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Der Dagon-Zyklus, Band 2

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Der Dagon-Zyklus, Band 2
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»Halte sie auf!« flehte Jennifer. »Bitte, Dagon - ich weiß, daß du es kannst. Du... du hast die Macht dazu. Sie brauchen nicht lange. Sie... sie können alle gerettet werden.«

Dagon starrte sie an, blickte für einen endlosen Moment in den Gang - und wandte sich mit einem Ruck um. Gebückt trat er durch die Tür, stieß eine seiner Dienerkreaturen grob beiseite und drehte sich noch einmal um, um zu Jennifer zurückzu blicken.

»Begleitest du mich?«

Jennifer schwieg. Tränen füllten ihre Augen. Sie hatte kaum die Kraft, den Kopf zu schütteln.

Mit einem abfälligen Laut ging Dagon weiter und trat entschlossen ins Zentrum des Pentagramms hinein.

»Dagon!« Jennifers Stimme überschlug sich beinahe. »Ich flehe dich an - laß uns nicht im Stiehl« Mit einem verzweifelten Schrei warf sie sich vor, stürzte hinter Dagon her und streckte die Arme aus, wie um ihn festzuhalten. Aber es war zu spät. Die dünnen Linien des Pentagramms begannen wie lebende Schlangen aus giftgrünem Licht zu zucken, und plötzlich war da, wo vor Sekunden noch nichts gewesen war, eine Barriere aus flirrenden, wie die Fäden eines gewaltigen Spinnennetzes ineinander verwobenen Linien. Jennifer prallte mit einem Schrei zurück, als sie die Hitze spürte, die von der Erscheinung ausging.

Das Leuchten nahm noch zu, und im gleichen Maße begann die Gestalt des Fischgottes an Realität zu verlieren. Jennifer wandte geblendet den Blick und wich vor der Woge glühender Hitze zurück.

Erst als das Brennen auf ihrem Gesicht aufhörte, wagte sie es, die Hände herunterzunehmen und behutsam die Augen zu öffnen.

Das Netz aus Licht war erloschen. Aus der flammenspeienden Erscheinung auf dem Boden war wieder eine harmlos aussehende, nicht einmal besonders kunstfertige Zeichnung geworden.

»Warum?« wimmerte Jennifer. »Warum hast du uns verlassen, Dagon? Warum läßt du uns im Stich? Wir... wir haben dir vertraut. Wir lieben dich doch!«

Aber die Stille antwortete nicht.

Dagon war verschwunden.

Für endlose Sekunden starrte Jennifer weiter aus brennenden Augen dorthin, wo der Mann - das Wesen, das sie geliebt hatte - gestanden hatte, dann drehte sie sich mit hölzern wirkenden Bewegungen um und sah wieder zur Tür.

Die beiden gräßlichen Geschöpfe, die Dagon und sie hierher begleitet hatten, begannen immer nervöser hin und her zu laufen. Ihre furchtbaren Mäuler schnappten wie die von Hunden, und ihre Klauenhände öffneten und schlössen sich ununterbrochen. Vielleicht begannen auch sie allmählich zu begreifen, daß ihr Herr sie im Stich gelassen hatte wie alle, die ihm vertraut hatten.

Der Kampflärm aus dem Gang nahm zu, und plötzlich torkelte die verkrümmte Gestalt eines Krötenmannes durch die Tür, über und über mit schwarzem Blut besudelt und leise, wimmernde Schmerztöne ausstoßend. Mit letzter Kraft taumelte er auf das Pentagramm zu, brach in die Knie und kippte nach vorn. Seine Krallenhände gruben sich in das Holz zwischen den daraufgemalten Linien, als versuche er noch im letzten Augenblick verzweifelt, seinem Herrn zu folgen. Hinter ihm erschienen drei der Schwarzgekleideten.

Es war das erste Mal, daß Jennifer die Männer, deren bloßer Anblick genügt hatte, Dagon so sehr in Panik zu versetzen, wirklich sah. Bisher hatte sie sie nur als Schatten wahrgenommen, Schatten, die töteten und sich derart schnell bewegten, daß das menschliche Auge ihnen kaum zu folgen vermochte. Und plötzlich glaubte sie zu verstehen, warum Dagon diese Männer so fürchtete. Es war nicht: ihr Äußeres - sicher, sie wirkten unheimlich und bedrohlich in ihren schwarzen Kleidern, aber trotz allem doch immer noch menschlich -, sondern etwas, das unsichtbar und körperlos mit ihnen zu kommen schien wie ein eisiger Hauch.

Die beiden zurückgebliebenen Froschkreaturen versuchten die Männer anzugreifen. Sie kamen ihnen nicht einmal nahe.

