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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Plötzlich eilte er entschlossen zum Lager zurück. Der Bader ging mit ihm zu einem felsigen Uferstück in der Nähe der Themse-Mündung, wo sie einen grauen Geröllblock mit flacher Oberfläche wählten, den Ebbe und Flut in langen Jahren geglättet hatten. Mit Hilfe von Tatus zogen sie den Block heraus.

Rob hatte die Inschriften selbst einmeißeln wollen, kam aber davon ab. »Wir sind schon zu lange hier«, drängte der Bader. »Lass es rasch und ordentlich von einem Steinmetz besorgen. Ich werde ihn für diese Arbeit bezahlen, und wenn du deine Lehrzeit beendet hast und für Lohn arbeitest, kannst du mir den Betrag zurückzahlen.«

Sie blieben noch so lange in London, bis die drei Namen und die Daten in den Block gemeißelt waren und der Stein auf dem Friedhof unter der Eibe aufgestellt wurde.

per Bader schlug Rob mit seiner fleischigen Hand auf die Schulter und warf ihm einen wissenden Blick zu. »Wir sind Reisende. Wir kommen schließlich an jeden Ort, wo du dich nach deinen anderen drei Geschwistern erkundigen kannst.«

Er breitete die Karte von England aus und zeigte Rob, dass sechs große Landstraßen von London ausgingen: nach Nordosten die nach Colchester; nach Norden die nach Lincoln und York; nach Nordwesten die nach Shrewsbury und Wales; nach Westen die nach Silchester, Winchester und Salisbury; nach Südosten die nach Richborough, Dover und Lyme; nach Süden die nach Chichester. »Hier in Ramsey«, erklärte er ihm und zeigte mit dem Finger auf Mittelengland, »lebt doch eine verwitwete Nachbarin Della Hargreaves bei ihrem Bruder. Sie wird dir den Namen der Amme sagen können, der sie den kleinen Roger übergeben hat, und du wirst ihn aufsuchen, sobald wir das nächste Mal nach London kommen. Und hier liegt Salisbury, wohin deine Schwester Anne Mary, wie du erfahren hast, von ihrer Pflegefamilie, den Haverhills, mitgenommen wurde.« Er runzelte die Stirn. »Schade, dass wir nichts davon wussten, als wir während des Jahrmarktes in Salisbury haltmachten«, sagte er, und Rob lief ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, dass er und das kleine Mädchen einander sehr wohl in der Menge begegnet sein mochten.

»Das macht nichts«, tröstete ihn der Bader. »Wir werden im Herbst auf dem Rückweg nach Exmouth wieder nach Salisbury kommen.« Rob fasste frischen Mut. »Und in allen Orten, in die wir im Norden gelangen, werde ich Priester und Mönche fragen, ob sie Vater Lovell und seinen jungen Schützling William Cole kennen.« Früh am Morgen verließen sie London auf der breiten Lincoln Road, die nach Norden führte. Als sie alle Häuser und den Gestank der großen Stadt hinter sich gelassen hatten und zu einem besonders reichhaltigen Frühstück neben einem laut plätschernden Gewässer haltmachten, waren sich die beiden einig, dass eine Stadt nicht der angenehmste Aufenthaltsort war, um Gottes reine Luft zu atmen und die Wärme der Sonne zu genießen.

Lektionen

An einem Tag Anfang Juni lagen sie auf dem Rücken am Rand eines Baches in der Nähe von Chipping Norton, beobachteten die Wolken durch das Blätterdach und warteten darauf, dass die Forellen anbissen.

Ihre Weidenruten lagen bewegungslos auf zwei Astgabeln, die im Boden steckten.

»Es ist zu spät im Jahr, da beißen keine Forellen mehr auf Regenwürmer an«, murmelte der Bader. »In zwei Wochen, wenn es Heuschrecken auf den Feldern gibt, wird man die Fische rascher fangen.« »Wie erkennen männliche Würmer den Unterschied?« fragte Rob. Der Bader, der halb schlief, lächelte. »Zweifellos sehen alle Würmer in der Dunkelheit gleich aus - wie die Frauen.« »Frauen sehen weder bei Tag noch bei Nacht gleich aus«, widersprach Rob. »Sie sind einander ähnlich, doch jede riecht und schmeckt verschieden, fühlt sich anders an.«

Der Bader seufzte. »Das ist das große Geheimnis, das die Männer anlockt.«

Rob stand auf und ging zum Wagen. Als er zurückkam, hielt er ein glattes Stück Fichtenrinde in der Hand, auf das er mit Tusche das Gesicht eines Mädchens skizziert hatte. Er hockte sich neben den Bader und hielt es ihm hin. »Erkennt Ihr sie?« Der Bader betrachtete die Zeichnung. »Es ist das Mädchen von letzter Woche, die Kleine aus St. Ives.«

