Sophiechen und der Riese
- Автор: Даль Роальд
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Детская проза
Электронная книга - «Sophiechen und der Riese». Краткое содержание книги:
Nun war Seufzen und Stöhnen zu hören. Dann herrschte lange Zeit Schweigen.
Sophiechen wartete ab. Sie schaute über ihre Schulter nach draußen. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke, jetzt würde da unten im Garten der Mann mit dem Hund stehen und zu ihr heraufblicken. Doch der Garten war leer. Ein fahler sommerlicher Morgendunst schwebte in der Luft wie zarter Rauch. Der Garten war riesig groß, wunderschön und hatte am Ende ganz hinten einen großen, komisch geformten See. In diesem See lag eine Insel, und auf dem Wasser paddelten Enten herum. Im Inneren des Schlafgemachs, hinter dem Vorhang, hörte Sophiechen plötzlich so etwas wie Anklopfen. Dann hörte sie, wie die Türklinke bewegt wurde. Und schließlich hörte sie, wie jemand in das Zimmer trat. «Guten Morgen, Euer Majestät», sagte eine Frauenstimme. Es war die Stimme einer schon etwas älteren Frau.
Danach kam eine Pause, bis leises Geklapper von Geschirr und Besteck zu vernehmen war.
«Wohin darf ich Ihnen das Tablett stellen, Madam? Aufs Bett oder auf den Tisch?»
«Ach, Mary! Gerade eben ist etwas Furchtbares passiert!»
Die Stimme der Königin! Der Königin von England! Sophiechen hatte diese Stimme schon im Radio gehört und im Fernsehen. So also hörte sich die Stimme einer Königin an!
«Was war denn los, Madam?»
«Ich habe gerade einen äußerst grausigen Traum geträumt! Ein wahrer Alptraum war das. Wirklich schauderhaft!»
«Oh, das tut mir aber leid, Madam. Doch machen Sie sich keine Sorgen. Nun sind Sie ja aufgewacht, und alles ist wieder gut. Es war halt nur ein Traum, Madam.» «Weißt du, was ich geträumt habe, Mary? Ich habe geträumt, in Kinderheimen würden kleine Mädchen und Jungen aus ihren Betten geholt und aufgefressen von greulichen Riesen! Diese Riesen streckten den Arm durch das Schlafsaalfenster und zupften sich die Kinder mit den Fingern heraus! Einen Happen aus einem Mädchenheim, und einen Happen aus einem Knabenheim! Alles war täuschend echt, Mary! Genau wie im wirklichen Leben!» Schweigen herrschte jetzt. Sophiechen wartete gespannt. Sie zitterte am ganzen Körper. Warum wurde da drinnen geschwiegen? Warum sagte die andere, die Kammerzofe, warum sagte die keinen Ton? «Mary, was hast du?» sagte die königliche Stimme. Wieder herrschte Schweigen.
«Mary! Du bist ja ganz weiß geworden! Geht's dir nicht gut?»
In diesem Augenblick gab es ein schrilles Geklapper, Geklimper und Geklirr von Geschirr, was nur bedeuten konnte: der Zofe war das Tablett mit dem Frühstück aus den Händen gefallen.
«Aber Mary!» rief die königliche Stimme tadelnd. «Ich glaube, du solltest dich lieber erst einmal setzen! Du siehst aus, als ob du gleich ohnmächtig wirst. Du brauchst es dir wirklich nicht so zu Herzen zu nehmen, wenn ich einmal einen schlimmen Traum gehabt habe.» «Aber . aber . das ist nicht der Grund, Madam.» Die Zofe sprach mit einer vor Angst zitternden Stimme. «Um Himmels willen, was ist denn sonst der Grund?» «Das mit dem Tablett tut mir sehr leid, Madam.» «Ach, laß doch das Tablett! Aber sag mal, warum hast du es denn bloß fallen lassen? Warum bist du mit einemmal schneeweiß geworden im Gesicht?» «Haben Sie schon gesehen, Madam, was heute in der Zeitung steht?»