Einer der drei machte eine blitzartige Bewegung mit der Hand, und die erste Kaulquappenkreatur sank in sich zusammen, die Hände um den Dolch gekrampft, der plötzlich aus ihrer Brust ragte. Die andere starb, ehe sie den Boden berührte; gefällt von einem Schwerthieb, der so schnell kam wie ein Blitz.

Mit einem ängstlichen Keuchen wich Jennifer vor den drei Männern zurück, bis sie das gegenüberliegende Ende der Kammer erreicht hatte und nicht weiterkonnte. Die drei musterten sie kalt. Jennifer wußte, daß sie sterben würde.

Einer der drei Männer hob plötzlich die Hand an den Kopf und löste das schwarze Tuch, das sein Gesicht verhüllte. Jennifer sah, daß er noch sehr jung war; kaum mehr als ein Knabe, keinesfalls älter als sie selbst. Um seinen Mund lag ein sonderbar sanfter, weicher Zug, der nicht so recht zu dem blutigen Schwert in seiner Hand passen wollte.

Einen Moment lang musterte er sie schweigend, dann drehte er sich herum, stieß die tote Froschkreatur mit dem Fuß beiseite und begann die Linien des Pentagramms mit den Fingerspitzen nachzufahren. Die Augen hielt er dabei geschlossen, als lausche er in sich hinein. Schließlich schüttelte er den Kopf und stand wieder auf.

»Er ist entkommen«, sagte er.

Einer der beiden anderen sah ihn an. »Kannst du das Tor öffnen?«

Der junge Mann nickte. »Ich könnte es«, antwortete er. »Aber es wäre sinnlos. Das SIEGEL ist noch hier an Bord. Ich fühle seine Nähe.« Er zögerte einen winzigen Moment. »Holen wir es.« Sein Kamerad nickte, trat einen Schritt auf Jennifer zu und hob sein Schwert, aber der Mann mit dem Kindergesicht fiel ihm rasch in den Arm und schüttelte den Kopf. »Sie nicht«, sagte er.

»Aber...« Der andere wollte widersprechen, aber der Schwarzgekleidete schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab.

»In wenigen Stunden wird dieses Schiff ohnehin untergehen«, sagte er. »Laß ihr diese Zeit noch. Es macht keinen Unterschied.«

Damit trat er auf Jennifer zu, hob die Hand und berührte sie beinahe sanft an der rechten Seite des Halses.

Shannon fing das Mädchen auf, als es das Bewußtsein verlor.

Mit einem gellenden Schrei ließ McGillycaddy den Körper seines toten Kumpans fallen, riß sein Gewehr hoch und begann zu schießen; wild und ungezielt und so schnell hintereinander, daß die peitschenden Explosionen der Winchester zu einem einzigen, trommelfellzerreißenden Krachen verschmolzen. Der Lauf des Gewehres ruckte hierhin und dorthin und stach grellorange Blitze in die Dunkelheit, und trotz des ohrenbetäubenden Krachens konnte ich das helle Klatschen hören, mit dem die Kugeln über uns in die Wände und die Treppenstufen fuhren.

Mit einem Satz trat ich neben ihn und versuchte ihm die Büchse zu entringen, aber die Panik gab McGillycaddy schier übermenschliche Kräfte. Er schüttelte mich ab, versetzte mir einen Kolbenstoß und schoß weiter, bis das Magazin der Winchester leer war. »Hören Sie... auf«, keuchte ich, halb gegen die Wand gesunken und die Hände über dem schmerzenden Leib verkrampft. Ich bekam kaum Luft. McGillycaddys Hieb hatte mir eine Rippe geprellt, mindestens. Trotzdem sprach ich weiter, denn ich sah, daß sich McGillycaddy keineswegs beruhigt hatte. Im Gegenteil. Seine Finger gruben in den Taschen seiner groben Arbeitsjacke und förderten eine Handvoll Patronen zutage, die er zitternd in den Kolben des halbautomatischen Gewehres schob.

»Hören Sie endlich auf, Sie verdammter Idiot!« würgte ich hervor. »Diesen Männern ist mit Gewehren nicht beizukommen, begreifen Sie das nicht?«

McGillycaddy fuhr herum. Seine Augen waren unnatürlich geweitet, und der Blick, den ich darin las, erinnerte mich an den eines Wahnsinnigen. »Das wollen wir sehen!« keuchte er. »Das werden wir ja sehen, Craven. Kommen Sie - wenn Sie sich trauen!«

Damit stürmte er los, beide Hände um das Gewehr gekrallt und immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend. Sein Kumpan Hunter folgte ihm, wie durch Zauberei plötzlich eine großkalibrige Faustfeuerwaffe in den Händen haltend, und nach sekundenlangem Zögern stolperte auch ich hinter den beiden her und die Treppe hinauf. McGillycaddy war ein Mörder, der den Tod wahrscheinlich hundertmal verdient hatte - aber letztendlich war er ein Mensch, und ich konnte ihn nicht tatenlos in den Untergang laufen lassen.

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