Sophiechen und der Riese
- Автор: Даль Роальд
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Детская проза
Электронная книга - «Sophiechen und der Riese». Краткое содержание книги:
Der GuRie glitt weiter, indem er seine lange dünne, schwarzumhüllte Gestalt an die Palastwand schmiegte.
Jetzt stand er vor dem nächsten Fenster und lauschte.
«Nein», flüsterte er.
Und weiter ging's.
«Dies Zimmer ist leer», flüsterte er.
Er horchte an einem Fenster nach dem anderen, aber jedesmal schüttelte er den Kopf und schlich weiter. Als er zu dem Fenster genau in der Mitte des Palastes kam, horchte er auch dort, ging aber nicht weiter. «Ahaa!» flüsterte er. «Hier haben wir eine Dame drin schlafen.» Sophiechen fühlte, wie ihr ein kleiner Schauder über den Rücken lief. «Aber was für eine Dame?» fragte sie flüsternd.
Der GuRie legte den Finger auf den Mund. Er brauchte jetzt vollkommene Stille. Ganz vorsichtig streckte er eine Hand durch den oberen Fensterspalt und schob mit äußerster Behutsamkeit den Vorhang ein wenig auseinander.
Der rötliche Schimmer des Nachthimmels über London drang in das Zimmer und warf einen Abglanz auf die Wände. Es handelte sich um ein großes Gemach: wunderschön eingerichtet mit üppigen Teppichen, vergoldeten Stühlen, einem Frisiertisch und einem Bett. Und auf dem Kissen in diesem Bett lag der Kopf einer schlummernden Frau.
Sophiechen wurde schlagartig bewußt, daß sie jetzt das Gesicht vor sich hatte, das sie schon vom Fernsehen und von Briefmarken her kannte.
Ein paar Sekunden war sie sprachlos.
«Ist sie das?» flüsterte der GuRie.
«Ja», hauchte Sophiechen.
Sofort machte sich der GuRie an die Arbeit. Zuerst öffnete er geschickt und lautlos die unteren Flügel des großen Fensters. Der GuRie war ja ein Fensterfachmann. Tausende von Fenstern hatte er schon aufgemacht im Laufe der Jahre, um in die Kinderzimmer seine Träume hineinblasen zu können. Manche Fenster klemmten. Einige klirrten. Andere quietschten oder knarrten. Da war es sehr schön, daß das Fenster der Königin perfekt funktionierte. Der GuRie öffnete es gerade so weit, daß Sophiechen auf der Fensterbank Platz nehmen konnte. Als nächstes zog er den Vorhang wieder zu. Dann nahm er Sophiechen zwischen Daumen und Zeigefinger von seiner Ohrmuschel herunter und setzte sie auf das Fensterbrett, so daß ihre Beine gerade noch ins Zimmer baumelten, aber hinter dem Vorhang blieben. «Mach ja keinen Salto nach hintern!» flüsterte der GuRie.
«Immer schön festhalten an dem Brett, und zwar mit beiden Händen.»
Sophiechen tat, was er sagte.
Es war Sommer in London, die Nacht war nicht kalt, aber man darf nicht vergessen, daß Sophiechen nur ihr dünnes Nachthemdchen anhatte. Was hätte sie nicht alles dafür gegeben, wenn sie jetzt ihren Bademantel gehabt hätte - weniger um sich damit zu wärmen, als vielmehr um ihr verräterisch weißes Nachthemd damit zu verhüllen vor den Wächterblicken von unten aus dem Garten.
Der GuRie holte das Glas aus seiner Manteltasche und schraubte den Deckel ab. Ganz, ganz vorsichtig ließ er dann den kostbaren Traum in den Trichter seiner Trompete schlüpfen. Hierauf schob er das lange, dünne Trompetenrohr durch den Schlitz zwischen den Fenstervorhängen, schob es möglichst weit in das Zimmer hinein und zielte dabei in die Richtung, wo, wie er wußte, das Bett stand. Und nun holte er tief Luft, blies seine Backen auf und -pffffustete los.