«Nein, was steht da denn?»
Sophiechen hörte das Papier rascheln, als die Zeitung gereicht wurde.
«Da steht wörtlich dasselbe, was Sie vergangene Nacht geträumt haben, Madam.»
«Aber Mary, das ist doch Unsinn. Wo steht das?» «Gleich auf der ersten Seite, Madam. In der Schlagzeile.» «Allmächtiger Himmel!» rief die königliche Stimme. «Achtzehn Schülerinnen auf rätselhafte Weise aus Schlafsaalbetten verschwunden! Vierzehn Knaben in Internat vermißt! Knochenreste unter den Fenstern gefunden!» Die folgende Pause wurde hin und wieder von Seufzern der königlichen Stimme unterbrochen.
«Nein, wie grauenvoll!» rief die königliche Stimme. «Das ist ja ent-setz-lich! Knochenreste unter den Fenstern! Wie ist das nur möglich? Ach, diese armen, armen Kinder!» «Aber Madam ... merken Sie nicht, Madam ...» «Was soll ich merken, Mary?»
«Diese Kinder sind haargenau so umgekommen, wie Sie es geträumt haben, Madam!» «Aber nicht durch Riesen, Mary.»
«Das nicht, Madam. Aber die Sache mit den Mädchen und Jungs, die aus ihrem Schlafsaal verschwinden, davon haben Sie erst ganz deutlich geträumt, und dann ist es in Wirklichkeit passiert. Deswegen, Madam, ist mir mit einemmal so komisch geworden.» «Mir ist ja selber ein bißchen komisch zumute, Mary.» «Es macht mich ganz fertig, Madam, wenn so was passiert, völlig fertig.»
«Das kann ich nachfühlen, Mary.»
«Ich hole Ihnen jetzt ein neues Frühstück, Madam, und laß den Schlamassel wegräumen.»
«Nein. Geh nicht weg, Mary! Bleib noch einen Moment!»
Sophiechen hätte jetzt zu gerne in das Zimmer hineingeschaut, aber sie wagte nicht, die Vorhänge auch nur zu berühren. Da war auch schon wieder die königliche Stimme zu hören. «Ich habe ja tatsächlich von diesen Kindern geträumt, Mary. Und zwar kristallklar.» «Ja, Madam, das haben Sie, ich weiß.» «Ich weiß nur nicht, wie die Riesen ins Spiel gekommen sind. Das war natürlich Unsinn.»
«Soll ich den Vorhang aufziehen, Madam? Dann schaut alles gleich viel besser aus. Heut ist nämlich schönes Wetter.»
«Ja, bitte.»
Ritsch, ratsch wurden die langen Vorhänge beiseite gezogen.
Die Kammerzofe kreischte auf.
Sophiechen saß starr vor Entsetzen auf ihrer Fensterbank.
Die Königin saß, die Zeitung auf dem Schoß, aufrecht im Bett und blickte höchst erschrocken drein. Jetzt wurde sie starr vor Staunen. Sie kreischte aber nicht auf, wie die Zofe es getan hatte. Königinnen sind viel zu vornehm für dergleichen. Sondern sie saß einfach da und starrte mit aufgerissenen Augen und weiß gewordenem Gesicht auf das kleine Mädchen, das da auf ihrer Fensterbank hockte in einem Nachthemdchen. Sophiechen war wie versteinert.
Merkwürdigerweise sah auch die Königin aus wie versteinert. Eigentlich hätte sie eher überrascht aussehen müssen wie wohl jeder von uns, der eines Morgens als erstes ein kleines Mädchen auf seinem Fensterbrett entdeckt. Aber überrascht sah die Königin nicht aus, sondern zutiefst erschrocken.
Die Kammerzofe - eine gesetzte Person mit einer drolligen Haube auf dem Kopf - kam als erste wieder zu Verstand. «Um Himmels willen, was fällt dir denn ein?» schimpfte sie wütend Sophiechen an.