Der Dagon-Zyklus, Band 2
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Год: Weltbild Verlag
- ISBN: 3-86047-343-3
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Der Dagon-Zyklus, Band 2». Краткое содержание книги:
Der Sturm hatte noch an Gewalt zugenommen, als wir das Deck erreichten. Der Wind schlug mir mit solcher Macht entgegen, daß ich strauchelte und gegen die Wand fiel, kaum daß ich hinter McGillycaddy und Hunter aus der Tür gekommen war, und der Himmel hatte sich vollends in ein Gitterwerk ununterbrochen flackernder Blitze verwandelt, die das Deck der Dagon zu einem Chaos aus Schatten und Finsternis und jäh aufflammenden blauen Flächen werden ließen. McGillycaddy stand verkrümmt und breitbeinig wenige Schritte vor mir und schrie irgend etwas, aber das Heulen des Sturmes riß ihm die Worte von den Lippen und trug sie davon, ehe ich sie hören konnte.
Aber ich sah auch so, was er meinte. Auf halber Strecke zwischen dem Achteraufbau und dem Mast lag ein Toter. Der Mann, den McGillycaddy hinaufgeschickt hatte, um nach dem Rechten zu sehen. Ich erkannte ihn allerdings nur an seiner Kleidung.
Der Kopf fehlte!
Mir wurde übel.
McGillycaddy ergriff mich grob bei den Schultern, riß mich herum und deutete wild gestikulierend aufs Meer hinaus.
Der Strudel war nähergekommen, sehr, sehr viel näher. Statt eines kleinen grauen Kreises sich rasend schnell drehenden Wassers gähnte er jetzt wie ein bodenloser Schacht vor der Dagon im Meer, und durch das furchtbare Zischen der Blitze und den ununterbrochen rollenden Donner war ein tiefer, grollender Laut zu hören, als stürzten tief unter unseren Füßen ganze Gebirge zusammen. Und plötzlich fiel mir auch auf, um wieviel schneller die Dagon geworden war. Ihre Segel waren noch immer zum Zerreißen gespannt, aber noch schneller zerrte sie die Strömung vorwärts. Das Schiff schoß mit der Geschwindigkeit eines Schnellzuges auf den rasenden Strudel zu.
»Was ist das?« brüllte McGillycaddy neben mir. »Zum Teufel, Craven - was bedeutet das?«
Ich schüttelte den Kopf, deutete auf meine Ohren und dann zurück zum Treppenaufgang, und McGillycaddy verstand. Schräg gegen den Wind gelehnt, kämpften wir uns zur Tür zurück und blieben auf der obersten Stufe stehen. Das Heulen des Sturmes war auch hier noch ohrenbetäubend, aber es hatte zumindest so weit abgenommen, daß wir uns - wenn auch halbwegs schreiend - verständigen konnten.
»Was ist das, Craven?« fragte McGillycaddy erneut.
»Das, was ich Ihnen zeigen wollte«, antwortete ich. »Die Rettungsboote - erinnern Sie sich?«
McGillycaddy starrte mich betroffen an. »Aber, das... das ist unmöglich«, stammelte er. »Dagon hat versprochen...«
»Ich weiß nicht, was er Ihnen versprochen hat, McGillycaddy«, unterbrach ich ihn böse. »Ich weiß nur, daß von Ihrem sogenannten Gott keine Spur mehr zu sehen ist. Und daß das Schiff in spätestens zwei Stunden in diesen Strudel fallen wird, wenn wir unsere Geschwindigkeit nicht herabsetzen oder den Kurs ändern.«
»Das können wir nicht!« brüllte McGillycaddy. »Ich... verdammt, Craven - niemand hier an Bord hat eine Ahnung, wie man dieses Schiff steuert.«
»Wissen Sie wenigstens, ob es Rettungsboote gibt?« fragte ich.
McGillycaddy starrte mich an, schluckte ein paarmal hart und schüttelte den Kopf. Sein Gesicht färbte sich ganz langsam grau. »Nein«, gestand er. »Ich habe... keine Ahnung. Niemand hat das. Wir... wir haben Dagon vertraut, Craven.«
Ich schluckte die scharfe Antwort, die mir auf der Zunge lag, im letzten Moment herunter. »Dann müssen wir sie suchen«, sagte ich. »Kommen Sie.«
Ohne auf seine Antwort zu warten, stürzte ich die Treppe hinunter und lief zurück in den Mannschaftsraum.
