Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Es freut mich zu hören, dass der Onkel meines jetzigen Herrn den Christen entkommen konnte«, antwortete Jochanan diplomatisch. Der Hinweis auf das jetzige Familienoberhaupt stellte keine Lüge dar, denn Elieser war ja ebenfalls Esra ben Nachums Neffe.
Ruben ben Makkabi seufzte kaum hörbar. »Er und die Seinen weilen vorerst noch bei mir zu Gast, bis wir eine neue Heimat für sie gefunden haben. Komm, ich bringe dich zu ihm. Er wird sich über die überraschende Neuigkeit gewiss ebenso freuen wie ich.«
Jochanan sah verwundert auf, denn die Worte des Hausherrn hatten ein wenig spöttisch geklungen. Doch er wagte nicht, nachzufragen, sondern folgte Ruben ben Makkabi stumm und mit leicht gesenktem Kopf, wie es sich für einen Knecht gehörte. Bei Jochanans Anblick riss Esra ben Nachum vor Erstaunen die Augen weit auf, und als er von seinem Gastgeber erfuhr, dass der junge Mann von Samuel ben Jakob geschickt worden war, wirkte er verwirrt und auch etwas peinlich berührt.
»Ich ... ich war fest davon überzeugt, die gesamte Familie meines armen Schwagers Jakob sei umgekommen, nachdem Samuel sich den eindringenden Christen entgegengestellt hatte, statt uns zu folgen, wie ich es meinem Schwager zugerufen hatte. Als wir armen Vertriebenen uns außerhalb der Stadt gesammelt haben, um gemeinsam weiterzuziehen, weilte von Jakobs Familie niemand mehr unter uns, und am nächsten Tag sahen wir die Leichen einiger schrecklich entstellter Mitbrüder an uns vorübertreiben, darunter auch den Körper meines armen Schwagers. Leider konnten wir sie nicht bergen und sie begraben, wie es das Gesetz befiehlt.«
Ruben ben Makkabi zog erstaunt die rechte Augenbraue hoch. Anscheinend hatte sein Gast ihm die Geschichte vorher ein wenig anders erzählt. Aber er sagte nichts, sondern ließ ihn mit einem sanften Lächeln gewähren. Esra ben Nachum hatte die leicht zweifelnde Miene seines Gastgebers wahrgenommen und bemerkte hastig, seine Frau und seine Tochter würden die guten Neuigkeiten sicher gern selbst aus Jochanans Mund vernehmen. Ohne auf Antwort zu warten, öffnete er die Tür zum Küchentrakt und rief nach ihnen. Die Frauen schienen hinter der Tür gewartet zu haben, denn sie traten einen Herzschlag später ins Zimmer. Während Noomi sich über Jo-chanans Nachricht von ganzem Herzen freute, wirkte Mirjams Miene eher säuerlich, und sie rang sich widerwillig ein paar Glückwünsche ab. Auch Esras Gesicht wirkte wie eingefroren. Mit einem Mal aber ging ein erleichtertes Lächeln über sein Gesicht, und er legte Jochanan freundschaftlich den rechten Arm um die Schultern.
»Jetzt ist also Samuel dein Herr. Ein trefflicher junger Mann fürwahr, aber in Geschäftsdingen doch noch recht unerfahren. Er wird einen treuen Freund brauchen, der ihm zur Seite steht, und wer könnte besser dafür geeignet sein als ich, der Bruder seiner Mutter? Das musst du doch auch sagen, nicht wahr?«
Ohne Jochanans Antwort abzuwarten, malte Esra ihm aus, was für wundervolle Zeiten in Hartenburg anbrechen würden, wenn er die Geschicke der Familie lenkte. Ruben ben Makkabi hörte ihm mit einem seltsamen Lächeln zu, doch das einzige Wort, das man von ihm vernahm, war die Bitte an seinen Diener, Erfrischungen für die Gäste zu bringen.
5.
