Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Natascha hob den Kopf in die Höhe und blickte ihn an. Aber der Blick, mit dem er den ihrigen beantwortete, strahlte so von Aufrichtigkeit, und sein Gesicht war so fröhlich, so ehrlich, so vergnügt, daß es schlechterdings unmöglich war, ihm zu mißtrauen. Ich glaubte, die beiden würden aufschreien und einander in die Arme sinken, wie das früher schon mehrmals bei ähnlichen Versöhnungen geschehen war. Aber Natascha ließ, wie überwältigt von ihrem Glück, den Kopf auf die Brust sinken und... begann auf einmal leise zu weinen. Da konnte sich Aljoscha nicht mehr beherrschen. Er warf sich ihr zu Füßen; er küßte ihre Hände, ihre Füße; er war wie von Sinnen. Ich schob ihr einen Lehnsessel hin. Sie setzte sich. Die Beine waren ihr schwach geworden.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Einen Augenblick darauf lachten wir alle wie die Unsinnigen.
»So laßt mich doch erzählen, so laßt mich doch erzählen!« rief Aljoscha, dessen helle Stimme uns alle übertönte. »Ihr denkt, daß es dieselbe Geschichte ist wie früher... daß ich bloß mit gleichgültigen Nachrichten hergekommen bin... Aber ich sage euch, ich habe etwas höchst Interessantes. So seid doch endlich einmal still!«
Er hatte die größte Lust zu erzählen. Man konnte ihm am Gesicht ansehen, daß er wichtige Neuigkeiten hatte. Aber durch die Art, wie er in dem naiven Stolz auf den Besitz solcher Neuigkeiten sich wichtig tat, war Natascha sofort zum Lachen gebracht worden. Und ich hatte mich unwillkürlich von ihr anstecken lassen. Und je zorniger er über uns wurde, um so mehr lachten wir. Aljoschas Ärger und seine darauffolgende kindliche Verzweiflung brachten uns schließlich auf jenen Grad der Heiterkeit, wo man einem, wie dem Midshipman bei Gogol, nur einen Finger zu zeigen braucht, um ihn sogleich dahin zu bringen, daß er sich vor Lachen wälzt. Mawra, die ihre Küche verlassen hatte, stand in der Tür und sah uns mit ernstlicher Empörung an; sie ärgerte sich darüber, daß diesem Aljoscha nicht durch Natascha eine gehörige Kopfwäsche zuteil wurde, wie sie es diese ganzen fünf Tage her mit Genuß erwartet hatte, und daß wir statt dessen alle so vergnügt waren.
Endlich hörte Natascha auf zu lachen, da sie sah, daß Aljoscha sich durch unser Lachen gekränkt fühlte.
»Nun, was willst du also erzählen?« fragte sie.
»Soll ich den Samowar zurechtmachen?« fragte Mawra, indem sie ohne den geringsten Respekt Aljoscha das Wort nahm.
»Geh nur, Mawra, geh nur!« sagte er und scheuchte sie durch eifrige Bewegungen beider Arme eilig fort. »Ich werde alles erzählen, was war und was ist und was sein wird; denn ich weiß es alles. Ich sehe, meine Teuren, ihr möchtet gern wissen, wo ich diese fünf Tage über gewesen bin; und gerade das will ich euch ja auch erzählen; aber ihr laßt mich nicht dazu kommen. Na, also erstens, ich habe dich diese ganze Zeit über getäuscht, Natascha, diese ganze Zeit über; schon lange, lange Zeit habe ich dich getäuscht, und das ist die Hauptsache.«
»Du hast mich getäuscht?«
»Ja, ich habe dich getäuscht, schon einen ganzen Monat lang; schon vor der Ankunft meines Vaters habe ich damit angefangen; aber jetzt ist die Zeit für vollständige Aufrichtigkeit gekommen. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich auf einmal von ihm einen gewaltig langen Brief und verheimlichte ihn euch beiden. In dem Brief erklärte er mir geradezu (und wohlgemerkt in so ernstem Ton, daß ich ganz erschrocken war), die Angelegenheit meiner Brautwerbung sei nun zum Ende geführt; die mir bestimmte Braut sei der Gipfel der Vollkommenheit; ich sei ihrer selbstverständlich nicht würdig, müsse sie aber doch unbedingt heiraten. Deshalb solle ich mich darauf vorbereiten und mir alle Dummheiten aus dem Kopf schlagen; na, ihr könnt euch schon denken, was er mit den ›Dummheiten‹ meinte. Diesen Brief also habe ich euch verheimlicht.«
»Du hast ihn uns ganz und gar nicht verheimlicht!« unterbrach ihn Natascha. »Solche Prahlerei! Die Wahrheit ist, daß du uns alles sofort erzählt hast. Ich erinnere mich noch, wie du auf einmal so fügsam und zärtlich wurdest und gar nicht von mir weggehen wolltest, als ob du dir einer Schuld bewußt wärest, und wie du uns den ganzen Inhalt des Briefes stückweise erzählt hast.«
»Das ist nicht möglich; die Hauptsache habe ich bestimmt nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide etwas erraten; das ist dann eure Sache; aber erzählt habe ich es nicht. Ich verheimlichte es euch und litt darunter schrecklich.«
»Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals fortwährend um Rat fragten und mir alles erzählten, allerdings nur bruchstückweise und als handle es sich nur um Vermutungen«, fügte ich hinzu, indem ich Natascha anblickte.
