Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Dana hatte sich bei ihrer Bildhauerei früher auf wild zusammengeschweißte Drahtgebilde spezialisiert, deren Sockel sie mit Beton ausgoß oder mit Steinen beschwerte, und nachdem sie alle Hohlräume mit Schaumstoff ausgefüllt hatte, bewarf und bepackte sie diese Innereien mit einem Gemisch aus Holzwolle, Gips, Zement und Wasser. Wenn sie keine Holzwolle mehr hatte, nahm sie einfach Stroh. Ihr Hof war übersät mit Ungetümen und Gestalten aus unterschiedlichen Zeiten. Es waren ihre — wie sie meinte — verblassenden Beweise, daß sie früher etwas mehr Ehrgeiz besessen hatte. Viele ihrer Weißlinge alterten dort bereits seit Jahren.
— Ich drücke mich vor der Arbeit ganz gern. Die Tiere sollen mich im Grunde stören.
Wind und Wetter setzten Danas Statuen und Plastiken alljährlich brutal zu, besonders während des Winters, und sie entwickelten ihr Eigenleben. Die Gipsschicht quoll auf, bröckelte und blätterte ab. Das gefiel Dana so sehr, daß sie im Winter, wenn es zu wenig geregnet oder geschneit hatte.mit Wasser nachhalf. Sie wollte die Zerstörungsarbeit der frierenden Feuchtigkeit im Frühjahr unbedingt sehen. Es sollten sich neue Risse bilden, die Körper sollten nach und nach lose Teile abstoßen — aus eigener Kraft eben. Ausstellen durfte Dana sowieso nicht. Bald setzten ihre Ungetüme auch Moos an, die ersten Samen blieben an ihnen haften und gingen auf, ihre gipsernen Steher wurden immer grüner. Ihr Alter konnte man irgendwann an ihrer Verunkrautung ablesen. Die ganz frühen Arbeiten von Dana waren noch figürlich. Dana mochte sie nicht mehr und meinte, sie gehörten ihr gar nicht mehr.
— Ich habe ihnen längst ihre Freiheit wiedergegeben. Sie sind so etwas wie entlassene Sklaven und können tun, was sie wollen.
Man könne an ihren Männern, Frauen, Greisen und Kindern beobachten, meinte Dana, daß manche von ihnen im Alter ausgesprochen weise würden. Damit spielte sie auf die Gelassenheit derer an, die bereits nur aus ihren schaumig bedrahteten Innereien bestanden und trotzdem nicht klagten. Als Dana bei der Begrünung einmal nachhelfen wollte und die älteren Statuen, die sie am wenigsten mochte, mit Erde bewarf, kam ihr ein neuer Einfalclass="underline" Sie bepackte die Figuren, wo es ging, gezielt mit Muttererde und bepflanzte sie mit Hauswurz.
— Lebt weiter und laßt mich in Ruhe, sagte sie ihnen regelmäßig in der irrigen Hoffnung, sie würden sich eines Tages doch auf den Weg machen — oberirdisch zum Horizont oder senkrecht nach unten.
— Vivite semper! verwandelte sie später die Ansprache an ihre Verwesungskrieger.
Hauswurz gehört, wie ich in dem Zusammenhang erfuhr, zur Gattung der Semperviva. Weil Dana ihren Gipsmonsterbau doch nicht ganz aufgeben wollte, war der Hof irgendwann so gut wie voll. Danas abstrakte Plastiken aus späteren Jahren waren noch größer und schwerer als diealten und konnten mit den bescheidenen Mitteln von Danas Freunden kaum bewegt, geschweige denn über die Feldwege transportiert werden. Diese Neuzuwächse waren außerdem feiner gegliedert und hatten viele Engstellen, in denen sie hätten brechen können. Und vor allem knisterten sie vor unbewußter Materialverspannung, meinte Dana.
— Sie stören mich schon in ihrer Grundidee, so geht das nicht weiter.
Eines Tages kam ihr die ideale Entrümpelungsidee, die auch ihrer laufenden Tierkundschaft mehr Freiraum bescheren sollte. Sie beschloß, ihre nicht ganz lahmen, also transportablen Skulpturen auszusetzen und irgendwo draußen auf Wanderschaft zu schicken. Sie würden in der Landschaft schon allein klarkommen, meinte sie, und vielleicht viel besser als unter Aufsicht.
