Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Am längsten ging ich mit Tanja, und meine Liebe zu Tanja war die tiefste, die mir in dieser Zeit geschenkt wurde.Tanja war die hüftschmalste Frauengestalt aus der Clique, trug immer die engsten Jeans oder einen fast nicht vorhandenen Minirock. In ihren lockeren Pullovern kamen ihre breiten und etwas spitzen Schultern einmalig zur Geltung, und die Art, wie aufrecht sie ihren schmalen Oberkörper durch die Gegend trug, war phänomenal. Eine vergleichbar reizende Körperhaltung war mir bis dahin nicht begegnet. Die Ausnahmequalität ihrer Körperlichkeit begriff ich — ERKANNTE SIE — nicht erst unter Alkoholeinfluß. Bei Partys durfte ich mich aber endlich auch mit ihrem herrlichen, unter ihren T-Shirts sonst kaum auffallenden Busen beschäftigen.
Tanja begeisterte mich noch aus einem weiteren Grund: Sie hatte pausenlos gute Laune, lachte und kicherte bei jeder Gelegenheit, konnte sich nie satt lachen. Und sie hatte eine unwiderstehlich sprechende Mimik. Ansonsten war sie ein anständiges Mädchen, woran ihre Bereitschaft, sich als einzige von mehreren auf einmal küssen und streicheln zu lassen, nichts ändern konnte. Sie war die erste, die sich später — es war im zweiten Jahr ihrer Lehre — das Leben nahm. Die Russen waren gerade einmarschiert, moralisch und kulturell zerfiel das Land im Zeitraffertempo. Bald danach brachte sich Adela um, auch sie gehörte zu jenen, die früher pausenlos etwas zu kichern hatten. In den siebziger Jahren wirkliche Lust am Leben zu behalten — oder sogar die frühere gute Laune — war fast unmöglich. Tanja konnte wegen ihrer nur mittelmäßigen Zensuren nicht studieren, beim Theater kam sie — wie ihr Bruder in den sechziger Jahren — auch nicht unter, und bei der Ausbildung zur Buchbinderin mußte sie den ganzen Tag in einem schlechtbeleuchteten Kellerraum der Stadtbücherei arbeiten. Die Werkstatt befand sich tief unter der Erde, und die Fenster waren schmal, so daß Tanja von der Außenwelt nur vorbeieilende Füße zu sehen bekam. Daß ich Tanja in den Tod hätte folgen können, kam mir damals noch nicht ausreichend verlockendvor. Und ich bewegte mich in der Zeit, als sie sich mit Gas vergiftete, sowieso in ganz anderen Kreisen. Tanjas Tod verdampfte seltsam weit von mir. Ich war inzwischen ein Gymnasiast.
dana
Das große Schleichen unserer beiden Körper zueinander war längst eingeläutet, trotzdem kamen und kamen wir nicht von der Stelle — zwei Jahre lang. Welche der kleinen Muskeln aus der Umgegend der Augen dafür zuständig sind, Bedürftigkeit zu signalisieren, wußte ich damals nicht einmal ansatzweise, Danas trichterförmige Blicke konnte ich aber ohne weiteres deuten, und sie waren kaum zu ertragen. Besonders dann, wenn ich ihren naturgeprägten Körpergeruch in die Nase bekam. Sie lebte in einem Bauernhaus und besaß viele Tiere — deswegen schleppte sie immer ein für sie charakteristisches Humus-, Federvieh- und Pelztierduftgemisch mit sich. Wir mußten uns beide ausgiebig quälen, bis unsere Vernunft eines Tages endlich verbraucht war. In der Zwischenzeit hatte sich auch einiges um uns herum geändert, und ich wurde etwas erwachsener — wenn auch unverändert naiv wie dürr. Die Russen waren ins Land gekommen, um bei uns für immer zu bleiben.
Dana hatte etwas wunderbar Zurückgenommenes. Für mich hatte ihre weibliche Unsicherheit den Vorteil, daß ich mich bei ihr wie ein mutiger Tatmensch fühlen konnte, der ich eigentlich nicht war. Ich mußte keine übermännliche Arbeit leisten. Dana muß sexuell vollkommen ausgehungert gewesen sein, wenn auch anders als ich. In unseren geschlechtlichen RBM-Phasen (soll heißen: rapid body movements) bekam sie einen schlafwandlerischen Gesichtsausdruck. Ob sie dazu auch schon früher geneigt hatte, wußte ich nicht. Sie darüber auszufragen war absolut unmöglich. Ich bekam bei ihr regelmäßig das Gefühl, ihr Körper und ihr Kopf würden sich zeitweilig voneinander verabschieden; eben dann, wenn ihre Erregung einen Grad erreicht hatte, dem die intellektuelle Draufsicht nicht gewachsen war. Und nicht unwichtig: Dana hatte damals schon graue Haare. Das gefiel mir ungemein — alles, was vor uns lag, war so prächtig verboten. Ehrlich gesagt würde ich jedem seine Dana wünschen. Dana war für mich greifbar nah und auf eine Weise verfügbar, wie es andere weibliche Familienwesen normalerweise nicht sind. Später hieß es, sie wäre von mir sexuell abhängig gewesen. Dabei war ich nichts anderes als ein verzotteltes Bündel Gier.
