Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Er zog ein ziemlich dickes Päckchen Banknoten, etwa tausendfünfhundert Rubel, aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Mawra betrachtete es erstaunt und lobte Aljoscha. Natascha drängte auf schnelle Fortsetzung der Erzählung.
»Na also...«, fuhr Aljoscha fort, »ich dachte: ›Was soll ich tun? Wie soll ich mich seinem Willen widersetzen?‹ Das heißt, ich schwöre euch beiden: wäre er schroff gegen mich gewesen und nicht so gutherzig, so hätte ich mich nicht lange besonnen. Ich hätte ihm geradezu gesagt, daß ich nicht wolle, daß ich bereits selbst ein erwachsener Mensch sei, und damit basta! Und ihr könnt mir glauben, daß ich meinen Willen durchgesetzt hätte. So jedoch, was sollte ich ihm sagen? Aber brecht nicht den Stab über mich! Ich sehe, du machst ein unzufriedenes Gesicht, Natascha. Warum wechselt ihr beide miteinander Blicke? Ihr denkt gewiß: er hat sich gleich einwickeln lassen und besitzt nicht die Spur von Charakterfestigkeit. Aber ich besitze Charakterfestigkeit, wirklich, und mehr als ihr denkt! Und der Beweis dafür ist, daß ich trotz meiner mißlichen Lage mir sogleich sagte: »Es ist meine Pflicht; ich muß meinem Vater alles sagen, alles!« Und so fing ich denn an zu reden und sprach mich aus, und er hörte mich an.«
»Aber was hast du ihm denn gesagt, was?« fragte Natascha beunruhigt.
»Daß ich keine andere Braut will, sondern bereits eine habe, nämlich dich. Das heißt, so geradezu habe ich ihm das bisher noch nicht gesagt; aber ich habe ihn darauf vorbereitet, und morgen werde ich es ihm sagen; dazu bin ich fest entschlossen. Ich begann damit, ihm zu sagen, nach Geld zu heiraten sei unanständig und zeuge von unvornehmer Gesinnung; wenn wir uns für Aristokraten hielten, so sei das einfach eine Dummheit (ich rede mit ihm völlig offenherzig, als ob er mein Bruder wäre). Dann erklärte ich ihm sofort, ich sei ein Angehöriger des tiers-état[6], und der tiers-état c'est l'essentiel[7]; ich sei stolz darauf, allen ähnlich zu sein, und wolle mich vor niemand auszeichnen... kurz, ich setzte ihm alle diese vernünftigen Ideen auseinander. Ich sprach mit Eifer und Enthusiasmus. Ich wunderte mich über mich selbst. Ich bewies es ihm schließlich auch von seinem eigenen Gesichtspunkt aus; ich sagte geradezu: was seien wir denn für Fürsten? Doch nur der Geburt nach; was hätten wir aber in Wirklichkeit Fürstliches an uns? Erstens, besonderen Reichtum besäßen wir nicht, und Reichtum sei doch die Hauptsache. Heutzutage sei der größte Fürst Rothschild. Zweitens, in der richtigen vornehmen Gesellschaft sei von uns schon seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen. Der letzte sei der Onkel Semjon Walkowski gewesen, und auch der habe nur in Moskau Aufsehen erregt, und nur dadurch, daß er seine letzten dreihundert Seelen durchgebracht habe, und wenn der Vater nicht selbst Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht eigenhändig den Acker pflügen müssen, wie es denn solche Fürsten wirklich gebe. Mithin hätten wir keinen Grund, hochmütig zu sein. Kurz, ich sprach alles aus, was in mir kochte, alles, mit Feuer und Offenherzigkeit; ich fügte sogar noch dies und das hinzu. Er entgegnete mir nichts darauf, sondern machte mir nur Vorwürfe, daß ich den Verkehr in dem Haus des Grafen Nainski eingestellt hätte, und sagte dann, ich müsse mich um die Gunst der Fürstin K., meiner Patin, bemühen; wenn diese mich gut aufnehme, so würde ich überall Zutritt haben, und meine Karriere sei gemacht, was er mir dann näher ausmalte! Das sind alles Anspielungen darauf, daß ich seit der Verbindung mit dir, Natascha, alle anderen Beziehungen abgebrochen habe; er führt das auf deinen Einfluß zurück. Aber geradezu hat er bisher noch nicht von dir gesprochen; er vermeidet es sogar offenbar. Wir sind beide schlau, wir warten ab und belauern einander; aber du kannst überzeugt sein, daß auch für uns der Tag des Glücks kommen wird.«
»Nun, schon gut; wie endete die Sache? Was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache. Du bist ein Schwätzer, Aljoscha...«
