Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
4.
Während Lea und Ketura sich darauf vorbereiteten, die verborgenen Schätze im Bett der Sarn zu heben, gönnte Jochanan ben Gerschom sich nur die notwendigsten Pausen, denn er wollte seinen Auftrag so schnell wie möglich erfüllen. Vor zwei Jahren, als sein Vater krank geworden war, hatte er dessen Stelle bei Jakob Goldstaub eingenommen und den Weg nach Augsburg mit der Kutsche zurückgelegt. Damals hatte er sich alle Mühe gegeben, die Strecke im Gedächtnis zu behalten, denn es war sein Traum gewesen, der vertraute Leibdiener Samuel ben Jakobs zu werden und ihn auf seinen Reisen zu kutschieren. Jetzt würde er warten müssen, bis Elieser genesen und vor allen Dingen alt genug war, die Geschäfte zu übernehmen, und seine Zukunft hing ebenso wie die des jungen Herrn davon ab, ob Lea das Erbe Jakob Goldstaubs für sie alle bewahren konnte.
Was das betraf, war Jochanan nicht sehr zuversichtlich, denn Lea war ja nur ein Mädchen, das nichts von Geschäften verstand und keinerlei Erfahrung besaß. Andererseits hatte sie bereits gezeigt, welch klugen Kopf sie auf ihren Schultern trug, denn sonst hätte sie den Markgrafen nicht so mühelos täuschen können. Während Städte wie Tübingen, Reutlingen, Ulm und Günzburg wie gesichtslose Schatten auf seinem Weg zurückblieben, versuchte Jochanan, aus dieser Tatsache Zuversicht zu schöpfen. Ging es Lea und ihrer Familie gut, hatten auch die Bediensteten ein festes Dach über dem Kopf und konnten manche Annehmlichkeiten genießen. Er würde alles tun, damit es so blieb, und vor allen Dingen wollte nicht er schuld sein, wenn innen die Heimat verloren ging. Gerschom hatte seinem Sohn oft genug erklärt, wie ein Jude sich auf Reisen zu verhalten hatte, und an diese Lehren hielt Jochanan sich. Nie nächtigte er im Freien, wo die Gefahr bestand, dass sich Räuber oder verspätete Reisende einen Spaß daraus machten, ihn zu quälen oder gar zu töten, und in den Herbergen bat er stets nur um einen Platz im Hof oder bei schlechtem Wetter unter einem Vordach. Dabei beklagte er sich weder über zu hohe Preise noch über schlechtes Essen und verlangte auch nicht nach koscherer Nahrung. Sein Vater hatte ihn auch vor dem Essen gewarnt, dem die Christen gerne Schweinefleisch beimischten, und so begnügte er sich mit Brot und Fisch, und Anfeindungen und derben Späßen begegnete er mit derselben freundlichen Langmut, die er bei seinem ermordeten Herrn so bewundert hatte. Jakob ben Jehuda hatte sich niemals beschwert, wenn man ihm Bier über den Kopf schüttete oder freche Burschen die von Schweinefett triefenden Hände an seinem Kaftan abwischten, sondern hatte seine Peiniger kraft seines Willens mit Freundlichkeit beschämt.
»Man muss sich biegen, wenn man nicht brechen will«, hatte Jakob ben Jehuda Jochanan auf jener Reise erklärt. »Samuel wird das noch lernen müssen, auch wenn er mehr Mut besitzt als die Ritter, die auf ihren Burgen sitzen, verächtlich auf uns Juden herabsehen und uns insgeheim glühend um den Reichtum beneiden, den Generationen unseres Volkes geschaffen haben, während sie und ihre Vorfahren ihr Hab und Gut in sinnlosen Fehden verschleuderten.«
Ja, Samuel war mutig gewesen, zu mutig vielleicht, dachte Jochanan und wünschte sich, er hätte mit Lea über ihn sprechen können. Sie verehrte ihren Bruder über jede Vernunft hinaus und hielt ihn für unfehlbar, denn sie hat-te nie ein kritisches Wort über ihn hören wollen. Jocha-nan glaubte, Samuel besser zu kennen als sie, und grübelte tagelang über der Frage, ob sein Herr und sein Vater noch am Leben sein könnten, wenn Samuel nicht versucht hätte, sie gegen die eindringenden Christen zu verteidigen. Irgendwann aber kam er zu dem Schluss, dass auch er aufbegehrt hätte, wenn sein Vater von rauen Händen geschunden worden wäre.