Auf unserem Kippbettgestell für Besucher, das aus Halbzoll-Wasserrohren (Stahl, verzinkt) und einem Türflügel zusammengebastelt war, mußte man heftige Bewegungen unbedingt meiden. Wegen der dünnen Vorhänge war man auf diesem Schlafplatz jedem, der den Flur betrat, praktisch ausgeliefert. Der Flur wurde hier in den Zeiten der Belegung zwar nach Möglichkeit gemieden und rücksichtsvoll über die Durchgangszimmer umgangen — allerdings nicht immer.
— Erna hat nachts so schlecht geschlafen, ich muß hier durch.
Leider ist Sex in völliger Erstarrung überhaupt nicht praktikabel. Der Rahmen des Bettgestells machte zwar einen massiven Eindruck, da die Stahlrohre mit gußeisernen Verbindungsstücken zusammengeschraubt waren — das dauerprovisorische Gästezimmer war als Versteck trotzdem eine einzige Schwachstelle. Die geblümten Als-ob-Wände aus Stoff reagierten auf jede kleine Luftbewegung, auf Husten oder Hüsteln sowieso. Und bei Geräuschen, deren Grund unklar und deren Quelle nicht zu sehen ist, wird auch ein normalerweise träger Mensch hellhörig. Als die schlimmste Geräuschquelle entpuppten sich allerdings die vom Onkel gewagt ausgeklügelten Behelfsscharniere aus Leder, die den Bettrahmen mit der Wandverankerung verbanden; davor war mir das Knurren dieser Streifen aus Massivleder nichtso negativ aufgefallen. Ich lag auf Dana, sie ließ ihre Beine steif aneinandergepreßt und war dort unten wahrscheinlich sowieso viel zu trocken — jedenfalls war das der Eindruck, den mir meine Eichel meldete. Objektiv gesehen hatte ich während unserer ersten Nacht absolut keine Chance, vorwärtszukommen. Wir konnten uns während dieser Abmühungsphasen aber wenigstens extrem leise verhalten. Ich durfte Dana am Hals und um die Ohren herum küssen, mit ihren kleinen Brüsten spielen. Mit ihren für meine Begriffe riesigen Brustwarzen durfte ich wirklich alles machen, was ich wollte. Für meinen Penis, der viel zu lange unter gewaltigem Dauerüberdruck stand, war das alles eine schlimme Tortur — und sicher alles andere als gesund.
Diesem langgezogenen Lustspiel ging natürlich einiges voraus. Ich umarmte Dana bei einem Spaziergang während eines Gesprächs über ihre Tiere, und weil sie dabei einfach weiterredete, konnte die leichte Umarmung nach und nach etwas unzüchtiger werden. Es geschah auf einem Waldweg in der Nähe ihres Bauernhauses. Als ich mit der Hand weiter vorrutschte und auf dem Umweg über den Rücken ihren rechten Busen erreichte, hatte ich gewonnen. Sie protestierte auch jetzt nicht. Und als ich dann schon unter ihrem Hemd auf der nackten Haut war, atmete sie sogar leicht aus, so daß ich besser unter ihren flachen BH gleiten konnte. Dieser Vorstoß war köstlich und voller Perspektiven. Das nächste Vorspiel — diesmal war es bei uns in der Stadt — provozierte sie (denke ich) relativ arglos, indem sie sich in einer Kneipe viel zu breitbeinig hinsetzte und einen Fuß auf der Sitzkante meines Stuhls abstellte. Sie saß neben mir und war mir zugewandt — und ich hatte so lange ihren Schritt und die normalerweise eher verborgenen Nähte ihrer Jeans vor Augen, daß ich nicht umhinkonnte, als mit dem Zeigefinger in ihrem Schritt herumzuzeichnen. Ich strich während des Gesprächs kommentarlos an den Nähten lang, im übrigen Raum konnte man davon nicht viel mitbekommen.Seit einiger Zeit brachte mir meine ältere Cousine das Nähen mit der fußbetriebenen Nähmaschine bei.