Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Man band ihnen Tücher über die Augen, dann wurden sie in gebührendem Abstand zu beiden Seiten des Pfostens mit einem drei Yard langen Seil am Fußknöchel festgebunden.
»Wartet«, rief der Mann namens Dustin. »Zuerst noch einen Drink!« Johlend brachten die Freunde jedem Kandidaten einen Becher Metheglin, der rasch ausgetrunken wurde.
Die Männer mit den verbundenen Augen zogen ihre Dolche. Das Schwein, das zwischen den beiden festgehalten worden war, wurde nun auf den Boden hinuntergelassen. Es versuchte sofort davonzulaufen, aber weil es angebunden war, konnte es nur im Kreis rennen.
»Das Ferkel kommt, Dustin!« rief jemand. Der Engländer machte sich bereit und wartete, aber das Geräusch des laufenden Tieres wurde vom Schreien der Männer übertönt, und das Schwein war an ihm vorbei, bevor er es merkte. »Jetzt, Vitus!« schrien die Dänen.
In seiner Angst rannte das Ferkel geradewegs in den dänischen Treiber hinein. Der Mann stach dreimal nach ihm, ohne es zu treffen, und es flüchtete laut quiekend dorthin zurück, wo es hergekommen war. Nun konnte sich Dustin nach dem Geräusch richten und stürzte aus seiner Richtung auf das Ferkel, während Vitus aus der anderen kam. Der Däne stach auf das Ferkel ein, und Dustin wimmerte, als die scharfe Klinge ihm den Arm aufschlitzte.
»Du nordisches Arschloch.« Er schlug in einem wilden Bogen zu, kam aber weder in die Nähe des quiekenden Ferkels noch in die seines Gegners.
Jetzt rannte das Schwein über Vitus' Füße. Der dänische Treiber packte das Seil des Tieres und konnte das Schwein in Reichweite seines
Dolches ziehen. Sein erster Stich traf es am rechten Vorderhuf, und das Schwein schrie. »Jetzt hast du es, Vitus!« „Mach es fertig! Wir essen es morgen!«
Pas schreiende Schwein war ein leicht auszumachendes Ziel, und Dustin stürzte sich auf das Geräusch. Doch seine Hand glitt an der glatten Flanke des Ferkels ab, und die Klinge bohrte sich bis zum Heft in Vitus' Bauch.
Der Däne stöhnte nur leise, sprang aber zurück und riss sich damit den Bauch auf.
Das einzige Geräusch in der Kneipe war nun das Quieken des Schweins.
»Leg das Messer weg, Dustin, du hast ihn erledigt«, rief einer der Engländer. Sie umringten den Treiber; die Augenbinde wurde ihm heruntergerissen und seine Fußfessel durchschnitten. Wortlos führten die dänischen Treiber ihren Kameraden weg, ehe die Engländer sich rächen oder die Männer des Vogts geholt werden konnten.
Der Bader seufzte. »Lass uns zu ihm durch, denn wir sind Bader-Chirurgen und können ihm vielleicht Beistand leisten.« Aber es war klar, dass sie kaum etwas für ihn tun konnten. Vitus lag wie zerbrochen auf dem Rücken, hatte die Augen aufgerissen, und sein Gesicht war grau. In der klaffenden Wunde seines geöffneten Bauches waren die Gedärme fast durchschnitten worden. Der Bader ergriff Robs Arm und zog ihn in die Hocke. »Sieh es dir an!« befahl er streng.
Rob sah mehrere Schichten an der Oberfläche sonnengebräunte Haut, blasses Fleisch, eine schleimige, helle Schicht. Der Darm war rosa wie ein Osterei, das Blut tiefrot.
»Es ist merkwürdig, dass ein aufgeschnittener Mensch viel ärger stinkt als ein aufgeschnittenes Tier«, stellte der Bader fest. Blut quoll aus der Bauchdecke, und der durchtrennte Darm entleerte in einem Schwall seinen Kot.
Der Mann sprach leise auf Dänisch, vielleicht betete er.
Rob würgte, aber der Bader hielt ihn bei dem niedergestochenen Mann fest, als würde er einem jungen Hund die Nase in seinen eigenen Kot reiben.
Rob ergriff die Hand des Treibers. Der Mann war wie ein Sandsack mit einem Loch im Boden; Rob spürte, wie das Leben aus ihm rann. £r hockte neben dem Treiber und hielt seine Hand fest, bis kein Sand mehr in dem Sack war und Vitus' Seele mit einem trocken raschelnden Geräusch wie ein welkes Blatt einfach davonflog.
Sie übten weiter mit den Waffen, aber jetzt war Rob vorsichtiger und etwas weniger hitzig.
