Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Angelockt von den ungewohnten Geräuschen tauchte Sarah auf und fand Lea in unziemlicher Kleidung bäuchlings auf dem Arbeitstisch liegen und mit Armen und Beinen seltsame Bewegungen vollführen.
»Aber Kind! Was ist denn in dich gefahren?« Die Wirtschafterin sah sich dabei so ängstlich um, als fürchte sie, ein Dämon hätte sich in das Zimmer des toten Hausherrn eingeschlichen, um jedem, der sich darin aufhielt, die Sinne zu verwirren.
»Ich will schwimmen lernen«, antwortete Lea, ohne innezuhalten.
»Auf dem Tisch?!« Sarah versuchte, Lea mit einem spöttischen Lachen das Verrückte ihres Tuns vor Augen zu führen, aber ein Blick ihrer Herrin ließ sie verstummen.
»Im Wasser versuche ich es heute Nachmittag. Nach dem Essen werde ich eine Stelle suchen, an der mich niemand beobachten kann. Samuel konnte schwimmen, und ich habe Angst, dass es auffällt, wenn ich es nicht kann.« Das war keine gute Ausrede, aber Lea fiel auf Anhieb keine andere ein.
»Unsinn!«, antwortete Sarah auch sofort. »Wer sollte von Samuel verlangen, dass er schwimmen geht? Ach, Kind, ich weiß ja, dass du alles perfekt machen möchtest, aber du kannst dich nicht mit Haut und Haar in Samuel verwandeln. Du solltest die Täuschung nicht länger aufrechterhalten, denn der Markgraf oder sein Sekretär werden deine Maskerade eher früher als später durchschauen.«
Lea schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Die meisten Menschen nehmen nur das wahr, was sie zu sehen glauben, und zu denen gehört auch unser durchlauch-tigster Landesherr. Er wird nur das Gold anschauen, das ich ihm bringen werde. Aber noch haben wir es nicht, und ich habe Angst, dass Jochanan und Saul nicht früh genug zurückkehren. Daher muss ich schwimmen lernen, denn ich will den Hort in der Klamm bergen.«
Sarah hatte sich gerade gebückt, um die Büchse mit den Pinseln und Schreibfedern aufzuheben, die Lea achtlos auf den Boden gestellt hatte. Bei Leas Worten glitt ihr das Gefäß aus den Händen und verteilte seinen Inhalt über den Boden. »Beim Gott Abrahams, Isaaks und Israels, bist du wahnsinnig geworden?
Ich sollte dich in den Keller sperren, bis du wieder Vernunft angenommen hast. Abgesehen davon, dass allein der Gedanke, halb nackt im Fluss herumzuplanschen, ungehörig ist, willst du auch noch in die Felsenmühle eintauchen? Dort sind schon erwachsene Männer untergegangen, und die, die geborgen werden konnten, sahen aus, als wären sie von teuflischen Ungeheuern zerrissen worden. Was meinst du, was der Markgraf mit uns macht, wenn an Samuels Stelle ein totes Mädchen aus dem Wasser gezogen wird?«
Lea richtete sich auf und winkte ab. »Mir darf eben nichts passieren. Ich werde mir ein Seil um die Hüften binden, an dem Ketura mich herausziehen kann.«
»Ketura wird dich bei diesem Wahnsinn nicht unterstützen.«
»Dann musst du mich begleiten. Gomer ist nicht kräftig genug und Merab ... Nun ja, sie mag eine gute Pflegerin für Elieser sein, aber mein Leben würde ich ihr nicht anvertrauen. Sie lässt sich zu leicht ablenken und träumt meist in den Tag hinein.«
Sarah nickte widerwillig. »Darüber ärgere ich mich oft genug. Außerdem ist sie lange nicht so kräftig wie Ketu-ra.«
Sarah hatte schon oft bedauert, dass Gott ihrer Tochter so eine kurze, breite Gestalt und ein ebenso breites, aber ehrliches Gesicht verliehen hatte. Schönheit war Ke-tura nicht zuteil geworden, dennoch hatte Sarah gehofft, Saul wäre so vernünftig, um sie zu werben und endlich eine Familie zu gründen. Doch der Knecht war nur an der hübschen Merab interessiert, die ihm jedoch die kalte Schulter zeigte.
