Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Irgendwann hatte sich in mir so viel an bunkerbrechender Energie und Ignoranz eingefunden, daß ich Danas restliche Verschalungen durchbrechen konnte. Vielleicht war das im allerletzten Moment — mein sexueller Überdruck war möglicherweise schon dabei gewesen, mich in ein psychotisches Meerschweinchen zu verwandeln, wer weiß. Weil sich Dana hatte zermürben lassen und eines Tages nachgegeben hatte, rettete sie nicht nur meinen Geist, sondern auch meinen Penis — diesen konkret vor Hautverlust durch zu häufige Abschabung. Ich liebte an ihr so etwas wie das Konzentrat des besten, was ich an schön gereiften, egal wie betagten Frauen so liebte, was ich gern roch und zu Hause jederzeit — dort selbstverständlich asexuell — berühren durfte.
Dana bekam von mir all das, was eher die destillierte weibliche Essenz meiner Tanten und Großmütter hätte bekommen müssen. Danas sanfte und passive Art zwang mich zu handeln, ihre Zurückhaltung ließ in mir neue Haltlosigkeiten keimen. Sie machte mich in meiner Phantasie zu einem riesigen Kerl, der ich auch nach zehn oder zwanzig Jahren — ehrlich gesagt bis heute — nicht bin. Manchmal war sie auch etwas störrisch, gab nicht gleich nach, ließ mich zappeln und kochen. Gibt es etwas Aufregenderes? In der Regel aber war sie in ihrer Begeisterung, so uneingeschränkt begehrt zu werden, ausgesprochen zahm. Sie ließsich von mir sogar am hellichten Tag in einem öffentlichen Garten unterhalb der Prager Burg beschlafen, obwohl es ihr absolut nicht behagte. Sie schlief mit mir auch mal nachts mitten auf einem Feldweg — um mit mir gemeinsam für die Berechtigung der Frage» Why don't we do it in the road?«zu demonstrieren. Ich konnte einfach nicht aufhören, Dana unvernünftig und schwerenöternd zu lieben, ich war unersättlich, dauernd außer mir. Ich hätte sie am liebsten pausenlos neben mir gehabt, jederzeit zur Verfügung. Sie allein, sie, nur sie, sie ohne Beigaben — vor allem ohne ihr absolut unerotisches Bestiarium.
Ich war nie ein begeisterter Menschenretter und Menschheitshelfer und bin es bis heute nicht. Ich war vor allem aber auch nie ein großer Tierfreund. Ich mochte Danas arme Bauernhausgeschöpfe nur notgedrungen, alleiniger Herr über ihr Leben und Tod zu sein wäre für mich eine Strafe gewesen. Wenn mir an Danas viehischem Miteinander etwas gefiel, dann war es höchstens das Abgefahrene und Abnorme des Ganzen. Für gelebtes Chaos konnte ich mich immer nur dann begeistern, wenn es nicht mich, sondern andere belastete. Dana mochte die Verursacher und Protagonisten ihres zoo-artigen Durcheinanders trotz aller Exzesse über alles — war einfach eine Altruistin der Sondergüte. Daß sie es als Frau an meiner Seite war, ließ ich mir außerhalb der Stadt gern gefallen. Ich sah Dana bei den Fütterungs- und anderen Ritualen gern zu, mich beeindruckten dabei auch ihre Leichtigkeit und Geduld. Wenn ich allerdings länger zusehen mußte, wie sie mit ihren Schützlingen sprach und sich dabei zum bestimmerischen Leittier verwandelte, fühlte ich mich bald wie ein viel zu vernünftiger Ziegenbock oder ein depotenzierter Hund.
Das Dumme war, daß Dana in ihrer vor allem auf Tiere ausgerichteten Hingabe keine Grenzen kannte. Wenn sie sich von der Bildhauerei erholen wollte, machte sie großeSpaziergänge in ihrer Hügellandschaft und sammelte alle verletzten Geschöpfe, die sich anfassen und fangen ließen. Diese mußten anschließend nicht nur ärztlich behandelt und aufgepäppelt, sondern oft dauerhaft versorgt werden. Ihr Bauernhof füllte sich im Laufe der Jahre mit Leben. Und da Dana im Winter ihre Ställe nicht beheizen konnte, kamen dann viele der Tiere ins Haus. Der stinkende Dachs — »Eiterbeule «genannt — konnte zum Glück draußen bleiben, das an beiden Vorderläufen teilamputierte und immer noch sehr scheue Reh auch. Alfons und der andere fußlahme Storch, außerdem noch der altersschwache Fischreiher mußten im Winter aber einziehen, vergnügten sich allerdings vorwiegend in der kühleren, im Winter nicht genutzten Haushälfte. Dafür hausten alle ihre prominenten Papageien das ganze Jahr in der Bauernstube, Eichhörnchen lebten in der Küche in großen Käfigen und wollten — um ihre Nußvorräte nicht im Stich zu lassen — im Winter gar nicht ins Freie, Schildkröten gehörten seit Jahren sowieso zu Danas Haushalt. Die Aufzählung ist hier aber lange noch nicht zu Ende.