Jochanan löste die Gebetsriemen von seinem Arm und legte den Gebetmantel ab, den sein Gastgeber ihm geliehen hatte. Während er ihn sorgfältig glättete und zusammenfaltete, schwangen in seinem Herzen immer noch die heiligen Worte, die er in der Gemeinschaft der anderen Gläubigen hatte sprechen dürfen. Zu dieser Stunde empfand er es als eine Strafe des Herrn, dass es in Har-tenburg so wenige Juden gab und sie kein Bethaus hatten errichten dürfen, denn an diesem Tag hatte er erlebt, wie schön es war, Mitglied einer größeren Gemeinde zu sein. Zu seiner Beschämung musste er jedoch zugeben, dass er während der Gebete nicht nur an fromme Dinge gedacht hatte. Sein Blick war ein paarmal zu der vergitterten Empore hochgewandert, auf der die Frauen und Mädchen der Gemeinde Platz genommen hatten, und für einen kurzen Moment war in ihm der Gedanke aufgestiegen, in Ruben ben Makkabis Dienste zu treten. Wenn er hier lebte, würde er sich unter den hiesigen Mägden eine Braut suchen können und sicher auch die Erlaubnis zur Heirat erhalten. Die war in dieser Stadt gewiss nicht unerschwinglich hoch, denn der Magistrat von Augsburg tat viel für das Wohlergehen der Juden, auch gegen den Willen zahlreicher christlicher Mitbürger, die gerne vergaßen, wie viele Steuern durch diese kluge Politik in das Stadtsäckel flossen. Der Markgraf von Hartenburg verlangte von einem jüdischen Knecht mehr Geld für die Hochzeit, als dieser in seinem Leben verdienen konnte, und ließ auch nicht zu, dass eine Braut von außerhalb geholt wurde. Jakob ben Jehuda wäre bereit gewesen, die Heiratssteuer für ihn zu zahlen, aber dazu hätte er ihm eine der beiden Mägde als Braut präsentieren müssen. Für die magere, scheue Gomer empfand er jedoch nichts, und die hübsche Merab ließ ihn deutlich fühlen, dass sie sich für einen Knecht zu schade war.
Ruben ben Makkabis Eintritt unterbrach Jochanans Grübeln. Der Hausherr musterte den Knecht mit sichtlichem Wohlgefallen, legte ihm mit einer väterlichen Geste den Arm um die Schulter und führte ihn aus der geräumigen Kammer, die er ihm zur Verfügung gestellt hatte. »Ich bin überzeugt, dass du deinem jungen Herrn ein treuer Diener bist.«
»Ich hoffe, man ist mit mir zufrieden«, antwortete Jo-chanan ausweichend und fragte sich, was nun kommen mochte. Sein Gastgeber blickte ihn aufmunternd an. »Samuel besitzt einen klugen Kopf, und wird dich sicher zu schätzen wissen.«
Zu Jochanans Verwunderung brachte er ihn in die beste Stube des Hauses, die normalerweise nur Familienmitgliedern und hoch geehrten Gästen zugänglich war. Anders als in den schmucklosen und bescheidenen Räumen, die Jochanan bisher kennen gelernt hatte, waren die Wände hier mit bestickten Wandteppichen bedeckt, die religiöse Symbole und Sprüche aus dem Talmud trugen. Am schönsten fand Jochanan das Abbild eines siebenarmigen Leuchters, der von einem kunstvoll verschlungenen Schriftzug umgeben war.
»Gott wird uns auch aus diesem Ägypten befreien«, stand dort in hebräischer Schrift zu lesen.
Rubens Sohn Jiftach saß vor einem der Wandteppiche auf einem niedrigen Schemel und hielt einen Talmud in der Hand. Seine Schwester Hannah hatte in einer Ecke Platz genommen und stickte an einem weiteren Teppich, der wohl die Lücke über ihrem Kopf ausfüllen sollte.
Ruben ben Makkabi deutete mit einer weit ausholenden Geste auf die beiden. »Meine Kinder hast du ja bereits bei deinem ersten Besuch hier bei uns kennen gelernt. Sie sind nun in das Alter gekommen, in dem sie nach den Sitten unseres Volkes mit Ehegatten zusammen gegeben werden sollten. Ich hatte bereits mit Jakob ben Jehuda über eine Verbindung unserer Familien gesprochen. Wäre er nicht umgekommen, so hätten wir wohl noch heuer den Ehevertrag für Samuel und Hannah, sowie für Jiftach und Lea unterzeichnet. Samuel ist ein vortrefflicher junger Mann und der Erbe seines Vaters, und Lea wurde mir als fleißiges und energisches Mädchen beschrieben, das einen Haushalt wohl zu lenken weiß.«