Lea stand auf und zog Sarah an sich. »Schön, dass du einverstanden bist. Ketura und ich werden am frühen Abend zum Fluss gehen. Sie wird das Seil halten, während ich schwimmen übe, und wenn ich mich sicher genug fühle, holen wir gemeinsam das Gold.«
Sarah ärgerte sich, dass Lea die Bestätigung ihrer Ansicht über Merab in die Zustimmung zu einem lebensgefährlichen Abenteuer ummünzte, aber sie spürte, dass weiterer Widerstand zwecklos war. Seit ihrer Rückkehr zeigte Lea den gleichen festen Willen, wie ihn ihr Vater besessen hatte und den bisher nur Samuel geerbt zu haben schien.
»Meine Tochter wird sich aber nicht als Mann verkleiden«, erklärte sie kämpferisch.
»Natürlich wird sie das nicht tun.« Der Gedanke, Ketura würde ihre ausladend weiblichen Formen in Männerkleidung stecken, brachte Lea zum Kichern. Kein Kaf-tan würde die üppige Brust der jungen Magd verbergen können. Sie wurde jedoch schnell wieder ernst und scheuchte Sarah mit der Bemerkung, Hunger zu bekommen, in die Küche.
In der Zeit, in der die Bauern bereits wieder von ihren Feldern auf ihre Höfe zurückgekehrt waren, verließen Lea und Ketura das Städtchen und wanderten die Sarn hinauf, bis sie eine Stelle erreicht hatten, an der ein Steilhang sie vor fremden Blicken schützte. Dort zog Lea sich um, band sich ein langes Seil um die Hüften und stieg ins Wasser.
Ketura nahm das andere Ende und hielt es krampfhaft fest.
»Woran erkenne ich denn, dass du in Schwierigkeiten bist?«
Das hatte Lea ihr zwar unterwegs schon zweimal erklärt, aber sie wusste, dass sie mit der nervösen Magd Geduld haben musste.
»Ich werde in den Fluss hinauswaten und dort, wo ich noch stehen kann, ausprobieren, wie lange ich es unter Wasser aushalte. Wenn ich abtreibe und nicht aus eigener Kraft zum Ufer zurückkehren kann, musst du mich herausziehen. Später in der Klamm wirst du mitzählen, wie lange ich unter Wasser bleiben darf. Wenn du die Zahl, die wir vorher ausmachen, erreicht hast, ziehst du mich einfach heraus. Stark genug bist du ja, Gott sei Dank!«
»Ja, das bin ich«, bestätigte Ketura mit kindlichem Stolz. Für eine Magd war das, was sie leisten konnte, wichtiger als gutes Aussehen, und Ketura versprach jetzt schon, eine ebenso tatkräftige, energische Frau zu werden wie ihre Mutter. Jetzt klopfte ihr Herz vor Aufregung im Hals, und ihre Hände zitterten, aber sie war fest entschlossen, über Leas Leben zu wachen, als wäre es ihr eigenes.
Im Gegensatz zu Sarah und Rachel, die viel von Sitte und Gesetz geredet und alles versucht hatten, Lea ihr Vorhaben auszureden, war Ketura von Anfang an der gleichen Meinung gewesen wie ihre junge Herrin. An deren Stelle hätte sie auch nicht zu Hause sitzen und warten mögen, ob die ausgesandten Knechte rechtzeitig mit dem Geld zurückkämen. Sie war sicher, dass ihr Bruder Jo-chanan alles daran setzen würde, Leas Auftrag zu erfüllen, aber auch er war den Wirrnissen des Schicksals hilf-los ausgeliefert. In den Abendstunden, wenn die Schatten durchs Haus krochen, malte sie sich aus, was ihm unterwegs alles zustoßen konnte, und sie wusste, dass selbst harmlose Zwischenfälle ihn daran hindern konnten, früh genug nach Hause zu kommen.