Er dachte öfter über seine Gabe nach, beobachtete den Bader, hörte ihm zu und eignete sich nach und nach sein gesamtes Wissen für spätere Tage an. Während er mit den Krankheiten und ihren Symptomen vertrauter wurde, begann er insgeheim ein Spiel, bei dem er versuchte, an den äußerlichen Anzeichen festzustellen, was jedem Kranken fehlte.
In dem Dorf Richmond in Northumbria sahen sie in der Reihe der wartenden Kranken einen bleichen Mann mit Triefaugen und einem quälenden Husten.
»Was fehlt diesem Mann?« fragte der Bader.
»Höchstwahrscheinlich Schwindsucht, oder?«
Der Bader lächelte zustimmend.
Als der hustende Patient jedoch an die Reihe kam, ergriff Rob seine Hände, um ihn hinter den Wandschirm zu führen. Es war nicht der Griff eines Sterbenden: Robs Gefühl verriet ihm, dass dieser Mann zu kräftig war, um an Schwindsucht zu leiden. Er spürte, dass der Mann sich nur erkältet hatte und bald die Beschwerden los sein würde.
Er sah keinen Grund, dem Bader zu widersprechen; allmählich merkte er aber, dass seine Gabe es ihm nicht nur ermöglichte, den Tod eines Menschen vorauszusagen, sondern dass sie auch nützlich sein konnte, um eine Krankheit zu erkennen und vielleicht den Lebenden zu helfen.
Tatus zog den roten Wagen langsam nach Norden über die englische Erde von Dorf zu Dorf, von denen manches zu klein war, um einen Namen zu haben. Wann immer sie zu einem Kloster oder einer Kirche kamen, wartete der Bader geduldig im Wagen, während sich Rob nach Vater Ranald Lovell und einem Jungen namens William Stewart Cole erkundigte. Doch niemand hatte je von ihnen gehört. Irgendwo zwischen Carlisle und Newcastle-upon-Tyne kletterte Rob auf einen Steinwall, den Hadrians Kohorten neunhundert Jahre zuvor errichtet hatten, um England vor schottischen Plünderern zu schützen. Er war zwar noch m England, aber seine Gedanken wanderten nach Schottland hinüber, und er machte sich klar, dass die größte Aussicht, jemanden von seinen Geschwistern zu treffen, in Salisbury bestand, wohin die Haverhills seine Schwester Anne Mary mitgenommen hatten.
Als sie endlich Salisbury erreichten, machte die Bäckerzunft zunächst einen Strich durch seine Rechnung. Der Zunftmeister der Bäcker hieß Cummings. Er war untersetzt und sah aus wie ein Frosch. Er war zwar nicht so schwer wie der Bader, aber wohlbeleibt, wie es seinem Beruf entsprach. »Ich kenne keine Haverhills.« »Könntet Ihr nicht in Euren Aufzeichnungen nachsehen?« »Hör zu, es ist Jahrmarkt. Viele Angehörige meiner Zunft beteiligen sich an dem Jahrmarkt in Salisbury, wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht. Du musst uns nach dem Jahrmarkt aufsuchen.« Während des Jahrmarktes war er beim Jonglieren, beim Aderlassen und bei der Behandlung der Kranken nur halb bei der Sache und hielt ständig nach einem vertrauten Gesicht Ausschau, um vielleicht das junge Mädchen zu erblicken, das Anne Mary sein musste. Er sah sie nicht.
Am Tag nach dem Jahrmarkt betrat er wieder das Gebäude der Bäckerzunft von Salisbury. Es war ein sauberes, anziehendes Haus, und trotz seiner Unruhe fragte er sich, warum die Häuser anderer Zünfte immer besser gebaut waren als die der Zimmerleute. »Ah, der junge Bader!« Cummings begrüßte ihn jetzt freundlicher und war auch zugänglicher. Er blätterte in dicken Büchern, dann schüttelte er den Kopf. »Wir hatten niemals einen Bäcker namens Haverhill.« »Es war ein Mann mit seiner Frau«, sagte Rob. »Sie haben ihren Pastetenladen in London verkauft und wollten hierher ziehen. Sie haben ein kleines Mädchen bei sich, das meine Schwester ist. Sie heißt Anne Mary.«
»Es ist klar, was geschehen ist, junger Chirurg. Nachdem sie ihren Laden verkauft hatten, fanden sie auf dem Weg hierher eine bessere Gelegenheit. Vielleicht erfuhren sie von einer Ortschaft, die dringend einen Bäcker brauchte.«
»Ja, das klingt einleuchtend.« Rob dankte dem Mann und kehrte zum Wagen zurück.
Der Bader war sichtlich enttäuscht, sprach ihm aber Mut zu. »Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben! Eines Tages wirst du sie wiederfinden, du wirst sehen.«