Die Panik, die unter den verängstigten Bewohnern von Firth'en Lachlayn ausgebrochen war, hatte sich gelegt. Die Männer und Frauen saßen in kleinen Gruppen oder einzeln da, ängstlich zusammengedrängt oder in den vermeintlichen Schutz eines umgestürzten Tisches gekauert, und statt des Chores aus schreienden und durcheinanderrufenden Stimmen hatte sich eine fast geisterhafte Stille über der Menge ausgebreitet. Aber es war eine Stille, die mich fast ebenso erschreckte wie die Panik zuvor.
Ich kannte diese Art der Stille. Ein Funke, ein unbedachtes Wort genügte, um diese zweihundert Menschen in einen durchgehenden Mob zu verwandeln. Oder ein Idiot wie McGillycaddy.
Rasch lief ich bis zur Mitte des Saales, sprang auf einen Tisch und hob die Arme. »Hört mir zu!« rief ich.
Fast augenblicklich verstummten auch die letzten gemurmelten Worte, und mit einem Male fand ich mich in dem unbehaglichen Gefühl, von mehr als zweihundert Augenpaaren angestarrt zu werden.
»Hört mir zu«, sagte ich noch einmal. »Es ist etwas geschehen. Die Dagon ist in einen Sturm geraten.« Ich brach ab, sah mich rasch und nervös um und bemerkte, daß McGillycaddy und Hunter unter der Tür erschienen waren. Zu meiner Erleichterung blieb McGillycaddy jedoch stehen und sah mich nur aus eng zusammengekniffenen Augen an. Das Gewehr in seinen Händen deutete in meine Richtung, zielte jedoch nicht direkt auf mich.
Ein wenig leiser, aber noch immer mit erhobener Stimme und jedes Wort genau überlegend, sprach ich weiter: »Wir müssen das Schiff verlassen, und zwar sehr schnell. Aber es besteht kein Grund zur Panik. Niemand ist in Gefahr, wenn wir die Nerven behalten.«
Das war wahrscheinlich die dreisteste Lüge seit der Erfindung des Kommunismus, aber ich habe schon immer sehr überzeugend lügen können - und ich hatte noch ein paar Tricks auf Lager, die mir halfen.
Es war schwer; so schwer, daß der Saal vor meinen Augen zu verschwimmen begann und ich vor Anstrengung taumelte. Nie zuvor hatte ich versucht, eine so große Menschenmenge geistig zu beeinflussen, nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, daß so etwas überhaupt möglich war.
Jetzt wußte ich es.
Ich spürte die Panik, die meine Worte auslösten, wie eine unsichtbare Woge knisternder elektrischer Energie durch den Raum fegen und nach den Herzen der Männer und Frauen greif en; graue, gestaltlose Furcht, die jedes bißchen verbliebenen Idaren Denkens hinwegfegen wollte. Mit aller Macht stemmte ich mich dagegen, versuchte meinen Geist zu öffnen und beruhigende Impulse in zweihundert Gehirne gleichzeitig zu senden ... und spürte, wie mein Versuch jämmerlich scheiterte. Es war, als wolle ich eine Flutwelle mit bloßen Händen aufhalten.
Dann ...
Etwas berührte meine Stirn, glitt sanft über meine Haut und drang in meinen Schädel ein. Das Gefühl war ganz real, als würde mich wirklich eine unsichtbare kühle Hand berühren, und auf schwer zu fassende Weise freundlich. Es ging sehr schnell. Die unsichtbaren Finger tasteten weiter, schienen sanft in meinem Gehirn zu graben, als suchten sie nach etwas ganz Bestimmtem - und hinter meiner Stirn explodierte eine Nova aus purer Energie. Eine Kraft, die die Grenzen des Vorstellbaren überstieg und sich mit der meinen verband.
Ich fühlte, wie der Strom beruhigender Impulse auf ein Tausendfaches seiner normalen Macht anschwoll. Plötzlich war es kein verzweifelter Versuch mehr, die brodelnde Panik aufzuhalten, sondern ein ungeheurer Strom von Kraft, so mächtig, daß sich die Männer und Frauen rings um mich herum wie unter einem Hieb duckten. Ich sah, wie der Ausdruck von Furcht auf ihren Gesichtern erlosch, überall zugleich, zuerst Betroffenheit, dann Verwirrung und dann einer fast erschrockenen Ruhe Platz machte. Von einer Sekunde auf die andere war es still, unheimlich still.
»Hört mir zu«, sagte ich noch einmal, noch immer erfüllt von dieser sanften und doch unbeschreiblich mächtigen Kraft, die nicht die meine war. »Wir müssen die Rettungsboote suchen. Alle Männer, die nicht verletzt und jünger als sechzig Jahre sind, folgen McGillycaddy und mir an Deck. Die anderen und die Frauen und Kinder bleiben hier und rühren sich nicht, bis wir sie holen. Ganz egal, was geschieht.«