»Meines Vaters Sinn und Gedanken kennt nur Gott; es ist gar nicht daraus klug zu werden, was er eigentlich vorhat. Ein Schwätzer aber bin ich ganz und gar nicht; ich sage nur, was zur Sache gehört. Er hat nichts Bestimmtes gesagt, sondern auf alle meine Darlegungen nur mit einem Lächeln geantwortet, als ob er mich bemitleide. Ich fühle ja, daß das für mich demütigend ist; aber ich schäme mich nicht. Er sagte: ›Ich bin mit dir vollkommen einer Ansicht; aber wir wollen zum Grafen Nainski fahren. Sprich aber dort nichts von dieser Art; ich für meine Person verstehe dich ja; aber die dort würden dich nicht verstehen.‹ Es scheint, daß auch er selbst dort nicht besonders gut aufgenommen wird; man ist aus irgendwelchem Grund auf ihn erzürnt. Überhaupt ist mein Vater in der vornehmen Welt jetzt nicht beliebt. Der Graf behandelte mich zunächst sehr hochmütig und von oben herab, als ob er ganz vergessen hätte, daß ich in seinem Haus aufgewachsen bin. Er zürnt mir wegen Undankbarkeit; aber wahrhaftig, es liegt von meiner Seite keine Undankbarkeit vor; es ist eben in seinem Haus schrecklich langweilig; na, und da bin ich nicht mehr hingegangen. Er empfing auch meinen Vater in sehr nachlässiger Manier, so nachlässig, daß ich gar nicht verstehe, warum mein Vater den Verkehr fortsetzt. Das alles versetzte mich in Empörung. Mein armer Vater krümmte sozusagen den Rücken vor ihm; ich verstehe ja, daß er das alles in meinem Interesse tut; aber ich brauche nichts. Ich wollte nachher meinem Vater schon alle meine Empfindungen aussprechen; aber ich beherrschte mich und schwieg. Wozu auch? Seine Anschauungen würde ich doch nicht umändern; ich würde ihn nur ärgern, und er hat ohnehin schon genug Sorgen. ›Na‹, dachte ich, ›ich will es mit Schlauheit versuchen; ich werde sie alle überlisten; ich werde den Grafen zwingen, mich zu achten!‹ Und was geschah? Ich habe sofort alles erreicht; an einem einzigen Tag hat sich die ganze Lage geändert! Graf Nainski weiß jetzt gar nicht, was er mir für einen Ehrenplatz anweisen soll. Und all das habe ich bewirkt, ich allein, durch meine eigene Schlauheit, so daß mein Vater vor Erstaunen die Hände über dem Kopf zusammenschlug!...«
»Hör mal, Aljoscha, du solltest doch lieber zur Sache kommen!« rief Natascha ungeduldig. »Ich hatte geglaubt, du würdest uns etwas über unsere eigene Angelegenheit mitteilen; aber dir macht es nur Spaß, zu erzählen, wie vortrefflich du dich bei dem Grafen Nainski benommen hast. Was geht mich dein Graf an!«
»Was dich der Graf angeht! Hören Sie wohl, Iwan Petrowitsch, sie fragt, was sie der Graf angeht! Aber darin steckt ja gerade der Kern der Sache. Das wirst du selbst sehen; das wird alles am Ende meiner Erzählung klarwerden. Laßt mich nur erzählen... Nun ja (denn warum soll ich nicht offen reden?), ihr wißt ja, sowohl du, Natascha, als auch Sie, Iwan Petrowitsch, ich bin vielleicht wirklich manchmal sehr, sehr urteilslos, na, meinetwegen auch einfach dumm (auch das ist ja mitunter vorgekommen). Aber in diesem Fall, das kann ich euch versichern, habe ich viel Schlauheit bewiesen... na... ich kann wohl sagen, sogar Verstand; ich glaubte daher, ihr würdet euch selbst darüber freuen, daß ich nicht immer... unverständig bin.«
»Ach, was redest du nur, Aljoscha; hör doch auf damit, Liebster!«
Natascha konnte es nicht ertragen, wenn Aljoscha für unverständig gehalten wurde. Wie oft war sie, ohne es mit Worten auszusprechen, böse auf mich gewesen, wenn ich, ohne viele Umstände zu machen, ihrem Aljoscha bewies, daß er irgendeine Dummheit begangen habe; dies war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Herabsetzung Aljoschas nicht ertragen, und wahrscheinlich um so weniger, da sie seine geistigen Fähigkeiten im stillen selbst nur für beschränkt hielt. Aber sie brachte diese ihre Meinung ihm gegenüber nicht zum Ausdruck und scheute sich, sein Ehrgefühl zu verletzen. Er seinerseits bewies in solchen Fällen einen besonderen Scharfsinn und erriet immer ihre geheimen Gedanken. Natascha merkte dies, betrübte sich sehr darüber und überschüttete ihn sofort mit Schmeichelworten und Liebkosungen. Dies war der Grund, warum sie jetzt seine Worte schmerzlich berührten.