Besonders zogen die auf den ersten Blick so schönen, offenen, grauen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren das einzige Stück, das er, wie es schien, durch seinen Willen nicht zu völligem Gehorsam zwingen konnte. Auch wenn er mild und freundlich aussehen wollte, waren die von seinen Augen ausgehenden Strahlen zwiefacher Art, und zwischen milden und freundlichen blitzten strenge, mißtrauische, forschende, böse auf... Er war von ziemlich hoher Statur, von elegantem Aussehen, etwas hager und schien jünger zu sein, als er wirklich war. In seinem dunkelblonden, weichen Haar war kaum ein Ansatz von Grau zu bemerken. Seine Ohren, seine Hände, seine Füße waren erstaunlich wohlgebildet. Er war von einer durchaus rassigen Schönheit. Seine Kleidung war stets von auserlesener Eleganz und Frische, hatte aber etwas Jugendliches, was ihm indessen gut stand. Er schien Aljoschas älterer Bruder zu sein. Wenigstens konnte ihn niemand für den Vater eines so erwachsenen Sohnes halten.
Er ging gerade auf Natascha zu und sagte, indem er sie fest anblickte:
»Mein Erscheinen bei Ihnen zu einer solchen Stunde und ohne Anmeldung ist allerdings seltsam und läuft den üblichen Regeln zuwider; aber hoffentlich trauen Sie mir wenigstens zu, daß ich mir des Ungewöhnlichen meiner Handlungsweise in vollem Umfang bewußt bin. Ich weiß auch, mit wem ich es zu tun habe; ich weiß, daß Sie scharfsichtig und hochgesinnt sind. Schenken Sie mir nur zehn Minuten, und ich hoffe, Sie selbst werden mich verstehen und mein Benehmen erklärlich finden.« Er sagte das alles höflich, aber in kräftigem, energischem Ton.
»Bitte, nehmen Sie Platz!« erwiderte Natascha, die sich von der ersten Verwirrung und einer gewissen Angst noch nicht hatte frei machen können.
Er machte eine leichte Verbeugung und setzte sich. »Gestatten Sie mir zunächst, ein paar Worte zu ihm zu sagen«, begann er, auf seinen Sohn zeigend. »Aljoscha, als du weggefahren warst, ohne auf mich zu warten und sogar ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katerina Fjodorowna sich nicht wohl fühle. Sie wollte zu ihr eilen; aber Katerina Fjodorowna kam plötzlich selbst zu uns herein, ganz verstört und in großer Aufregung. Sie sagte uns geradezu, sie könne nicht deine Frau werden, und fügte hinzu, sie werde in ein Kloster gehen; du habest sie um Hilfe gebeten und ihr selbst bekannt, daß du Natalja Nikolajewna liebst. Diese überraschende Erklärung von seiten Katerina Fjodorownas, und noch dazu in einem solchen Augenblick, war selbstverständlich durch das äußerst sonderbare Gespräch veranlaßt worden, das du mit ihr hattest. Sie war ganz außer sich. Du kannst dir mein Erstaunen und meinen Schreck denken. Als ich jetzt hier vorbeifuhr, bemerkte ich in Ihren Fenstern Licht«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Da gewann ein Gedanke, der mir schon lange im Kopf herumgegangen war, dermaßen Gewalt über mich, daß ich nicht imstande war, mich meinem ersten Impuls zu widersetzen, und zu Ihnen hereinkam. Warum? Das werde ich sogleich sagen, bitte Sie aber im voraus, sich über eine gewisse Schärfe meiner Mitteilung nicht zu wundern. Das alles ist so plötzlich gekommen...«