Rob nahm sein Werk zurück und betrachtete es zufrieden. »Warum hast du ihr das hässliche Mal auf die Wange gezeichnet?« »Das Mal war da.«

Der Bader nickte. »Ich erinnere mich. Aber du kannst sie mit Gänsekiel und Tusche hübscher erscheinen lassen, als sie in Wirklichkeit ist. Warum ermöglichst du ihr nicht, sich vorteilhafter zu sehen, als die Welt sie sieht?«

Rob runzelte die Stirn und war verwirrt, ohne zu wissen, warum. Er musterte das Bild. »Jedenfalls hat sie die Zeichnung nicht gesehen, weil ich sie angefertigt habe, nachdem ich sie verlassen hatte.« »Aber du hättest doch nach der Natur zeichnen können.« Rob hob lächelnd die Schultern.

Der Bader setzte sich hellwach auf. »Nun wird es Zeit, deine Begabung praktisch auszuwerten«, sagte er.

Am nächsten Morgen machten sie bei einem Holzfäller halt und ersuchten ihn, Scheiben von einem Fichtenstamm abzuschneiden. Die Holzscheiben waren eine Enttäuschung, denn sie waren so stark gemasert, dass man kaum mit Kiel und Tusche auf ihnen zeichnen konnte. Aber die Scheiben von einer jungen Buche erwiesen sich als glatt und hart, worauf der Holzfäller bereitwillig eine mittelgroße Buche für sie zersägte, die sie mit einer Münze bezahlten. An diesem Nachmittag verkündete der Bader nach der Vorstellung, dass sein Mitarbeiter kostenlos Porträts von einem halben Dutzend Einwohner von Chipping Norton anfertigen würde. Die Folge waren ein Mordsgedränge und große Aufregung. Die Menge versammelte sich um Rob und sah neugierig zu, wie er die Tusche anrieb. Aber er war schon ein erfahrener Gaukler, und prüfende Blicke machten ihm nichts aus. Auf jede Holzscheibe zeichnete er ein Gesicht: eine alte Frau, zwei Jungen, zwei Milchmädchen, die nach Kuhstall rochen, und einen Mann mit einer Warze auf der Nase.

Die Frau hatte tiefliegende Augen und einen zahnlosen Mund mit faltigen Lippen. Einer der Jungen war dick und hatte ein rundliches Gesicht, und es kam Rob vor, als male er Gesichtszüge auf einen Kürbis. Die Mädchen waren Schwestern und sahen einander so ähnlich, dass es eine Herausforderung darstellte, die fast unmerklichen Unterschiede festzuhalten; der Versuch misslang, denn sie hätten ihre Porträts vertauschen können, ohne es zu bemerken. Von den sechs Zeichnungen war Rob nur mit dem letzten Porträt zufrieden. Der Mann war nicht mehr jung, und seine Augen und jede Linie seines Gesichts zeugten von Schwermut. Ohne zu wissen, wie, hatte Rob die Traurigkeit festgehalten, und ohne zu zögern zeichnete er die Warze auf der Nase. Der Bader erhob keinen Einspruch, denn alle Abgebildeten waren mit ihrem Konterfei sichtlich zufrieden, und es gab andauernden Beifall von den Zuschauern.

»Wenn ihr sechs Flaschen kauft, bekommt ihr- gratis, meine Freunde! -ein solches Porträt«, brüllte der Bader, hielt das universelle Spezificum in die Höhe und ließ seinen immer gleichbleibenden Vortrag vom Stapel.

Bald hatte sich vor Rob, der eifrig zeichnete, eine Schlange gebildet. Eine noch längere Schlange stand vor dem Podium, auf dem der Bader stand und seine Medizin verkaufte.

Seit König Knut die Jagdgesetze gemildert hatte, bekam man in den Fleischerläden ab und zu Wildbret. Auf dem Marktplatz von Aldreth kaufte der Bader einen großen Rehrücken. Er rieb ihn mit wildem Knoblauch ein und brachte tiefe Schnitte an, die er mit kleingewürfeltem Schweinespeck und Zwiebeln füllte; die Außenseite bestrich er reichlich mit süßer Butter und begoss sie während des Bratens andauernd mit einer Mischung aus Honig, Senf und braunem Ale. Rob aß herzhaft, aber der Bader aß das meiste selbst, dazu eine erstaunliche Menge Rübenmus und einen Laib frisches Brot. »Noch ein kleines Stückchen, um bei Kräften zu bleiben.« Er grinste. Seit Rob ihn kannte, hatte er eine Menge zugenommen, vielleicht an die achtzig Pfund. Er hatte einen Specknacken, seine Unterarme waren dick wie Schenkel und sein Bauch segelte vor ihm her wie ein geblähtes Segel in einer steifen Brise. Sein Durst war ebenso erstaunlich wie sein Appetit.

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