Als die Türme von Augsburg vor ihm auftauchten, verbannte Jochanan seine düsteren Gedanken tief in seinem Inneren. Bisher konnte er mit sich zufrieden sein, denn er hatte sein Ziel nach nur zehn Tagen erreicht und hoffte, den Rückweg in der gleichen Zeit zu schaffen. Als er sich dem wuchtigen, aus großen Quadersteinen errichteten Stadttor näherte, warf er den Wachen einen ängstlich prüfenden Blick zu, behielt aber sein einfältiges Lächeln bei und streckte ihnen unaufgefordert einen Doppelkreuzer als Torsteuer hin. Die Torwächter der Städte spielten einreisenden Juden oft böse Streiche, aber die Männer hier, die in die Farben der Stadt gekleidet waren und ihr Wappen auf der Brust trugen, interessierten sich nicht für einen jungen Mann in einem abgetragenen Kaftan mit verblasstem Judenring auf der Schulter, sondern nahmen ihm wortlos die Münze ab und winkten ihn genauso lässig durch wie andere Wanderer. Trotzdem wagte Jochanan erst stehen zu bleiben und sich umzusehen, als er das Tor ein Stück weit hinter sich gelassen hatte. Vor ihm öffnete sich die Straße zu einem kleinen Marktplatz, auf dem Bauern ihr restliches Gemüse und ein paar Hühner billig anboten, um endlich nach Hause zurückkehren zu können.
Jochanan zwängte sich zwischen den eng stehenden Wagen hindurch, wich unter dem Gelächter der Umstehenden einem Kasten aus, in dem mehrere Ferkel quiek-ten, und versuchte sich zu erinnern, welche der vier Gassen, die von dem Markt in die Stadt abzweigten, zum Judenviertel führte. Noch während sein Blick über die Häuserzeilen irrte, zupfte jemand an seinem Mantel. Er drehte sich um und sah einen Jungen vor sich, dessen Kittel das Waschen genauso dringend nötig gehabt hätte wie Hals und Gesicht.
Der Knirps starrte ihn aus blauen, unschuldig wirkenden Kinderaugen an. »Bist du fremd hier, Jude?«
Wider Willen nickte Jochanan.
»Wenn du mir sagst, wohin du willst, werde ich dich führen. Es kostet dich nur einen Heller.«
Jochanan atmete erleichtert auf und nestelte eine Münze aus dem dünnen Beutel an seinem Gürtel. »Ich will zu Ruben ben Makkabis Haus. Kennst du es?«
Der Junge machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wer kennt es nicht? Schließlich steht der alte Jude bei den Stadtoberen in hoher Gunst, höher sogar als die meisten ehrlichen Christenmenschen.«
Einen Augenblick lang war seinem Gesicht anzusehen, wie diese Tatsache die christlichen Einwohner fuchste. Sofort aber grinste er wieder, versprach Jochanan, ihn bis vor das Haus zu bringen, und fing geschickt die Münze auf, die dieser ihm zuwarf. Er führte Jochanan durch ein Gewirr von Straßen in ein Gässchen, in dem die hohen, schmalen Fachwerkhäuser sich mit jedem Stockwerk einander mehr zuneigten, bis die Giebel sich beinahe berührten. Unten am Boden herrschte trotz des hellen Tages ein diffuses Dämmerlicht, in dem man kaum die Hand vor Augen sehen konnte, und es stank so erbärmlich, dass Jochanan gar nicht wissen wollte, was alles auf dem weichen, glitschigen Boden herumlag. Da er sich nicht daran erinnern konnte, bei seiner Reise mit Jakob ben Jehuda durch diese schmutzige Gasse gekommen zu sein, tastete er nach seinem Führer, der vor ihm gehen musste. Doch den schien der Erdboden verschluckt zu haben.
Wütend über sich selbst, weil er trotz besseren Wissens auf einen schmierigen kleinen Jungen hereingefallen war, drehte Jochanan sich um, stapfte zum Ausgang der Gasse zurück und versuchte, das Judenviertel auf eigene Faust zu finden. Er schob sich an schwer beladenen Passanten vorbei, die ihm wütend befahlen, aus dem Weg zu gehen, oder ihn direkt gegen eine Hauswand stießen. Niemand war willens, auf seine Frage nach Ruben ben Makkabis Haus zu antworten, und so stolperte Jochanan in wachsender Verzweiflung weiter. Endlich stieß er auf einen größeren Platz, der von einer mächtigen Kirche beherrscht wurde. Er wusste nicht, ob er vor dem hiesigen Münster oder einer der geringeren Kirchen stand, so dass das Gebäude ihm auch nicht half, sich zu orientieren. Gerade, als er einen weiteren Versuch machen wollte, einen der Vorübereilenden zu fragen, fiel ihm eine Frau mit einer weißen Flügelhaube auf, die ihren Kopf völlig um-schloss und nur das Gesicht freiließ. Über ihrem langen Kleid aus dunkler Wolle trug sie einen hüftlangen Übermantel, auf dessen linker Schulter deutlich der gelbe Judenkreis zu sehen war, und in der Hand hielt sie einen schweren, mit einem bestickten Tuch bedeckten Korb.