Zum Glück hatte Dana einen netten Nachbarn, der die Pflege ihrer Hausbelegschaft übernahm, wenn sie in die Stadt fahren wollte. Wenn Dana ihr Dorf verließ, fuhr sie meistens zu uns nach Prag. Beim Verlassen ihres Zoos kam ihr manchmal — ihr eben auch, gab sie zu — ihr unmärchenhaftes Tierhäuschen, das voller Geschöpfe ohne Vernunft war, plötzlich pervers vor. Wenn wir uns im Winter — manchmal gemeinsam — dem Haus näherten, konnten wir nie wissen, was uns erwartete, was Danas liebe Tierkinder in ihrer Freizeit angestellt hatten. Das Haus steckte eben voller Leben, das heißt auch Zerstörung. Immer wieder wurde dort gestorben. Dana zerteilte im Winter den hellen Windfang und länglich auch die Hälfte des Flurs mit Netzen und Decken und ließ dort das zweiflüglige Bussardpaar hausen. Jeder dieser Bussarde hatte nur einen intaktenFlügel, auf der anderen Körperseite nur einen Stumpf. Die Sommervoliere war für sie wegen ihrer Fluglahmarschigkeit angeblich zu zugig. Wenn man das Haus betreten wollte, mußte man sich an den Netzen und Decken der Bussarde erst mühsam vorarbeiten und die beiden ängstlichen Bewacher stören. Zum Glück wurde schon im Herbst auch ein tiefer liegendes Fenster auf der Seite des Hauses zum Ersatz-Eingang umfunktioniert.
Ausgerechnet im Schlafzimmer tobte das zukünftige Bussardfutter — in großen Kisten, für die sich dort genug Platz fand, wurden im Winter Mäuse gezüchtet. Der Raum war kühl und konnte gefahrlos gelüftet werden. Die Mäuse vermehrten sich prächtig und beschäftigten sich relativ laut. Viel leiser, aber um so geruchsintensiver waren die Fische im Bottich, die für den Reiher geliefert wurden und im Winter in der Küche planschen durften. Danas drei etwas unterversorgte und relativ autonome Katzen hatten aus Sicherheitsgründen keinen Zutritt ins Haus, krochen zum Ausruhen und Schlafen an der Außenwand des Hauses hoch und hatten ihre Quartiere in der Nähe der Schornsteine auf dem Dachboden. Rumps, rumps, bremsss — hörte man, wenn sie dort losrasten und abrupt zum Stehen kamen, um punktgenau eine in Freiheit lebende Maus zu fangen. Wie sie der Maus danach mit ihren Backenzähnen und einem einzigen Biß den Schädel knackten, um den Körper im Stück — samt Haut — verschlingen zu können, hörte man nicht mehr. Unten im Haus waren für die Mäusejagd die Störche zuständig.
Unglücklicherweise wußte man über das große Herz von Dana in allen umliegenden Dörfern Bescheid, und die Leute brachten immer neue lahme Kreaturen vorbei. Jeder rechnete damit, Dana würde nicht nein sagen können. So wurde sie auch zu Rettungsaktionen für verunglückte Schwäne oder angeschossene Hasen gerufen und kam oft gar nicht zum Arbeiten.Daß es in Danas Haus etwas stank, versteht sich von selbst. Und daß Dana aus Geldmangel nicht viel heizen konnte und deswegen auch wenig lüftete, machte die Geruchssituation nicht besser. Ich gewöhnte mich daran. Die offensichtliche Verkeimung der Räume würde mich wenigstens, dachte ich damals, gegen alle möglichen Krankheiten immun machen. Über die Gefahren der möglichen Virenmutationen wußten wir damals noch nichts. In der Dunkelheit entwischte ab und zu ein Feder- oder Pelztier aus seiner Behausung, wuselte unterm Bett oder hing in den Vorhängen. Der Fußboden im Haus war undefinierbar dreckig, und Dana hatte es irgendwann aufgegeben, ihn sauberzuhalten. Von ihr lernte ich wenigstens, daß man auch mit dreckigen Füßen ins Bett gehen kann — man zieht sich einfach saubere Socken über.