Gleich zog er die Trompete zurück, so behutsam, wie man zum Beispiel das Thermometer herauszieht. «Sitzt du gut so?» flüsterte er.
«Ja», antwortete Sophiechen. Eigentlich hatte sie ganz schön Angst, aber zeigen wollte sie nichts davon. Sie riskierte einen Blick über die rechte Schulter nach unten: Der Erdboden schien kilometerweit in der Tiefe zu liegen. Das war wirklich verdammt tief!
«Wie lange braucht der Traum, bis er wirkt?» flüsterte Sophiechen.
«Der eine braucht eine Stunde», erklärte der GuRie. «Der andere ist schneller. Wieder der andere ist noch langsamer. Aber der hier findet sie ganz bestimmt zum Schluß.» Sophiechen sagte nichts.
«Ich geh und warte im Garten», flüsterte der GuRie. «Wenn du mich brauchst, ruf meinen GuRie-Namen. Ich komme sehr schnell.»
«Und wenn du mich nicht hörst?» flüsterte Sophiechen. «Ich hab doch die hier», flüsterte der GuRie und zeigte lächelnd auf seine großen Ohren.
«Auf Wiedersehen», flüsterte Sophiechen. In diesem Moment geschah etwas Unerwartetes: Der GuRie beugte sich herunter und gab ihr auf die Backe einen zarten Kuß.
Da wären Sophiechen fast die Tränen gekommen. Als sie sich nach ihm umdrehte, war er schon verschwunden. Als ob er sich einfach in Nichts aufgelöst hätte.
Die Königin
Endlich wurde es hell. Zitronengelb ging die Sonne über den Dächern der großen Stadt London auf. Nicht lange, und Sophiechen verspürte schon etwas Sonnenwärme auf dem Rücken und war froh darüber. Aus der Ferne hörte sie die Glocke einer Kirchturmuhr schlagen. Sie zählte die Schläge. Es waren sieben. Sie konnte und konnte es einfach nicht fassen, daß sie, die arme kleine Sophia, ein Waisenkind ohne die geringste Bedeutung, jetzt in diesem Moment höchstpersönlich auf dem Fensterbrett des Schlafgemachs der Königin von England saß und daß die Königin ebenfalls höchstpersönlich da drinnen hinter den Vorhängen schlief, keine fünf Meter entfernt.
Allein die Vorstellung war schon der reinste Wahnsinn. So etwas hatte bis dahin noch keiner gemacht. Man brauchte schon sehr viel Mut, um so etwas zu machen.
Was würde wohl passieren, wenn das mit dem Traum nicht richtig funktionierte?
Kein Mensch, und schon gar nicht die Königin, würde ihr auch nur ein einziges Wörtchen glauben. Immerhin schien es denkbar, daß vorher überhaupt noch nie jemand aufgewacht war und hinter dem Vorhang auf der Fensterbank seines Schlafzimmers ein einsames kleines Kind angetroffen hatte.
Die Königin würde zweifellos einen Schock kriegen. Das würde wohl jeder.
So geduldig, wie nur kleine Mädchen es fertigbringen, die auf etwas Wichtiges warten, saß Sophiechen auf der Fensterbank: regungslos.
Wie lange dauert das denn noch, fragte sie sich. Um welche Uhrzeit werden wohl Königinnen wach? Tief aus dem Inneren des Königspalastes drang schwaches Rumoren und allerlei gedämpftes Geräusch an ihr Ohr. Doch dann, urplötzlich, passierte etwas hinter dem Vorhang: Sie hörte die Stimme der Dame, die in dem Schlafzimmer schlief. Die Stimme klang unklar, wie das so ist bei Leuten, die im Schlaf reden. «Nein! Nicht! - Man soll doch endlich einschreiten! - Das dürfen sie nicht! - Ich dulde das nicht! - Bitte, verhindern Sie das! - Wie schrecklich! - Oh, wie entsetzlich! - Nein! Nein! Nein ...!» Jetzt träumt sie den Traum, sagte sich Sophiechen. Das muß wirklich ein Schreckenstraum sein. Sie tut mir ja so leid. Aber wir mußten es tun.