»Du hast alles erzählt! Bitte, prahle nur nicht!« fiel sie ein. »Was kannst du denn überhaupt verbergen? Kannst du jemanden betrügen? Sogar Mawra hat alles erfahren. Hast du es gewußt, Mawra?«
»Na, wie werde ich es nicht gewußt haben!« versetzte Mawra, die vor der Tür stand und den Kopf zu uns hereinsteckte. »Gleich in den drei ersten Tagen haben Sie alles erzählt. Auf Listen verstehen Sie sich nicht!«
»Ach, wenn man mit euch redet, muß man sich auch immer ärgern! Du tust das alles aus Böswilligkeit, Natascha! Und du, Mawra, irrst dich ebenfalls. Ich erinnere mich, ich war damals wie ein Unsinniger; besinnst du dich wohl noch darauf, Mawra?«
»Wie sollte ich mich nicht darauf besinnen? Sie sind auch jetzt wie ein Unsinniger.«
»Nein, nein, was ich da eben sagte, gehört nicht hierher. Aber du erinnerst dich: wir hatten damals gerade kein Geld, und du gingst, mein silbernes Zigarrenetui zu versetzen; aber was die Hauptsache ist: gestatte mir, Mawra, dich darauf aufmerksam zu machen, daß du dich mir gegenüber in einer schrecklichen Weise vergißt. Das hat dich alles Natascha gelehrt. Na also, gesetzt auch, daß ich euch wirklich gleich damals alles bruchstückweise erzählt habe (jetzt besinne ich mich darauf), so kennt ihr doch den Ton des Briefes nicht, den Ton; und gerade der Ton ist bei einem Brief die Hauptsache. Und davon eben spreche ich.«
»Nun, was war es denn für ein Ton?« fragte Natascha.
»Höre einmal, Natascha, du fragst, wie wenn du darüber scherztest. Aber scherze nicht! Ich versichere dich: die Sache ist sehr ernst. Es war ein solcher Ton, daß mir die Arme schlaff herabsanken. Noch nie hatte mein Vater so mit mir gesprochen. Es klang, wie wenn eher der Himmel einstürzen als sein Wille nicht in Erfüllung gehen sollte, so ein Ton war das!«
»Nun, so erzähle doch: warum wolltest du denn den Brief vor mir verheimlichen?«
»Ach du mein Gott, um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, ich würde alles selbst in Ordnung bringen können. Na also, zuerst erhielt ich diesen Brief, und als dann mein Vater selbst angekommen war, da begannen meine Leiden. Ich hatte mich darauf vorbereitet, ihm eine feste, klare, ernste Antwort zu geben; aber merkwürdigerweise wollte mir das gar nicht gelingen. Der Schlaufuchs fragte mich überhaupt gar nicht! Er benahm sich im Gegenteil so, als ob die ganze Sache schon entschieden sei und es zwischen uns gar keinen Streit und gar keine Mißhelligkeiten geben könne. Hörst du wohclass="underline" als ob es das gar nicht geben könne; ein solches Selbstvertrauen! Gegen mich aber wurde er überaus freundlich und liebenswürdig. Ich war geradezu erstaunt. Wenn Sie wüßten, wie klug er ist, Iwan Petrowitsch! Alles hat er gelesen, alles weiß er, und wenn er jemanden nur ein einziges Mal anblickt, so kennt er all dessen Gedanken so gut wie seine eigenen. Darum hat man ihn auch gewiß einen Jesuiten genannt. Natascha hat es nicht gern, wenn ich ihn lobe. Werde nicht böse, Natascha! Nun also... aber apropos: anfangs hat er mir kein Geld gegeben; aber jetzt hat er es getan, gestern. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut ein Ende! Da, sieh! Alles, was er mir in diesem halben Jahr zur Strafe zuwenig gegeben hatte, das hat er alles gestern nachgezahlt; seht mal, wieviel es ist; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra, sieh mal, wieviel Geld! Jetzt brauchen wir keine Löffel und Hemdknöpfe mehr zu versetzen!«