In einem sozialistischen Land waren viele Ideen und Aktivitäten absolut nicht realisierbar, dieses Vorhaben schien Dana aber durchaus möglich. Im Sozialismus gehörte nun mal alles allen, und die Wirklichkeit stimmte manchmal zufällig mit der Theorie überein — auch wenn es einfach der allgemeinen Trägheit, Schlamperei und Verantwortungslosigkeit zu verdanken war. Zum Glück verstand sich Dana mit dem Bürgermeister ausgezeichnet und hatte außerdem einen guten Draht zur Försterei. Und wenn auch alle Förster, wie man vermutete, mit der Staatssicherheit kooperierten und alles Wald- und Wiesen-Verdächtige melden mußten, konnte sich die Staatssicherheit nicht um alles kümmern. Die Truppe war offenbar dauernd ausgelastet, unterbesetzt und das Tschechenvolk als Ganzes ausgesprochen umtriebig. Aber eventuell wußten die Genossen in Danas Fall sogar Bescheid, und Dana hatte Glück mit ihnen. Aus Angst vor möglichen Störenfrieden legte sie die Transporte trotzdem in die Dämmerung, am liebsten in die Zeit der idiotischen Quizsendungen oder Serien, die niemand im ganzen Land versäumen wollte. Später waren keine Transporte mehr nötig, da sich Dana entschlossen hatte, direkt vor Ort, also draußen in der Landschaft zu bauen.
Danas Körper war der erste Frauenglobus, den ich gründlich und in allen Winkeln erforschen durfte. Ich wollte alles sehen, riechen und schmecken — seit vielen Jahren stand dieser Wunsch ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich war schon im Kindergarten daran interessiert, alle störenden Widersprüche und Unklarheiten empirisch zu klären. In einem vorsintflutlichen Aufklärungsbuch (Pilsen, 1913), mit dem mich später mein agiler Schulfreund Skopka — kurzfristig mit schweinischirdischen Dingen beschäftigt — verrückt machte, stand beispielsweise, daß das gutgepflegte weibliche ORGAN nach Bananen riechen würde. Die männliche Hälfte der Klasse war daraufhin außer sich vor Neugier, wozu zusätzlich unser sozialistisches Pech beitrug — echte Bananen gab es viel zu selten. Aber wir wären auch mit gereiften Bananen in den Händen machtlos gewesen. Die vielen neu aufgewirbelten Informationen nachzuprüfen war einfach unmöglich. Bis heute geht es mir so, daß ich im Wald, der nach ausgiebigen sommerlichen Regengüssen satt und schwer duftet, geneigt bin, mich nach gutgepflegten Vaginen umzusehen statt nach Pilzen. Der wohlige VAGINALDUFT war damals jedenfalls in aller Munde, autosuggestiv im Grunde fest in unseren Nasenhöhlen verfangen, und wir konnten bei unseren Vaginalgrübeleien wenigstens die Angst vergessen, uns könnte unter Umständen die gefährliche Phallus-Fäulnis drohen — oder sogar der finale Gliedverlust. Aus dem Pilsner Aufklärungsbuch wußten wir inzwischen alle, wohin die» Spirale des Onanismus «führen konnte.
Wir hatten in der Schulzeit aber auch noch andere, wenn auch inhaltlich verwandte Themen zu bearbeiten. In der Klasse wimmelte es von Busenknospen, die emsig mit der Zellteilung beschäftigt waren und sich dauerhaft in unserem Grapschradius befanden. Diese Teile füllten die Blusen der Mädchen immer dramatischer, und viele Knöpfe und Knopflöcher kamen dabei unter Zugspannung. Der gewölbte Stoff zwischen den einzelnen Knopfverbindungen gab dadurch den Sichtweg auf die Unterhemden oder sogar auf kleine Areale der nackten Haut frei. Wozu waren diese an sich funktionslosen und so hypertrophierten Wölbungen überhaupt gut, wenn die in ihnen steckenden Milchdrüsen noch so winzig waren? Um diese zu schützen? Vor uns? Die Brüste schienen nur deshalb auf der Welt zu sein, um Aufmerksamkeit zu erregen, um zu reizen. Das dichterische Wort» vnady «schien dies — etymologisch gesehen — nur zu bestätigen. Auf die Brüste bezogen bedeutet es im Tschechischen die» Köderinnen«,»Anlockerinnen«,»Anmacherinnen«. Irgendwann tauchte in der Klasse natürlich auch ein alter, von Samenspuren gezeichneter Raubdruck von Henry Millers» Wendekreis des Krebses «auf. Die weltweit erste Übersetzung in eine Fremdsprache erfolgte seinerzeit ausgerechnet ins Tschechische — schon im Jahr 1938.
Die Mädchen aus unserer Klasse um eine Riechprobe ihrer sicher gutgepflegten Bananenhülsen zu bitten traute sich trotz des kollektiven Rauschzustandes niemand. Unser Hauptsitzenbleiber Richard, der Terminator, verwirrte uns mit seinen Witzen leider noch zusätzlich. Um hygienische Bananen ging es dabei nicht mehr:»Ein Blinder geht am Fischladen vorbei und sagt: >Seid ihr das, Mädels?<«Manchmal sprach er außerdem vom» Fotzenkäse«,»Futkäselingen «oder vom» Futquark«. Wer auf diesem Gebiet später keine Erfahrungen machen sollte, dem war und ist nicht zu helfen.